Nicht vorüber

Manchmal – wenn nichts mich trösten kann -,

gehe ich auch bei Schietwetter hinaus. Ziehe die alte Regenhose an, die ein wenig zu groß ist, packe mich im Anorak ein.

Nur ein paar Hundebesitzer laufen mir über den Weg.

Am Sendemast ein Rauschen – man hört sich selbst kaum.

Ein scharfer Wind von Nordwest drückt mich mal gegen das Land, dann treibt er mich an den Zaun. Wie gut, dass der Klippenrand gesichert ist. Der Regen klatscht gegen Kamera und Haut – vermischt mit Eiskörnchen.

Im Gehen und Stemmen, im Getriebenwerden und Balance halten werden Kopf und Herz freier.

Bin beschäftigt mit dem, was ich sehe, dem Unmittelbaren.

Menschen haben ihre Liebe zugeschlossen und an den Klippenrand gehängt. Dort rosten die Lieben vor sich hin. Ob sie wohl noch zusammen sind? –

Gespräche mit den Kindern – ähm: Jugendlichen – über Verluste:

Eine sagt: “Meine Oma ist jetzt dort oben und passt als Schutzengel auf mich auf.” Sie fragt: “Ist das mit Ihrem Mann genauso?” –

Ich halte inne, antworte: “Ja…. – so in etwa.” Und denke bei mir, du warst mir in deinem physischen Leben oft einer. –

Vor ein paar Wochen schickte mir eine Freundin ein Gedicht von Rose Ausländer:

Nicht vorüber

Was vorüber ist

ist nicht vorüber

Es wächst weiter

in deinen Zellen

ein Baum aus Tränen

oder

vergangenem Glück.

DANKE!

Der Weg unter meinen Füßen

Anfang März war ich für eine Woche auf dem Festland.

Es ist keine Spaßreise wie sonst.

Wie sonst, wenn im Frühjahr der Zugvogel in mir erwacht und leise singt: “Lass’ mich ziehen! Lass’ mich fliegen!”

Diesmal habe ich etwas zu erledigen.

Der Felsen versinkt sofort hinter einer Nebelwand. Eine Kultschmonzette aus den 80ern, ‘The Mists of Avalon’, fällt mir wieder ein.

Ich kann gut alleine reisen. Aber es war schöner zu zweit. Ich denke an den Menschen, der mich geliebt hat – und die Dunsttröpfchen vermischen sich mit körpereigenem Salz.

Im Bahnhof von B. zieht die globalisierte Welt an mir vorbei.

Eine kleine blonde Frau fragt, ob der Zug nach D. wirklich fährt. Ich bejahe, suche die Abfahrtszeit noch einmal heraus. Sie erzählt, dass sie ihre Kinder seit Jahren zum ersten Mal sehen wird. Der Ex – und so: “….was Männer alles tun!” – Ich seufze verständnisvoll und denke: Hach, es gibt auch andere…..

Werden und Vergehen liegen nahe beieinander:

Die letzten Reste eines Menschen werden an ihren Platz gebracht und verabschiedet. Unter *******-Bedingungen wird dieser Anlass noch stiller. –

Ein Kindergeburtstag wird gefeiert. NEIIINNN- kein Kinderkontent !!!

Ein Einkauf führt uns zu einer Straße, die ihre letzten Bäume verloren hat. –

OH jaaa – es gibt sehr viel mehr Gründe zu trauern, als über einen persönlichen Verlust ….

z.B. den Zustand der Welt……

Und daneben liegt die pure Lust am Leben:

Auf der Rückfahrt – die letzte Etappe ist immer das Schiff. Zu zweit war es ein Fest: Tirili, tririla, wir fahren nach Hause.

Ich schließe die Tür auf. Die Wohnung ist nicht leer ….. angefüllt mit Atmosphäre.

Ich fühle mich zuhause aufgenommen.

Es war einmal

Es war einmal ein Dezember. Der hatte kaum angefangen, da war er auch schon wieder vorbei.

Da geht dann die Sonne spät auf und früh unter. Wer Licht will, muss es selbst anknipsen.

In diesem Jahr gilt das im doppelten Sinn, denn auf dem Festland wütet immer noch das $%&?!!!-Virus. Selbst die treusten Winterurlauber dürfen uns nicht besuchen. Nicht viel bewegt sich auf der Insel, außer zum Beispiel die Baustellenprahme im Binnenhafen, der gerade saniert wird.

