Welkoam iip Lunn

Im Westen steht das letzte Tageslicht.

Eine Amsel singt noch ein schnelles Lied.

Derweil zieht im Osten die Nacht hoch –

la Luna leuchtet prall den Felsen aus.

Nachts in klaren Nächten verweilt Orion neben dem Kirchturm.

Heute kommt eine lang ersehnte Frau auf der Insel an.

Noch stampft die Helgoland durch den Dunst. Kommt sie wirklich?

Die Bänke an der Binnenreede sind winterleer.

Ihr Partner organisierte ein Empfangskomittee und zwanzig Minuten später dröhnt das Schiffshorn durch den Hafen.

Sie ist da – und der Felsen hat eine neue Mitbewohnerin.

Ich denke an T.…..und den Tag, als ich das erste Mal hier ankam.

Advent

Um vier Uhr nachmittags fängt es an zu dunkeln.

Die Tage wechseln zwischen Grau und weniger Grau.

Manchmal reißt der Himmel auf und dann….

gibt es ein eigenes Schauspiel dort oben,

wo wir das Namenlose, die Seelen, Engel – und ich weiß nicht was vermuten.

Wie auf dem Festland stimmt sich die Inselgesellschaft auf Weihnachten ein.

Die LED-Rehe geben sich ein Stelldichein

die Nordseehalle ist zugeparkt.

es wird zum Weihnachtsflohmarkt geladen.

Diese Zweibeiner interessieren weder Flohmarkt noch Weihnachten

sie genießen den Windschatten der Nikolaikirche

und pfeifen dort ihr eigenes Lied.

und der Wind schmückt die Friedhofsbäume auf seine Art –

mit den Hinterlassenschaften der großen Zweibeiner.

Zwischen Ylenia und Zeynep

Zwei Windsbräute fegten über den Felsen. Sie rütteln seit drei Nächten alles durch. Nachts magisches Licht auf dem Kirchendach – der Vollmond ließ den Nachthimmel noch dramatischer erscheinen.

Ylenia nahm meine Gebetsfahnen mit. Zeynep fegte einen Teil der Schulfassade weg.

Auch hier steht das Wasser hoch.

Das Leuchtfeuer auf der Düne fast schon im Wasser,

der Nordstrand zu zwei Dritteln überspült.

Schön – denkt man sich, dass wir hier hoch auf dem Felsen sitzen. Aber die Wasserkante im Binnenhafen steht schon bedenklich hoch. Was mag sein, wenn sich die Stürme häufen und sich die Pegelstände nach oben verschieben.

Draußen tobt die See gegen die Mole des Südhafens

und manchmal schiebt Zeynep ein paar Wolken fort –

und ein Vorhang geht auf –

und alles erstrahlt in Silbergrau.

Am Berliner Bären kehre ich um. Es ist zu pustig, um auf die Klippe zu gehen. Im Ort ist wenig los, die Straßen leer gefegt.

Selbst im Edeka kaum Kundschaft.

Nun ja, viel zu kaufen gibt es auch nicht mehr. Die Gemüsegarage ist schon beträchtlich geleert – keine Bananen, keine Tomaten, kein Paprika. Im Geschäft – kaum noch Käse – der Frachter kam gestern nicht.

“Er wird auch Dienstag nicht kommen. Und ob er Freitag kommt, steht noch in den Sternen”, höre ich an der Kasse.

Auch das Schiff war seit drei Tagen nicht da. Morgen gibt es eine kurze Tour, um Helgoländer nach Hause zu bringen und Menschen hier abzuholen. Der nächste Sturm – Antonia – ist schon im Wartestand.

Also eine Zeit, sich in Geduld zu üben,

es sich zu Hause schön zu machen,

und in Regenpausen draußen das Schauspiel zu genießen.

Ach ja, vor einer Woche debutierten Helgoländer Jugendliche mit ihrem Musical, das sie trotz Corona Stück für Stück erarbeitet hatten.

Chapeau – nicht nur weil es im ereignisarmen Winter eine kleines Highlight war.

Das Thema: die Schönheit und der Zauber der Welt –

was zählt denn sonst neben der Liebe?

Mal so – mal so

Februar – mal fährt das Schiff,

mal nicht.

So viele Stürme haben sich in den letzten Wochen die Hand über dem Felsen gereicht, dass kaum auszumachen ist, welcher Sturm gerade über uns hinwegfegt und menschliche Hinterlassenschaften in die Sträucher wirbelt.

Unsere Gebetsfahnen tanzen im Wind

Am Südhafen küssen die Wellen die Mole.

