Ungewiss

Was gewiss ist: Die Möwenfussballmannschaft an der Schule hat Verstärkung bekommen.

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Am Lummenfelsen gibt es neue Anreisen.

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Das Wetter bleibt… erfrischend (auch “brrr” genannt).

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Und die “Lange Anna” ist immer noch nicht umgefallen.

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Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Die Straßen liegen leer und verlassen.

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Aber hier nennt man das nicht Viruspanik. Man nennt es “März”.

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Nichtsdestotrotz: Eigentlich wollten wir in drei Wochen Freunde auf dem Festland besuchen. Der Bundesgesundheits-Jens ermuntert uns aber immer dringender, das nicht zu tun. Mal sehen.

Auch hier reden die Leute über die anstehende Pandemie. Weil früher oder später ein argloser Mensch mit dem Mistvieh an Bord hierher kommen muss.

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Weil keiner weiß, wohin dieser Weg führt. Aber das Reden gibt uns für kurze Zeit das Gefühl, so etwas wie Gewissheit zurückzugewinnen.

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Gewiss ist: Das Gestern ist ein Schatten, die Gegenwart ein Lidschlag und die Zukunft ein Schemen im Nebel.

Nicht schon wieder

Vor zwei Wochen gab es einen Tag, an dem die Sonne schien. Die Helgoländer wickelten sich die Schals aus dem Gesicht und wurden ungewöhnlich redselig. Sonne macht albern.

Jetzt ist aber wieder Schluss mit lustig. Der Frostriese ist zurück.

Er hat sich einen anderen Decknamen zugelegt, aber das nutzt nichts. Haben wir uns nicht schon mal gesehen?

Und überhaupt: Irenäus??? Was soll das denn für ein Name sein? Mir machst du nichts vor.

Der Inseldoc verlängert meinen Krankenschein, weil er weiss, was ich beruflich so mache und weil die Fenster der Arztpraxis genauso klappern wie meine zuhause.

Macht auch keinen großen Unterschied. Kein Schiff fährt heute. Und morgen auch nicht.

 

Ein Monat

Tja, da war Fe noch hier.

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Weil die Helgoländer Wohnungen so pupsklein sind, haben wir eine Hütte drüben auf der Düne gemietet.

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Wie meine fantastische ehemalige Steuerberaterin mal schrieb: Was macht man denn auf Helgoland, wenn man reif für die Insel ist?

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Man läuft am Strand entlang.

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Dann ist da noch die Sonne. Die geht auf und unter.

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Manchmal wird man beobachtet, aber es macht nichts.

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Die Jugend ist wie üblich neugieriger als die Erwachsenen.

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Der einzige Haken ist, dass ich morgens mit dem Bus zur Arbeit fahren muss. Und das ist die Bushaltestelle.

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Vor einem Monat war manchmal auch noch das Dünenrestaurant geöffnet.

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Manchmal auch nicht. Nicht so schlimm, denn als Fe noch hier war, füllte sich der Kühlschrank auf automagische Weise stets von selbst.

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Dann kam der Rest des Monats. Und was das für einer war!

Normalerweise hat das Leben hier eine niedrigere Taktfrequenz, aber manchmal schwappen hektisch gemachte Pläne vom Festland herüber. Das Blöde ist: Wenn du hier am Südstrand im Laufschritt gesehen wirst, fragen dich die Insulaner drei Tage lang, was passiert ist ;-) .

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Ein Monat. Dann ist Fe wieder hier.

 

Licht an

Der Winter war lang. Laaang. Und trübe. Trüüübe. Auf dem Weg zur Bücherei mache ich ein Foto von meinem Schatten, einfach, weil ich mich nicht erinnern kann, wann ich zum letzten Mal einen Schatten geworfen habe. Muss irgendwann im November gewesen sein.

Aber seit zwei Tagen gibt es wieder dieses komische helle Ding am Himmel und zum Glück gehts dem Sommer entgegen ;-) .

Gerade rechtzeitig wohl auch für das Filmteam, das vor ein paar Tagen hier aufschlug, um einen Helgoland-Krimi zu drehen. Die haben allerdings vorsichtshalber ihr eigenes Licht mitgebracht. Sogar so viel, dass man es von meinem Fenster aus sehen kann.