Selten begegne ich unbekannten Gesichtern und das sind dann meistens Eltern oder Großeltern verschiedener Insulaner. Die dürfen nämlich mit einem entsprechenden Test vom Festland auf die Insel “evakuiert” werden.

Oft ist alles grau in grau und nur selten geht mal ein Licht an. Wie symbolisch.

Immerhin gibt es ja auch noch einen Adventskranz zur Gemütsaufhellung. Wie üblich auf der Insel ein wenig kleiner…

Am ersten Weihnachtstag machte das Schietwetter dann eine kurze Pause.

Weihnachten auf Hawaii ;-) .

Und dann kam zur Abwechslung mal ein Orkan und fledderte die Palme vorm Fenster.

Sie ist das aber schon gewohnt. Auch die tibetanischen Gebetsfähnchen blieben dran. Ein Hoch auf die Powerstrips-Klebehaken. Prädikat orkansicher!

Die Nordsee war entsprechend auch wieder etwas grantig.

Du willst mich fotografieren?

Dann mach’ ich dich ein bisschen nass, ätsch!

Und so gehen die Tage dahin. Seit die Schulferien begonnen haben, weiß ich manchmal nicht auf Anhieb, welcher Wochentag eigentlich ist. Aber das gab es in früheren Jahren auch schon mal.

Vielleicht bin ich inzwischen abgestumpft. Ich achte nicht mehr auf irgendwelche Infektionszahlen. Die sind fünfstellig, weiß ich schon. Ich achte darauf, dass ich Abstand halte (hier nicht so schwer) und immer einen Schnutenpulli einstecken habe.

Und damit halten wir durch, bis andere Zeiten kommen.

Kleine Welt

Es gibt keine großen Neuigkeiten zu berichten. Nous sommes embarqués.

Bei der Nachbarin gibt es wieder “Segen to Go. Diesmal sogar mit QR-Code!

Der zeigt, Surprise, Surprise, auf die Webseite der Kirchengemeinde.

Ansonsten waren wir noch Fressalien kaufen. Sensation!

Fe bastelt an den Unterrichtsmaterialien für die kommende Schulwoche herum und ich verbreche mal wieder einen Auto-Testbericht. Ich schreibe jetzt aber nur noch über Nostalgie- und Elektro-Karren.

À propos Nostalgie: Gestern habe ich in meinem Foto-Archiv gekramt und mal kurz nachgerechnet: Seit 2014 lebe ich hier, also seit sieben Jahren.

Das hätte ich mir ursprünglich nicht erträumen können. Ich hatte einfach auf ein ziemlich ungewöhnliches Stellenangebot geantwortet und dachte, naja, dass das nicht mehr als ein bezahlter Arbeitsurlaub auf der Insel werden wird. Ein Jahr, maximal.

So kann man sich täuschen.

Und wieder täuschen. Undsoweiter.

Eines Tages fangen dann die Insulaner an, mit dir zu reden und sagen so etwas wie: Na, du bleibst wohl wirklich hier. Und du fühlst dich geehrt.

Ich kam an mit gebrochenem Herzen und leerer Brieftasche. So leer, dass ich mir damals für das Bewerbungsgespräch eine Einzelfahrkarte kaufen musste. Mehr gab der Fahrkartomat nicht her. Zum Glück kam im Laufe des Tages eine überfällige Honorarzahlung ein, sodass ich mir die Rückfahrkarte nicht zusammenschnorren musste.

Leute mit Liebeskummer oder anderen Katastrophen in der Vergangenheit kommen hier immer wieder an. Meistens halten sie es nicht lange aus. Hin und wieder gibt es Ausnahmen.

Und ich war vorerst genug mit Staunen beschäftigt.

Ich war jetzt nämlich Gästeführer auf dem Felsen, obwohl ich aus dem Ruhrpott komme. Also wurde die Inselbücherei für einige Monate zu meinem zweiten Wohnsitz.

Die Bücherei sieht mittlerweile auch ganz anders aus, moderner und heller. Trotzdem erinnere ich mich manchmal etwas wehmütig an die alte “Bücherhöhle”.

Wenn das Wetter es erlaubte, konnte ich das Studienmaterial aber auch an den Strand mitnehmen.

