Woanders

Wir waren mal woanders. Auf dem Festland, genauer gesagt.

Da waren wir seit fast einem Jahr nicht mehr. Ein wenig gezögert und überlegt haben wir schon, denn unter anderem haben wir den ganzen Pandemie-Alptraum bisher hier ausgesessen und das – spätestens seit der Öffnung für den Tourismus trügerische – Gefühl, hier sicherer zu sein, hat auch uns erfasst.

Deshalb fahren wir auch nicht wie sonst üblich mit dem Zug, sondern mieten einen Kleinwagen, der sich dann aus irgendwelchen logistischen Gründen in einen merkwürdig angeschwollenen und ausgebeulten Möchtegern-Geländewagen verwandelt hat.

Viele lange Straßen hat es, dieses Festland und viele LKWs, die man auf manchen Strecken eigentlich auf der rechten Spur aneinanderkoppeln könnte.

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Die Sommer-Open-Airs, die wir in den vergangenen Jahren besucht haben sind natürlich alle abgesagt (heul!). Aber irgendwann kommen wir dann doch an bei unseren Freunden und Familien.

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Die haben Häuser und Gärten, wie es sie auf der Insel nicht geben kann.

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Wahre Krempoli-Refugien voller alter Bauwagen, abgemeldeter Autos und allerhand anderem Zeugs.

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Während des Lockdowns ist noch so einiges hinzugekommen. Baumhäuser aus Garagen-Sperrmüll zum Beispiel.

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Es gibt Kinderwagen, die sehr praktisch beim Bierholen sind und, ähhh…

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…Gothic-Tomaten…

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…oder submissiv-willenlose Katzen (ja, endlich mal wieder Katzencontent!).

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Andere Menschen haben kleine Kinder, die sich schneller bewegen, als eine Kamera knipsen kann und mit denen wir in den wieder geöffneten Tiergarten gehen. Das Aquarienhaus finden sie am besten.

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Lustig aussehende Unterwasserwesen gibt es da.

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Bei anderen müssen wir gleich weitergehen. Brrr.

Und dann gibt es natürlich auch Städte.

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Manches ist absurd und manches rätselhaft.

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Bin nur ich das oder müsst ihr euch auch gleich eine Geschichte dazu ausdenken?

Städte sind traditionell Orte, an denen man gerne seine Mitmenschen behandelt wie Verkehrshindernisse oder sich sonstwie danebenbenimmt, weil man ja gleich wieder in der Menge verschwinden kann. Das kann den Gang durch die Fußgängerzone für einen Insulaner zu einer Art Slalomlauf machen. Oft scheint es mir, dass die Leute die Achtsamkeit einfach leid haben und nun versuchen, die Pandemie zu Tode zu ignorieren. Ich habe Zweifel, dass das funtkionieren wird.

Drei Wochen reisen wir so von einem Gästebett zum anderen. Und dann heißt es wieder zurückfahren. Der Mietwagen hat diesmal eine noch lächerlichere SUV-Schwellung erlitten. “Ist ein kostenfreies Upgrade”, meint der Mensch von der Autovermietung ganz stolz und um ihn nicht zu beleidigen, sagen wir brav “danke”.

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Als wir in Cuxhaven ankommen, ist die Temperatur gleich mal um zwölf Grad gefallen. Willkommen im Norden.

Die Rückfahrt ist längst nicht so abenteuerlich wie die Hinfahrt vor drei Wochen, aber manche Passagiere sind trotzdem anderer Meinung.

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Und da sind wir dann wieder. Ohh, ahhh, das wunderbare eigene Bett!

Für ein paar Tage lang werden wir die bunte Vielfalt auf dem Festland vermissen.

Anderes ist aber tröstlich, zum Beispiel die bei uns vergleichsweise hohe Hygiene-Disziplin und Rücksichtnahme. Die Inselgemeinschaft mag manchmal spießig und beengend erscheinen, aber auf der anderen Seite ist hier niemand “Niemand”. Jede(r) hat einen Namen und eine Geschichte.