An der Nordspitze spielen sie Bockspringen.

Am Himmel weidet ein überdimensionierter Schafsgott.

Am Horizont ein Spiel von Licht und See und Wolken –

Dann – in die Sonne hinein ein Guss aus Hagelkörnern – und – tratra – ein Regenbogen auf der anderen Seite der kleinen Welt.

Die ersten Lummen sind da –

die Nistplätze der Basstölpel noch unbewohnt, aber

schscht – ich sah einen Vorboten.

Die Anna hat über den Winter eine Nase bekommen –

ein letzer Blick zurück für heute.

.

Sentimental journey – Der Garten der Dinge

Der Garten der Dinge befindet sich am Rande einer größeren Stadt in Mittelhessen.

Er wird von Zwei-

und Vierbeinern bevölkert.

Und dort leben zwei Menschen, die T. und mir sehr ans Herz gewachsen sind.

Es ist ein Ort, an den man in jeder Größe zurückkehren kann.

Man wird dort immer empfangen.

In den letzten Tagen des Jahres 21 liegt auch dieser Garten in Winterruhe.

Im Licht der kurzen Tage gehen wir in der Nachbarschaft spazieren.

Ganesha hält seine Hand über Garten und Haus.

Silvesterlied ….

Sentimental journey – Auftakt

Eigentlich ist der Winter eine besonders schöne Zeit auf dem Felsen

wenn sich aus Sankt Niklas der Weihnachtsmann löst

wenn die Düne in Winterkaribik erstrahlt.

Aber dieses Jahr zogen mich besondere Umstände aufs Festland.

Es war eine Reise über etliche Orte hinweg, die den Hintergrund meiner Lebensstationen bespielten. Es ergab sich, ohne dass ich es bewusst arrangiert hätte, eine sentimental journey.

Der Tag meiner Abreise – diesig verhangen.

Der Felsen verschwindet schnell. ‘Wie Avalon’, dachte ich bei meiner ersten Reise zum Felsen und zu einem Menschen, der mir Seelengefährte werden sollte.

In Hannover hängt neben dem Bahnhof ein Zeichen eines anachronistischen Symbols am Himmel. Es verweist nach hinten, ins 20. Jahrhundert, in seine Höhe. wie Tiefpunkte. Wie lange wird es noch am Himmel stehen?

Nachts komme ich in Frankfurt an, werde abgeholt. Nach etlichen Stunden hinter Maske im Zug ziehe ich begierig die ‘frische’ Luft ein. Ich rieche Autos, Heizungen, altes Fett und viele Menschen.

Dezember

Mal ist es so –

mal so –

im vierten Jahr auf dem Felsen kenne ich das bereits und dennoch: irgendwie beruhigend, diese Konstante.

Ich mag den Felsen in dieser Stimmung. Es ist keine Nebel wie auf dem Festland. Dazu sieht man zu weit. Es sind nur wassersatte Wolken, die ein bisschen ihrer Last ablassen, so dass das Pflaster feucht wird, ohne dass es geregnet hat.

Auf dem Festland herrscht jetzt Einkaufsrummmel – coronabedingt eingeschränkt.

Hier bleibt die Einkaufsmeile behäbig.

Einige Weihnachtsbäume warten noch auf ihre Stuben

Obwohl tatsächlich mehr Gäste als sonst um diese Jahreszeit hier sind, haben die meisten Duty-Free-Shops geschlossen. Die Hummerbuden sind bis auf zweie verrammelt.

Im Oberland –

Sonnenuntergang gegen halb vier –

Wolken ziehen über den Himmel.

Sie haben es heute eiliger als sonst –

Gäste, die sich vierbeinige Models gesucht haben –

und die Reste eines Spaziergangs bei Sturm.

Ich fand diesen Aushang beim Inselschamanen –

Danke.

(…)

Advent, l’avent …..

Kein Land ist wohl so versessen auf Advent und Weihnachten wie dieses …….

und dieses Jahr noch mehr als sonst, will mir scheinen….

“Wir brauchen in dieser Zeit ganz dringend etwas, das unsre Seelen und Herzen nährt”, sagte neulich eine meiner Freundinnen. Ja – sie hat recht. Sogar ich habe mir einen Baum geschmückt ….

auf friesische Art – abgewandelt ;-) – wie es dem Felsen, der kaum Bäume hat, gebührt.

So findet sich beim Gang durch die Stadt manches, das erstaunt:

LED-Rehe zieren Araukarien,

leise dudelt der Weihnachtsmarkt vor sich hin,

Restaurants pushen ihr maritimes Ambiente ….

die Einkaufs’meile’ …..