Wie alle Habenichtse landete ich in einer Personalwohnung meines Arbeitgebers im Südhafen. Damals wusste ich noch nicht, dass die für hiesige Verhältnisse relativ luxuriös war.

Häuser auf dem Felsen halten manchmal ungewöhnliche Überraschungen oder Hinterlassenschaften bereit. Das liegt unter anderem daran, dass viele Menschen bei der Rückreise zum Festland ihren Kram hier einfach liegenlassen. Ansonsten muss man den nämlich vom Zoll inspizieren lassen und das kann kompliziert sein.

Nach kurzer Zeit wurde mir allerdings auch klar, dass ich in einer Art WG gelandet war. Das war zeitweise gewöhnungsbedürftig, obwohl ich außerordentlich WG-erfahren bin. Aber dies war eine dedizierte Männer-WG. Später nannte ich sie auch die Murakami-Appartments.

So ein Murakami-Appartment kann ganz lustig sein.

Naja, je nachdem, was man als lustig empfindet. Manchmal kommt man nach Hause und in der Küche findet gerade eine Headbanger-Party statt. So what? Man muss ja nicht jeden Quatsch mitmachen ;-) . Es gibt andere, tollere Erlebnisse.

Das praktische an Männer-WGs? Man kann sich aufführen, als sei man immer noch 13 Jahre alt, ohne komplizierte Fragen von diesen komplizierten Frauen zu beantworten. Das unpraktische?

Tja. Keine Frauen. Aber ich war sowieso nicht auf eine entlegene Insel gezogen, um eine neue Romanze zu suchen.

Und das ist auch das tolle am Beruf eines Gästeführers: Jede Menge soziale Interaktion, viele interessante Leute, aber keine “Komplikationen”. Gekuschelt wird nicht ;-) .

Abgesehen davon, dass irgendwann doch wieder alles anders kam.

Wenn ich in meinem Bild-Archiv blättere, staune ich gelegentlich, wie viele Dinge sich inzwischen verändert haben.

Das war bis 2016 (?) das einzige Verkehrsschild auf der Insel, unten am Fuß des Milstätter Wegs (oder, wie man hier sagt, des Düsenjägerpfades). Ok, es war schon ganz schön abgerockt, aber als es dann eines Tages abgebaut war, fand ich es doch schade. Da konnte man nämlich immer so schön die Sache mit dem Paragraf 50 erklären.

Oder das zweisprachige Schild an der Polizeiwache in der Hafenstraße, auf deutsch und helgoländisch. Das war laut Inselfunk bei manchen Gäste-Honks so beliebt als “Mitnehmsel”, das die Sheriffs irgendwann keine Lust mehr hatten, es zu ersetzen. Schade.

Der alte Lagerschuppen an der Hafenstraße existiert auch nicht mehr. Vor zwei Wochen wurde er abgerissen. Ja, er war alt und verwittert und nicht mehr ganz dicht. Aber das bin ich ja auch.

Die Crew-Schiffe der Windenergie-Firmen gibt es zwar immer noch, aber es sind deutlich weniger geworden. Als ich hier ankam, waren die Bauarbeiten an den Windparks gerade in vollem Gange und die CTVs stapelten sich in sämtlichen Hafenbecken wie Paketdienst-Autos in einer Großstadt.

In den ersten zwei Jahren bin ich noch mit der alten “Atlantis” zum Festland gefahren. Nachdem sie durch die heutige “MS Helgoland” abgelöst war, wurde sie noch ein paar mal zwischen diversen Reedereien hin- und hergeschoben und wird inzwischen in einem türkischen Schiffsfriedhof auseinandergesägt.

Verschwunden sind auch die letzten Telefonzellen, von denen es hier bis 2018 noch zwei Stück gab. Die Insulaner hatten da schon eine alternative Nutzung für gefunden, aber dann wurden sie doch durch magentafarbene “Marterpfähle” ersetzt.

Ich weiß, im Vergleich zum Festland sind das nur Kleinigkeiten. Aber es ist auch eine kleine Welt.

Ich kann mir kaum noch eine andere vorstellen.

Fortschritt

Alles schreitet fort – unser Leben, der Planet auf seiner Bahn um die Sonne, das Hin und Her der Pandemie.