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Und bei der Nachbarin gibt es wieder “Segen to go”. In pessimistischen Augenblicken denke ich, dass wir den bald noch dringend brauchen werden.

Fertsotzung felgt

(Ich habe in der Überschrift drei Tippfehler versteckt. Wer sie zuerst findet, darf sie behalten.)

Heute habe ich die Steinschlange besucht und sie ist wieder länger geworden. Anscheinend haben auch die meisten Gäste verstanden, dass die Einladung nicht darin besteht, Steine mitzunehmen, sondern selbst welche hinzuzufügen.

Ich bin ja ein wenig nahe am Wasser gebaut. Jedesmal, wenn ich erlebe, wie viele verschiedene Menschen es gibt, was für verschiedene Dinge ihnen durch den Kopf gehen und was sie ohne eigenen Vorteil daraus machen, fange ich an, die Brille abzunehmen und mir im Gesicht herumzurubbeln. Da muss man sich dann aber keine Sorgen machen.

Insofern: Bühne frei für die Steinschlange! Was haben wir denn heute?

Bedienungshinweise für die Steinschlange, Schutzengel, Zebrafische, kleine Seeungeheuer, Weisheiten, Regenbögen und jemand macht sich offenbar Sorgen, weil die Stones ja auch nicht mehr die Jüngsten sind.

Und ein Stein für George Floyd.

Ins Blaue hinein

Vorgestern erhielt ich eine Nachricht von Freunden auf dem Festland. Das Foto zeigt sie in ihrem VW-Bus mit einem irgendwie manischen Grinsen auf dem Weg an die Ostsee (und es ist schade, dass ich das Bild hier nicht zeigen kann, aber hey, Privatsphäre ;-). Ich habe ihnen dann erstmal die passende Reisemusik geschickt.

Ich glaube, da ging mir der Ausdruck “ins Blaue” durch den Kopf. So sagt man ja manchmal, wenn man irgendetwas beginnt, ohne genau zu wissen, wohin es führt.

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Manchmal ist es aber ganz wörtlich wahr.

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Seit zwei Wochen haben wir wieder Gäste auf dem Felsen. Gerade rechtzeitig, damit die Besucher erleben können, wie hier die Natur für den kurzen Inselsommer geradezu explodiert.

Bisher ist anscheinend alles gutgegangen.

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Nach wie vor gibt es einige Vorsichtsmaßnahmen. Die Schiffe nehmen nur die Hälfte der möglichen Passagierzahl mit und die Zahl der Tagesgäste, die lediglich zum Duty-Free-Shoppen kommen, ist auf 100 pro Reederei beschränkt.

Und doch wird ein Gang durch das Unterland zwischen 12 und 16 Uhr wieder zu einer Art Slalomlauf. Das ist eigentlich nichts Neues, denn nicht nur in diesem Sommer bringen manche Besucher ihre Manieren vom Festland mit.

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Zum Beispiel den unerschütterlichen Kollisionskurs bei der Einkaufstour (stampf-stampf-ich-seh-dich-nicht-an-weich-du-gefälligst-aus). Das kann man ärgerlich oder lustig finden, aber zur Zeit macht der Insulaner da lieber einen etwas größeren Bogen. (Und das ist natürlich nur ein Symbolfoto, weil – schon wieder – Privatsphäre…)

Ich drehe eine Runde im Oberland und als ich Richtung Westen übers Meer schaue, denke ich: Hm, irgendwie liegen da viel zuviele Frachter auf der Außenreede.

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Ach so, ja, die Frachtschifffahrt ist ja ähnlich lahmgelegt wie die Flotten der Kreuzfahrtschiffe.

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Neulich saßen Fe und ich da und aus dem Radio plätscherten die Nachrichten von der Neuen Lockerheit (sorry) hierzulande und Gegenteiliges aus den Regionen, in denen das Desaster immer noch unvermindert fortschreitet. Und wir haben uns gefragt, ob wir mit unserer zögerlichen Erleichterung jetzt irgendwie traumatisiert sind oder sonstwie eine Dauermeise erlitten haben.