Zwischendrin zeigt die Wirklichkeit ihr hartes Gesicht

Draußen dagegen Weite ……

in der sich alles aufhebt,

toi et moi,

la joie et la douleur,

les frontières et les nations

– nous sommes ensemble les enfants de la terre.

Alle Jahre wieder ?

Tagelang hatten wir nur fahles Licht

und es begann schon gegen 15 Uhr zu dämmern – heute dagegen ein kurzer Lichtblick

– und nun regnet es schon wieder.

Am Himmel wandern seltsame Gestalten –

ein zorniger Zwerg –

eine Teufelsfratze –

ein Engel.

Ja – ich weiß, liebe Wissenschaftler, das macht nur unser Gehirn, das nach Mustern sucht.

Dennoch – ich bin hoffnungslose Romantikerin – möchte ich mir den Himmel nicht leer und kalt vorstellen, sondern bevölkere ihn lieber mit diesen seltsamen Wesen….;-))

Derweil bereiten sich auch die Helgoländer auf den Advent vor mit

Tüddelkram,

merkwürdigen Haifischzähnen

und Weihnachtsmarkt,

der coronakonform eingerichtet ist.

Ich arbeite zu viel und meine Laune bewegt sich angesichts der allgemeinen Lage zwischen

so –

und so ……

Ach – es ist so leicht, nach Schuldigen für die vierte Welle zu suchen – wer auch immer das sein soll – die Ungeimpften, die Politiker, …….. wer noch? – Das schafft kurzfristig persönliche Entlastung, doch hilft es weiter? – Was bringt es, mit Schuldzuweisungen auf- und einzuteilen, zu segmentieren, auseinander zu nehmen ….. – und dies in einer Situation, die doch alle – wirklich alle – fordert.

Mich macht das nur müde….

Zornig werde ich, wenn ich daran denke, dass ein von mir sehr geschätzter und geliebter Mensch womöglich eine lebenswichtige Operation nicht machen lassen kann, weil ……. ich will es nicht wiederholen!!

Die letzten Finken (mir scheinen es Finken zu sein …) sammeln sich zum Abflug –

Adios – bis zum Frühling.

Am Ende des Regenbogens – so sagt ein altes Märchen – läge ein Schloss …….

PS: Die Ducks stammen nicht von mir (leider, seufz), sondern von dem begnadeten Zeichner Norbert Stolze. Sie sind als Barks-Studien entstanden.

Seltsam beglückt

Fast nahtlos ist der Herbst in den Winter übergegangen.

Letzten Sonntag verabschiedeten sich die Schiffe vom Felsen mit großem Tutkonzert. Das tun sie jedes Jahr, wenn es in die Winterruhe geht und nur noch die ‘Helgoland’ die Verbindung zum Festland hält.

Jetzt sind die letzten Stühle weggeräumt – und wo nicht, da stehen sie wie verwaiste Ferienkinder – und erzählen von Zeiten, in denen die Gäste anstanden, um es sich auf ihnen bequem machen zu dürfen.

Seit gestern fegt der zweite Herbststurm über uns hinweg.

Ein sattes Rauschen – mal zunehmend, mal abflauend – dringt von draußen herein.

Für Städter: Es ist, als wenn man direkt neben der Autobahn wohnt ;-))

Gut – diese Sorte von Autobahn bewirkt, das k e i n Verkehr mehr stattfindet – keine Verbindung zum Festland, kein Schichttausch der Offshore-Techniker.

Stattdessen: Krawall am Himmel.

Ich gehe raus in den Sturm. Der Ort ist wie leergefegt.

Doch an der Klippenkante stehen ein paar Menschen, die die gleiche Idee wie ich hatten.

Der Wind ist so stark, dass kaum wirklich scharfe Bilder entstehen.

Es beginnt zu regnen, kein feiner Landregen, sondern harte schwere Tropfen, die ins Gesicht peitschen.

Ich gehe weiter Richtung Lange Anna. Manchmal muss ich stehen bleiben, weil eine Bö mich einfach festhält, dann geht es wieder weiter.

Kurz vor der Langen Anna begegne ich noch einem Vater mit Kind.

Dann bin ich vollends allein – mit mir, mit dem Sturm, mit meinen Gedanken.

Doch auch die nimmt der Wind mit, als er mir die Kapuze vom Kopf reißt.

Seltsam beglückt lasse ich mich vom Wind nach Hause treiben.

Seit Tagen geht mir ein Lied durch den Kopf –

seltsame Welt ….