So geht der Sommer zu Ende. Der erste Herbststurm, der erste Tag, an dem man Strümpfe anzieht. Fortschritt.

Und was für ein Sommer das war:

Nachdem Ende Mai die Einreisebeschränkungen aufgehoben wurden, gab es doch noch so etwas wie eine Saison. Die Reedereien hatten sich verpflichtet, die Passagierzahlen pro Schiff zu halbieren und setzten daher zusätzliche Schiffe ein. Helgolines, die hauptsächlich auf ihren nagelneuen Katamaran setzen, holten sogar die San Gwann, eine zwanzig Jahre alte Autofähre mit bewegter Geschichte aus der Reserve.

So kamen dann doch noch halbwegs passable Gästezahlen zustande. So passabel, dass die Gemeindeverwaltung angesichts des Gedrängels auf der Hafenstraße dort für einige Wochen eine Maskenpflicht verkünden musste.

Das fanden manche Leute albern, aber mit dem Ende der Schulferien und den sinkenden Anreisezahlen konnte die Maskenpflicht inzwischen wieder aufgehoben werden.

Ich kann mir schon vorstellen, dass man bei uns in manchen Augenblicken vergessen kann, in welcher Situation die Welt sich gerade befindet.

Aber auch wenn wir weit entfernt von den großen Städten des Festlands mit ihrem Gewimmel und Gedrängel sind, so leben wir doch nicht auf einem anderen Planeten.

Bis jetzt ist es gelungen, Urlaubsgäste hier zu haben und gleichzeitig eine Infektionskette auf der Insel zu vermeiden. Noch ist es zu früh für verbindliche Zahlen, aber nach dem was mir andere Insulaner erzählen, werden wir wohl so etwas wie 30 Prozent einer normalen Sommersaison haben. Immerhin.

Eher unbeeindruckt von all diesen Dingen sind die Inselgäste an der Steilklippe. Da schreitet alles ganz hervorragend voran.

Zum ersten Mal seit Bestehen der Kolonie haben die Basstölpel ihre Nester weitgehend ohne die Gesellschaft knipsender Zweibeiner gebaut und die Ornithologen sind ganz aufgeregt, weil sich anscheinend die Population dadurch messbar vergrößert hat.

Den Tölpeln selbst ist das wahrscheinlich hochgradig schnuppe. Und selbst der nerdigste Vogelkundler wünscht sich nicht wirklich ein weiteres Lockdown-Frühjahr, um seine Datenbasis zu verbessern.

Inzwischen sind die ersten Plüschküken zu herumposenden Teeniebratzen fortgeschritten und der Brutfelsen beginnt ganz allmählich, sich zu leeren.

Einen deutlichen Fortschritt gibt es auch bei der Steinschlange zu verzeichnen.

Jeder dieser Steine erzählt eine kleine Geschichte, wenn man genau hinsieht. Die meisten sind witzig und kreativ, aber manche machen auch wehmütig und nachdenklich. Erstaunlich, was passiert, wenn man den Leuten einen kleinen Schubs gibt.

Allerdings müssen wir bald die Steine einsammeln (und ihnen ein neues Heim in der Inselschule geben), denn der Winter kommt und manche der frühesten Exemplare aus Sand- oder Kalkstein sind schon von Wind und Wetter zersprengt worden. Ein wenig schade, aber hey, Nordsee!

Mit den Gästeführungen ist es leider nichts geworden in diesem Sommer. Das liegt an einer Art Alptraum, den ich habe:

Fe steht als Lehrerin in ziemlich direktem Kontakt mit der Hälfte der Inselbevölkerung. Nicht nur epidemiologisch, aber eben auch. Was, wenn ich mich nun auch unters Volk mische und eines Tages nach Hause komme und, naja: Hallo Liebste, ich hab dir was mitgebracht, das kannst du morgen gleich mal in der Schule weitergeben...

So will ich eigentlich nicht in die Inselgeschichte eingehen. Vielleicht habe ich aber auch nur eine permanente Meise erworben durch diesen ganzen Corona-Mist.

Jedenfalls sitze ich zur Zeit wie in den schlechten alten Tagen wieder stundenlang vor dem Bildschirm und schreibe schreckliches Javascript und schrecklichen Unique Content für schreckliche Webseiten zu schrecklichen Honorarsätzen. Wollte ich eigentlich nie wieder machen.