Oder ob wir alle eine Reise ins Blaue machen.

Die Steinschlange

Es ist Sonntag und wir gehen die Basstölpel besuchen. Aaach, denkt ihr vielleicht, die hatten wir doch letzte Woche schon.

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Aber sorry, sie werden nicht langweilig. Sie sind einfach hier. Und nach dem ganzen Krakeel in den vergangenen Wochen sind jetzt die ersten Eier da.

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Es gibt aber noch mindestens eine weitere interessante Spezies auf Helgoland. Sie werden Kinder genannt.

Oder auf Helgoländisch letj Mensk, also kleiner Mensch.

Auch sie leben seit fast zwei Monaten unter den Bedingungen der Pandemie: Wenig oder keine Begegnungen mit ihren Freunden und Freundinnen, denn dadurch könnten sie ihre Eltern oder Oma und Opa in Gefahr bringen. In meinem Kopf entsteht das Bild eines Kindes, das einen Rucksack schleppt, der eigentlich für sogenannte Erwachsene gemacht ist.

Die Inselschule hat nicht einfach aufgehört, ihre SchülerInnen zu unterrichten. Es gibt Email, es gibt ein System für digitale Klassenzimmer (und sehr viel Arbeit, das alles so holterdipolter umzustellen).

Aber all das ist ja nur die halbe Miete. Die andere Hälfte – und ich erinnere mich noch nach über vierzig Jahren daran – ist der Ort, wo man seine FreundInnnen (und manchmal auch FeindInnen) trifft. Also so, na ja, analog, nicht auf einem Bildschirm. Die Realität hat nach wie vor die bessere Auflösung.

Deshalb haben sich die Helgoländer Kinder die Steinschlange ausgedacht. Möglicherweise hat die Schuldirektorin dabei mitgeholfen, aber das macht ja nichts.

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Die Steinschlange lebt am Klippenrandweg des Oberlandes und besteht aus den verschiedensten Steinen (und davon haben wir reichlich), die man am Strand finden und bemalen oder sonstwie umgestalten kann.

Und damit gebe ich das virtuelle Mikrofon ab an die Kinder der Insel Helgoland.

Helgoländer Kinder, ich verneige mich (und entschuldige mich bei all denen, deren Stein ich nicht fotografiert habe).

Eia popeia

Die Helgoländer StraßenmalerInnen waren wieder am Werk. Und nicht nur die.

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Wundersamerweise gibt es nämlich nicht nur Osterschmuck in den Vorgärten…

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…sondern auch in den Bäumen an der Oberlandtreppe.

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Und da der Aufzug ja nur noch im Notbetrieb fährt, ist die Treppe mehr denn je die Hauptverkehrsader der Insel.

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Vielleicht fragt sich die (oder der) eine oder andere: Es gibt eine lang andauernde Pandemie mit ungewissem Ausgang und ihr dekoriert die Bäume mit Ostereiern? Habt ihr denn Lack gesoffen da oben?

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Nee, eigentlich nicht.

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Es ist nämlich nicht wissenschaftlich belegt, dass Untergangsstimmung infektionshemmend wirken würde.

Wer keine Eier anmalen will, kann ja auch die seit langer Zeit geplante Renovierung der Gartenbank in Angriff nehmen.

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Einer der Rettungssanis vom Inselkrankenhaus bleibt kurz stehen, reibt sich das Kinn und meint grinsend: “Man könnte sie aber auch blau streichen.”

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Es gibt ja Leute (und die kommen nicht nur vom Festland), die behaupten, dass man sowieso einen Vogel haben muss, um hier zu leben. Kein Problem. Haben wir reichlich.

Vielleicht, vielleicht haben wir es einfacher in dieser Zeit, hier am Ende der Welt.

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Das wird aber nicht so bleiben. Denn auch unsere Insel ist Teil einer Welt, die nicht länger als ein paar Tage langsamer werden darf, ohne auseinanderzufallen. Und damit diese Welt so weitermachen kann, werden bald neue Prioritäten gesetzt.