Auf meinem Abendspaziergang bin ich dann doch neugierig, aber aus der Nähe sieht es natürlich so prosaisch aus wie alle anderen location shoots sonst auch.

Eine Menge Kabel, Scheinwerfer und Klimbim, Roadies und AssistentInnen, die gerade auf die harte Tour herausfinden, dass W*ll*nst**n-Jacken auf Helgoland nicht warmhalten.

Ich hab mal den Roman gelesen, der dem Drehbuch zugrunde liegt. Mit dem realen Helgoland hat er nicht wirklich was zu tun. Aber ich habe mir von gut informierten Fachfrauen sagen lassen, dass das beim Münster-Tatort auch nicht anders ist. So what.

Das Haus, das schläft

Dieses Jahr bin ich zu Weihnachten nicht auf dem Felsen, sondern ziemlich weit weg auf dem Festland. Das ist eine lange Geschichte, die für die meisten Leute nicht von Interesse ist. Und die anderen wissen sowieso schon Bescheid.

Es ist ein wenig anders, als mit einem Handbier an der Steilklippe zu stehen und in Richtung Südhafen zu schauen. Im Sommer war ich schon einmal hier und nannte es das Haus, das schläft. Doch nun sind seine Bewohner für ein paar Tage zurückgekehrt, ich stehe im Garten und fühle mich gleichzeitig fremd und zuhause.

Haltet die Ohren steif, Leute und macht es gut.

Krawall am Himmel

Tja, das war’s. Der Katamaran, der die Expressroute von Hamburg fährt, hat sich mit dem üblichen großen Getute bei der letzten Abfahrt in die Winterpause verabschiedet.

Jetzt fährt nur noch die Helgoland an fünf Tagen pro Woche nach Cuxhaven, zweimal bleibt sie als schwimmendes Restaurant für die Wintergäste über Nacht im Südhafen.

Es wird still, sehr still auf dem Felsen und man kann fast das leise Knarren hören, mit dem die Bürgersteige hochgeklappt werden ;-).

Die Bungalows auf der Düne werden für den Winter eingemottet und ich freue mich nachträglich um so mehr, dass ich in der vergangenen Woche noch ein paar Tage mit liebem Besuch vom Festland dort verbracht habe.

Überhaupt gibt es die eine oder andere Umarmung auf der Straße zur Zeit, man sagt “Bis im April” und “Lass dich nicht unterkriegen auf dem fiesen Festland”.

Und dann steht man da am Südhafen, wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, aber das liegt eher am Wind als an irgendwelcher Sentimentalilät. Es ist mehr wie dieser Augenblick nach der großen Hausparty, wenn alle Gäste fort, alle Teller gespült und die Aschenbecher geleert sind und man denkt: So.

Und auf dem Weg nach Hause der Blick zum Krawall am Himmel.

Komische Vergleiche (ein Sonntagsspaziergang)

Am Sonntagmorgen ist das Wetter so lala, der Espresso ganz vorzüglich und da ist auch noch das neue Buch, das mir eine liebe Freundin vom Festland geschickt hat. Anscheinend habe ich es gestern Abend aber etwas übertrieben, denn beim Anblick der ersten bedruckten Seite murren meine Augen: Och nöö, jetzt nicht, wir haben noch Muskelkater.

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Also gehe ich stattdessen in den Südhafen. Da ist nicht viel los um die Zeit. Mach keine Welle, sagt das Schild an der Südkaje. Rauchen verboten steht da nicht, also bin ich ganz still und rauche vor mich hin.

Ein Stück weiter liegt die MS Helgoland wie ein niegelnagelneuer Touristenbus mit allem möglichen Luxusschnickschnack. Ein tolles, komfortables Fährschiff, nur die tropfenförmigen Fenster am Atrium, da, wo der Fahrstuhlschacht wie ein Schornstein aussieht, naja, hm.

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Ich gehe weiter und wo wir gerade bei komischen Vergleichen sind… Dahinter liegt die Groden, ein Lotsentransferschiff und ein SWATH-Design. Nicht gerade elegant, aber der neue heiße Sch**ß im Schiffsbau. Da bleibt auch bei schwerer See der Kaffee in der Tasse und das Frühstück im Lotsen ;-) .