Aber was solls, die Norderfalmkatze kommt ja auch damit klar, dass ihre Kraulquote massiv eingebrochen ist, seitdem bekannt wurde, dass auch Katzen das %$&?!!!-Virus übertragen können.

Vor ein paar Tagen habe ich der Besitzerin des Ladens, der hier Souvenirs aus Recycling-Kram verkauft, eine Tüte voll alter Speichermodule vorbeigebracht. Sie macht da Broschen und Schlüsselanhänger draus.

“Hast du denn irgendetwas zu tun, dass dir eine positive Rückkopplung gibt?”, fragte sie, nachdem ich fertig gejammert hatte und ich muffelte zurück: “Ich hab ne positive Rückkopplung zu meiner Liebsten. Das muss erst mal reichen.”

Aber sie hat ja recht.

Einfach mal Ausschau halten. And never mind the bollocks.

Woanders

Wir waren mal woanders. Auf dem Festland, genauer gesagt.

Da waren wir seit fast einem Jahr nicht mehr. Ein wenig gezögert und überlegt haben wir schon, denn unter anderem haben wir den ganzen Pandemie-Alptraum bisher hier ausgesessen und das – spätestens seit der Öffnung für den Tourismus trügerische – Gefühl, hier sicherer zu sein, hat auch uns erfasst.

Deshalb fahren wir auch nicht wie sonst üblich mit dem Zug, sondern mieten einen Kleinwagen, der sich dann aus irgendwelchen logistischen Gründen in einen merkwürdig angeschwollenen und ausgebeulten Möchtegern-Geländewagen verwandelt hat.

Viele lange Straßen hat es, dieses Festland und viele LKWs, die man auf manchen Strecken eigentlich auf der rechten Spur aneinanderkoppeln könnte.

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Die Sommer-Open-Airs, die wir in den vergangenen Jahren besucht haben sind natürlich alle abgesagt (heul!). Aber irgendwann kommen wir dann doch an bei unseren Freunden und Familien.

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Die haben Häuser und Gärten, wie es sie auf der Insel nicht geben kann.

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Wahre Krempoli-Refugien voller alter Bauwagen, abgemeldeter Autos und allerhand anderem Zeugs.

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Während des Lockdowns ist noch so einiges hinzugekommen. Baumhäuser aus Garagen-Sperrmüll zum Beispiel.

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Es gibt Kinderwagen, die sehr praktisch beim Bierholen sind und, ähhh…

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…Gothic-Tomaten…

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…oder submissiv-willenlose Katzen (ja, endlich mal wieder Katzencontent!).

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Andere Menschen haben kleine Kinder, die sich schneller bewegen, als eine Kamera knipsen kann und mit denen wir in den wieder geöffneten Tiergarten gehen. Das Aquarienhaus finden sie am besten.

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Lustig aussehende Unterwasserwesen gibt es da.

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Bei anderen müssen wir gleich weitergehen. Brrr.

Und dann gibt es natürlich auch Städte.

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Manches ist absurd und manches rätselhaft.

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Bin nur ich das oder müsst ihr euch auch gleich eine Geschichte dazu ausdenken?

Städte sind traditionell Orte, an denen man gerne seine Mitmenschen behandelt wie Verkehrshindernisse oder sich sonstwie danebenbenimmt, weil man ja gleich wieder in der Menge verschwinden kann. Das kann den Gang durch die Fußgängerzone für einen Insulaner zu einer Art Slalomlauf machen. Oft scheint es mir, dass die Leute die Achtsamkeit einfach leid haben und nun versuchen, die Pandemie zu Tode zu ignorieren. Ich habe Zweifel, dass das funtkionieren wird.

Drei Wochen reisen wir so von einem Gästebett zum anderen. Und dann heißt es wieder zurückfahren. Der Mietwagen hat diesmal eine noch lächerlichere SUV-Schwellung erlitten. “Ist ein kostenfreies Upgrade”, meint der Mensch von der Autovermietung ganz stolz und um ihn nicht zu beleidigen, sagen wir brav “danke”.

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Als wir in Cuxhaven ankommen, ist die Temperatur gleich mal um zwölf Grad gefallen. Willkommen im Norden.

Die Rückfahrt ist längst nicht so abenteuerlich wie die Hinfahrt vor drei Wochen, aber manche Passagiere sind trotzdem anderer Meinung.