Ärzte werden zu medizinischen Sachverhalten befragt und ihre Antworten, meistens gegen ihren Willen, zu gesellschaftspolitischen und ethischen Entscheidungsrichtlinien umgemünzt. Am Ende entsteht vor mir eine Zukunftsvision, die so grausam und kalt ist, dass ich die entsprechenden Zeilen entsetzt wieder vom Bildschirm lösche.

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Dann doch lieber an der Steilklippe stehen und zusehen, wie ein Frachtschiff in einer Nebelbank verschwindet.

Reg dich ab, du alter Schwarzmaler. Lebe heute und erhoffe das Beste. Wie die MalerInnen von Helgoland.

Zweibeiner und Vierbeiner (plus ein Klopapier-Witz)

Da sind sie nun, die Feiertage. Aber so einen großen Unterschied spürt man nicht, weil wir seit Wochen in einer Art verordneter Schulschwänzer-Stimmung leben. Also trifft man beim Spaziergang durch das nördliche Oberland eine Menge Insulaner. Normalerweise hätten die (mich eingeschlossen) keine Zeit dafür, sondern würden die Gäste der Frühsaison betüddeln.

Für andere Insulaner ist aber “Business as usual”.

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Im Oberland gibt es eine freilaufende Herde von Heidschnucken. Die sind sozusagen als autonome Rasenmäher unterwegs und halten die Grasnarbe kurz.

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Außerdem können sie selber neue Rasenmäher bauen.

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Bäääh!

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Die Nistplätze an der Steilklippe sind komplett ausgebucht und in einem Monat wird es losgehen mit dem Lummensprung.

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Weiter oben bei den Basstölpeln kann es schon mal schwierig werden mit der Landefreigabe.

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Platz da!!! Keine Bremse!!!

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Uff.

Gelegentlich landet man versehentlich auch mal auf dem Kopf des Nachbarn. Dann pflanzt sich eine Woge von Gezeter durch die gesamte Versammlung fort und ich muss unwillkürlich an die absurden Saloonschlägereien in den alten Spaghetti-Western denken.

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Und wenn das alles zu nervig wird, ist es natürlich praktisch, fliegen zu können.

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Auf dem Rückweg kommen wir am Berliner Bären vorbei. Stoisch wie immer schaut er über den Südhafen hinweg.

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Vor der Hafeneinfahrt liegen ein paar Kriegsschiffe in ihrem typischen Ich-möchte-nicht-darüber-sprechen-Grau. Die kommen aus Belgien, den Niederlanden und Norwegen und… ja, was machen sie eigentlich? Krieg spielen? Ostereier suchen? Mal frische Luft schnappen?

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Die Crewschiffe der Windkraft-Techniker bevorzugen eher was Buntes. Natürlich fehlt das Weiß der Passagierschiffe.

Und dann gehen wir wieder nach Hause.

Aber halt, was wäre ein Blog-Eintrag im April 2020 ohne einen Klopapier-Witz?

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Erinnert ihr euch noch an das Bild vom 30.3.2020? Das Klopapier wartet immer noch auf seine Hamster.

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Wenn man näher hineinzoomt, gewinnt man dennoch weitere Erkenntnisse.

Nein, wir beißen nicht ins Klopapier, nicht heute und auch sonst nicht. Ich meine den weißen Zettel, den Sebastian links daneben an die Tür geklebt hat. Da wird erklärt, wie man selbst Backhefe machen kann. Die ist nämlich wirklich alle.

Also: Bestellungen? Wollen wir tauschen?

Nacht

Gestern Abend lief ich los, um mir den aufgehenden Vollmond anzusehen. Es geht wieder dem Sommer entgegen und um 22 Uhr ist im Nordwesten noch blaue Stunde.

Es ist völlig still. Die Zeit der Winterstürme ist vorbei und Gäste kommen natürlich auch keine hierher.

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Dann gehe ich weiter in Richtung Südklippe, denn der Mond wird in Ost-Süd-Ost erscheinen.

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Über dem Horizont liegt eine Wolkenbank, also dauert es eine halbe Stunde, bis er ganz sichtbar ist.