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Sozusagen einer dieser nichtssagenden Kombis für Berufsreisende auf der Autobahn, aber in Wirklichkeit mit allem technischen Superklimbim an Bord und sechsstelliger Kilometerzahl auf dem Tachometer.

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Auf der anderen Seiten des Hafenbeckens liegen die World Scirocco, ein merkwürdiger Hybrid aus SWATH und Trimaran (einer von diesen Baustellen-LKWs mit den riesigen Stollenreifen), daneben die Hermann Marwede, der größte Rettungskreuzer der Welt. Der Bergepanzer von der Feuerwehr, 46 Meter lang. Und kann Eskimorollen machen.

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Auf dem Rückweg laufe ich an der Helikopterstation der Bundesmarine vorbei, aber der Rettungshubschrauber ist im Hangar. Etwas abseits steht ein kleiner Charter-EC135 und wenn die Sea King der Nachtbus ist, ist das hier wohl der silberne VW Golf von der Autovermietung.

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Auf dem Rückweg komme ich im Binnenhafen noch an einem Arbeits-Prahm vorbei. Ein Baustellenwagen, tja.

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Und am Taucherheim der Biologischen Forschungsanstalt hängt ein Orientierungswegweiser, bei dem ich keinen merkwürdigen Vergleich mehr erfinden muß.

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Sie befinden sich hier. Vor siebzig Jahren.

White-Out

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Normalerweise schneit es nicht auf Helgoland. Heute ist aber nicht normalerweise.

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Ich wickele mich in meine besten Thermoklamotten, um ein paar Fotos zu machen. Nach 10 Minuten bin ich wieder zurück.

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Geht nicht. Zu kalt.

Im großartigen geheizten Zimmer rechne ich dann nach. Oh, minus 25 Grad Windchill-Temperatur. Ach so.

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Und dann ist da noch das Problem, daß der Schnee nicht liegenbleibt. Nein, er taut nicht, er fliegt ‘rum.

Es schneit aus allen Richtungen gleichzeitig, also nicht einfach von oben auf den Boden, sondern eher so die Wände hoch.

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Also gebe ich auf und gehe wieder nach Hause. Da, wo traulich die Freifunk-Router blinken ;-) .

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Oha, die Bandbreite auf den Mesh-Verbindungen zwischen den einzelnen Routern ist durch das Schneetreiben um acht Prozent gesunken. $%&#???!

Nord-Ost

Meistens kommt der Sturm hier aus Südwesten (der Südwester hat seinen Namen nicht von ungefähr). Auch das Dorf ist so gebaut, daß es dem Wind – so gut es geht – den Rücken zuwendet.

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Dann wird es für kurze Zeit ganz still und das Licht ist seltsam.

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Am nächsten Tag Nord-Ost-Wind, wahlweise aus Norwegen, Grönland oder Island. Brrr. Und der drückt nicht gegen das Küchenfenster, sondern gegen mein Schlafzimmerfenster. Irgendwann ab Windstärke acht geben dann die Dichtungen nach und es wird Zeit, Handtücher auf die Fensterbank zu legen.

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Keine Schiffsverbindung, keine Gäste und ich lese Strindbergs Aus meinem Leben. Ein bißchen skandinavische Schwermut ist ja ganz ok bei diesem Wetter, aber irgendwie hackt er mir zuviel auf seiner Frau herum (die er kurz zuvor etwas holterdipolter hier auf dem Felsen geheiratet hatte). Bastele stattdessen an ein paar Freifunk-Routern herum.

So geht das ein paar Tage, bis dann eines Morgens der Himmel aufreißt und sagt: Was denn? Ich tu doch garnichts.

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Ein Arbeitskollege kommt aus dem Urlaub zurück, erzählt von schwer bewaffneten Polizisten am Bahnhof und daß seine Tasche im Zug zwischen Hamburg und Bremerhaven dreimal durchsucht wurde.

An der Frachthalle gegenüber vom Zollamt die ersten Anzeichen von Weihnachtsbeleuchtung. Ach nee.