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Und da sind wir dann wieder. Ohh, ahhh, das wunderbare eigene Bett!

Für ein paar Tage lang werden wir die bunte Vielfalt auf dem Festland vermissen.

Anderes ist aber tröstlich, zum Beispiel die bei uns vergleichsweise hohe Hygiene-Disziplin und Rücksichtnahme. Die Inselgemeinschaft mag manchmal spießig und beengend erscheinen, aber auf der anderen Seite ist hier niemand “Niemand”. Jede(r) hat einen Namen und eine Geschichte.

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Und bei der Nachbarin gibt es wieder “Segen to go”. In pessimistischen Augenblicken denke ich, dass wir den bald noch dringend brauchen werden.

In der Mitte

Mittsommernacht, mitten in der Nacht. Es zieht mich nochmal aus dem Haus, um nach Norden zu sehen. Denn der astronomische Kalender behauptet, dass die Sonne heute nur für Seeleute und Zivilisten untergeht, nicht aber für Sterngucker.

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Hmm. Ach so.

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Könnte sein.

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Und ansonsten? Na ja, wir sind mitten zwischen erster und zweiter Pandemiewelle, mitten in der Nordsee, mitten in der Sommersaison. Allerdings fühlt die sich in diesem Jahr eher wie die Vorsaison in anderen Jahren an.

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Die Insulaner sind entspannt…

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…aber wachsam.

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Im Juli sind Schulferien und Fe und ich wollen aufs Festland fahren, um ein paar Freunde zu besuchen. Mal abgesehen von der absurden Verschickungsaktion für die Weihnachtspakete waren wir da seit zehn Monaten nicht mehr. Ob wir wohl irgendwelche Veränderungen feststellen?

Kommt und geht

Es ist mal wieder so weit: Die Zeit der Jahrestage.

Zuerst hat meine Schwester Geburtstag. Dann Jesus. Dann ich. Und am Schluss das ganze Kalenderjahr.

Ansonsten ist saisonbedingt nicht so viel los auf der Insel. Na gut, heute kamen über neunhundert Gäste an. Das sind die Silvester-auf-Helgoland-Menschen.

Am dritten Januar sind die alle wieder auf und davon und die Passagierzahlen sinken wieder in den gepflegt zweistelligen Bereich.

So geht das, Jahr um Jahr. Neunundfünfzig sind es nun für mich und sechs davon auf Helgoland.

Irgendwie bringt mich das nach wie vor zum Staunen, auch wenn ich nicht recht erklären kann, wieso. Eigentlich ist doch nur dieser Planet wieder einmal um die Sonne gekreist.

Und ja, dieses Jahr bekam ich von Fe einen Planeten geschenkt (der Vorgänger war leider beim vor-vor-vorigen Umzug entzwei gegangen). Den ganzen Morgen sind wir mit den Fingern herumgereist.

Zum Glück gehts dem Sommer entgegen

Da wären wir also.

Nach diversem Hin und Her haben wir dann doch alle Kartons ausgepackt und den Inhalt an die Wand gestapelt bekommen. Jetzt sieht es so aus wie in einem sehr eigenartigen Antiquariat.

Nur mehr Bildschirme, und das Essen ist besser.

Der Kirchturm ist 20 Meter entfernt und an den meisten Tagen kann man ihn auch sehen. Wenn nicht, dann wenigstens hören.

Es war:

Ein Herbst und ein Winter. Da kommen nur wenige Besucher hierher und die Leute vom Hafenbüro berichten von Tagen, an denen mehr Crewmitglieder als Reisende an Bord des Winterschiffes sind.

Um den Jahreswechsel kommen ein paar Leute mehr, aber größtenteils sind die Insulaner unter sich.

Nichtsdestotrotz (oder deshalb?) hat die Gemeinde dem Lung Wai einen ganz neuen Lichterschmuck spendiert.

Sieht irgendwie wie Bielefeld aus. Wobei ich erwähnen sollte, dass ich wirklich mal drei Wochen in der Vorweihnachtszeit in Bielefeld gelebt habe. War ‘ne gute Zeit.

Die Winterstürme haben am Nordstrand Spuren bis zur Dünenkante hinterlassen.

Spuren überhaupt.

Manchmal berichten sie vom kommenden Frühling.

Kann wieder losgehen.