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Ich mache ein paar Aufnahmen, lasse es dann sein und schaue einfach nur. Meine Taschenknipse ist dieser Situation nicht wirklich gewachsen, aber ob eine bessere Kamera das wäre?

Vielleicht lässt sich das, was mich in solchen Momenten bewegt, überhaupt nicht fotografieren.

Was das ist?

Ich lebe meistens in einer Welt, die von meinesgleichen erbaut wurde. In dieser Welt können wir uns für groß und wichtig halten.

Es gibt aber Augenblicke, die mir zeigen: Stimmt nicht. In Wirklichkeit bin ich sehr klein.

Vor einiger Zeit sind Menschen unter riesigen Gefahren und Entbehrungen zu diesem leuchtenden Ball hingeflogen. Da war ich noch ein kleiner Junge und natürlich völlig fasziniert. Die meisten dieser Zwölf leben inzwischen nicht mehr. Und eigentlich waren wir nur wie ein Kind, das mit dem ersten Rad mit Stützrädern im Garten im Kreis fährt.

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Dann gehe ich wieder nach Hause, denn Fe wartet sicher mit dem Essen.

Der Mond steht schon über dem Kirchendach. Und Nacht heißt eigentlich nur, dass die Sonne gerade in Australien scheint.

Du weisst nicht, was ich diesen Sommer getan habe (Für Frau T.)

Ein gutes halbes Jahr habe ich das Blog und alles, was damit zusammenhängt, nicht mit dem (ähhh) hinteren Stoßfänger angesehen.

(Führende AmateurpsychologInnen werden sicher zu dem Schluss kommen, dass es daran liegt, dass ich vieles, was ich früher dem Blog erzählt habe, jetzt Fe erzähle und gut ist. Herzlichen Glückwunsch, ihr dürft eure Analyse gerne in drei Ausfertigungen in den Sand des Südstrandes schreiben, dann auf die Flut warten und ein Eis essen gehen.)

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Also hier ein kleiner Nachtrag:

Nach der RocknRoll-Butterfahrt brach erst mal der Sommer aus. Die Inselkatzen kommen aus ihren Verstecken und beziehen ihre Posten in der Sonne.

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Die Norder-Falm-Klippenmauer-Katze wird am Ende der Saison gefühlte 10.000 mal behätschelt und fotografiert worden sein. Eigentlich sollte die Kurverwaltung ihr dafür eine Leibrente bezahlen. Die Oberlandtreppenkatze ist da etwas zurückhaltender.

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Am Lummenfelsen kehren die ersten Seevögel zum Brüten zurück. Den Trottellummen kann man da nur mit einem Fernglas zusehen, weil sie in den Vorsprüngen der Steilklippe nisten; den Basstölpeln ist das aber egal. Die bauen ihre Nester so nahe am Klippenzaun, dass man sie streicheln könnte, was man aber aus einer Reihe von Gründen besser nicht tut. So ein erwachsener Tölpel hat im Flug eine Spannweite von etwa 120 Zentimetern und an der Innenseite des schönen Schnabels so eine Art Sägeblatt.

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Seine Eier sind aber etwas kleiner als ein Hühnerei. Da muss man schon einigermaßen Glück haben, um etwas zu erkennen, wenn Mama Tölpel drauf sitzt. Auch die Küken haben zuerst einmal so gar keine Ähnlichkeit mit ihren Eltern und sehen aus, wie Vogelküken meistens aussehen: Nackt, komisch und irgendwie wie winzige Dinosaurier.

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Nach zwei Wochen sehen sie dann aber schon aus wie kleine Wollknäuel. Hochgewürgtes ist gesund, egal was wir unter ästhetischen Maßstäben davon halten mögen.

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In der Bäckerei arbeitet ein neuer Verkäufer, der in seiner Freizeit an der Landungsbrücke Capoeira tanzt. Das sieht ziemlich gut aus und bringt südamerikanischen Schwung auf unser friesisches Inselchen.

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Fe macht mit ihrer Schulklasse eine Exkursion nach Cuxhaven. Das ist Teil der Vorbereitungen für den World Ocean Day und gleichzeitig so etwas wie Schüleraustausch in Miniatur. Da aber eine Begleitperson fehlt, werde ich mit “verpflichtet” und lerne in sehr kurzer Zeit sehr viel über die schwierige Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu erziehen. Kein Wunder, denn unter anderem verstehe ich zu diesem Zeitpunkt nichts davon. Null. Nada.

Aus offensichtlichen Gründen gibt es von der Exkursion keine detaillierten Berichte oder Fotos. Auch Teeniebratzen haben ein Recht auf Privatsphäre.

Oder halt, ein Foto hab ich doch. Da sind wir gemeinsam in der Bowlinghalle in Cuxhaven. Bowlen kann ich gerade gut genug, um die Bahn nicht zu beschädigen, aber lecker Knabbernüsse gibt es da. Und einen Automaten, aus dem man Flummibälle ziehen kann.

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Wenn ihr also mal nach Cuxhaven kommt, schaut mal rein, zieht einen Flummi und sagt schöne Grüße von dem Kerl, der am nächsten Abend wieder mit den Kids vorbeikam, um noch mehr Flummibälle zu ziehen. Die freuen sich bestimmt ;-) .

Allerdings schaffe ich es auch, mir bei dieser Reise die Blase zu verkühlen und der Inseldoc meint nach dem Ultraschallieren der entsprechenden Regionen so was wie, hmmm, da sollte mal ein Experte für Alte-Männer-Leiden genauer hinkucken. Natürlich ist der auf dem Festland und es dauert auch einige Wochen, bis man da einen Termin bekommt. Ich betrachte das erstmal als Hinweis, dass es wohl nicht so schlimm sein kann.

Inzwischen sind den Wollknäueln Füße und sowas wie Flügel gewachsen.

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Und Elisa hat Geburtstag. Zwar keine der drei Elisas, die ich kenne, aber egal: Alles Gute, Elisa, wo immer du jetzt sein magst.

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Der Facharzttermin verläuft, wie Termine bei Urologen meistens verlaufen: Man pinkelt in einen Becher, lässt sich diverse Gerätschaften in diverse Körperöffnungen stecken und lernt ein paar Urologenwitze. Das tut alles nicht wirklich sehr weh, aber im großen und ganzen wäre ich lieber noch ein paar Flummis ziehen gegangen.

Dazu war aber keine Zeit, denn die Leute in der Praxis machen einen riesigen Aufriss, damit ich am zweiten Tag gerade noch das Schiff nach Hause erreiche. Das rührt mich jedesmal wieder. Normalerweise braucht man aufgrund der Abfahrtszeiten des Schiffs für einen Arzttermin auf dem Festland jeweils drei Tage Zeit.

Nichtsdestotrotz habe ich jetzt einen Zettel in der Tasche, mit dem ich mich einigermaßen bald im Krankenhaus einfinden darf, um das Problem zurechtzuschnippeln zu lassen. Aber ich soll mir nicht so große Sorgen machen, denn über 60 Prozent aller Männer in meinem Alter haben sowas und nur ziemlich selten ist es Krebs.

Na dann.

Die Wollknäuel sind inzwischen etwa doppelt so groß und verlieren ihren Kükenflaum zugunsten des ersten Jugendgefieders. Das ist dunkelgrau, völlig anders als das Federkleid der erwachsenen Tiere und mit Flugversuchen ist auch noch nichts. Dafür aber mit Füttermich-Gezeter. Und da der Kükenflaum am Kopf am längsten bleibt, kriegen die Girls and Boys einen ziemlich punkigen Irokesenlook. Passt.

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Da es sowieso noch ein paar Wochen bis zum OP-Termin dauert (dann kann es wohl nicht so schlimm sein…), fahre ich noch schnell mal zu zwei Open-Air-Festivals auf dem Festland: Das Fusion Festival, bei dem ich 2016 glaubte, das sei jetzt Geschichte und das Herzberg-Festival, das inzwischen eher ein Hybrid aus Festival und extrem lotterlebigem Familientreffen geworden ist.