Ach so, “Zum Glück gehts dem Sommer entgegen” ist ein Buchtitel von Christiane Rochefort und hat mit diesem Eintrag leider fast nur den Titel gemeinsam. Unbedingt lesen!

Ende Neu

(Disclaimer: Es geht hier nicht um das Alterswerk der Einstürzenden Neubauten. Naja, indirekt vielleicht auch, aber jedenfalls ging mit dieser Titel nicht mehr aus dem Kopf.)

Hallo hallo hallo?

Hört mich noch jemand? Ein Blog, das seit einem halben Jahr nicht mehr aktualisiert wurde, checkt ja kein normaler Mensch mehr. Ist halt sanft entschlafen.

Manchmal ist es aber komplizierter:

Sommer 2018.

Ich kündige meinem Arbeitgeber der letzten vier Jahre. Damals hat er mich aus einer schlimmen persönlichen und finanziellen Klemme herausgeholt und ich war ihm vier Jahre dankbar dafür, aber jetzt ist Zeit für einen Tapetenwechsel.

Fe hat inzwischen ihre Versetzung durch zwei Kultusmysterien abgesegnet bekommen. Also fahre ich aufs Festland, um zu helfen, einen Umzug zu organisieren. Auch auf dem Festland hat es seit Monaten nicht mehr geregnet und das Herzberg-Open-Air, das letztes Jahr ziemlich matschig war, staubt dieses Jahr ein wenig.

Schön wars trotzdem. So schön, dass wir eine Woche später nochmal zur Wiese fahren. Melancholie.

Aber danach haben wir Umzugskisten zu packen.

Dann geht es erstmal wieder auf die Insel, denn Fe muss ihre Arbeit antreten. Da wir noch keine Wohnung gefunden haben, mieten wir uns in einer etwas abgerockten, aber trotzdem-deshalb schönen Ferienwohnung ein.

Und damit beginnen ein paar Monate nomadischen Daseins.

Fe’s altes Haus ist vergleichsweise riesengroß und vollgestopft mit Erinnerungsstücken. Als diese eingekistet sind, ist es ein Haus voller Kisten und wir übernachten auf diversen befreundeten Sofas, mehr oder weniger geduldet von den Stammbewohnern ;-) .

Inzwischen haben wir eine Wohnung auf dem Felsen gefunden. Es fehlen aber noch ein paar Details.

Manche Leute nennen die “Möbel”.

Es gibt einiges zu verhandeln mit der Spedition. Jepp, Spedition. Früher bedeuteten Umzüge immer: Mietauto besorgen, Freunde zum Ein- und Ausladen verhaften. Jetzt brauchen wir eine Spedition, und zwar eine, die auch übers Wasser nach Helgoland fährt. Davon gibts in Deutschland… eine.

Spätestens jetzt ist wohl klar: Niemand lebt zufällig auf dem Felsen oder weil Bottrop zu kompliziert zu erreichen war (nichts gegen Bottrop!). Ein bisschen wollen muss man schon.

Wahrscheinlich deswegen.

Und deswegen. Das sind eigentlich Fotos vom Busbahnhof und von der Fußgängerzone.

Wer das nicht schön findet, bleibt besser auf dem Festland, darf uns aber gerne im Sommer besuchen.

Es ist so eine Sache, hier Wurzeln zu schlagen.

Vor ein paar Monaten meinte ein früherer Arbeitskollege: “Helgoland ist der Ort für die, die es auf dem Festland nicht schaffen.”

Ich war angep***t, aber trotzdem wartete ich zehn Atemzüge lang, bevor ich antwortete: “Nee, mein Junge, das Festland ist der Ort für die Leute, die es hier nicht schaffen.”

Während des Festlandaufenthaltes waren wir noch zu einer Hochzeit eingeladen. Die war ganz prima und hatte unter anderem einen Quatschfoto-Automaten. Mit diesem Blogeintrag hat das eigentlich nichts zu tun – außer dass es trotzdem dazu gehört. So richtig erklären kann ich es auch nicht.

Möglicherweise ist dieses Blog an seinem Ende angelangt. Das Motto”I’m a rock, I’m an island” war 2014 sehr zutreffend.

Heute ist alles ein wenig besser und komplexer.

And so it goes, wie der gute Kurt Vonnegut zu sagen pflegte.