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Danach noch ein kurzer Tölpelcheck: Ja, die Punk-Knäuel sind noch größer geworden und beginnen, von der Farbe abgesehen, ihren Eltern zu ähneln. Und dann geht es ins Krankenhaus.

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Darüber gibt es nichts Sensationelles zu berichten: Allerlei Formulare, noch mehr Urologenwitze, Licht aus, Licht an und drei Tage, bis dann nach und nach die ersten Schläuche wieder aus mir rausgezogen werden. Der letzte dann nach sechs Wochen, aber das macht schon der Doc auf der Insel. Perfekte Routine.

Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus drückt mir der Doc die Unterlagen für den Hausarzt in die Hand, dreht sich in der Tür noch einmal um und sagt:

“Ach ja, bevor ich es vergesse: War kein Krebs.”

Stille.

“Weiss man erst nachher genau, durch die Gewebeproben.”

Na dann.

Bei den Basstölpeln ist inzwischen Abreisestimmung. Die ersten Jungvögel sind schon mit ihren Eltern verschwunden, aufs Meer hinaus, bis nächstes Jahr. Ein paar Nachzügler lassen sich immer noch füttern. Das sieht aber inzwischen fast schon bedrohlich aus (für die Eltern, nicht die Jungen).

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Tja, soweit der Nachtrag. Ein bisschen zu wenig Basstölpel und ein bisschen zuviel Krankengeschichten. Aber das wird wieder.

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Nicht wahr?

Butterfahrer und andere

Was bisher geschah: Es war Winter (ach?). Keine Gäste, die Straßen leergefegt. Im Oberland nur Lebewesen, die Stoizismus und dicke Pullis zur Schau stellen.

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Die Strände wüst und leer. Keine Fußspuren. Die entsorgen Wind und Gezeiten täglich.

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Am Nordoststrand steht ein kleiner Mensch und starrt die Nordsee an. Drei Tage lang frage ich mich immer wieder, was er wohl dabei gedacht hat. Wintersensationen eben.

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Auch auf der Düne nur das Heulen des Windes und das Zischen des Sandes, der deine Windjacke abschmirgelt.

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Und seine eigenen Sandburgen baut.

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Die Robben haben sich anscheinend mit der Familiengründung in den letzten Wochen ziemlich verausgabt und frönen ihrem Lieblingshobby: Herumliegen.

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Andere schauen scheinbar empört: Hey, du kannst mich doch garnicht sehen! Ich hab doch Tarnfell!

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Und dann plötzlich ein Vorbote des Frühjahrs.

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Oder zwei.

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Und noch ein dritter (der Zahnarztus Hamburgiensis ;-) .

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Und dann ist es wieder soweit. Wie jedes Frühjahr Ende April Flaggen- und Dresscodewechsel auf Helgoland: Die RocknRoll-Butterfahrt ist im Anmarsch.

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Mehr Schwarz an der Dünenfähre. Und überhaupt mehr mehr ;-) .

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Eigentlich konnte ich schon als kleines Mädchen nix mit Ska und Rammelpank anfangen, aber so als kulturelles Phänomen ist doch immer wieder faszinierend.

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Natürlich regnet es und ist a****kalt. Das ist Vorschrift.

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Am dritten Tag sehen einige Butterfahrer etwas… mitgenommen aus. Punk’s not dead, it just smells funny.

Aber ansonsten ist auch unübersehbar, dass ein beträchtlicher Anteil der Rocknroller inzwischen so etwa in meinem Alter ist und statt flattrigem Zelt auf der Düne lieber eine kuschelige Ferienwohnung auf der Hauptinsel anmietet.

Eigentlich bin ich ja hauptsächlich rübergefahren, um die neuen Ferienhäuser auszumessen und die OpenStreetmap-Karte zu aktualisieren. Aber mal kurz über den standesgemäß löcherigen Zaun gucken ist ja auch ok.

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Ratter ratter bumm bumm!!!

Danke, ihr schwarzbunten Knalltüten und bis nächstes Jahr!