Komplimente

Im Sommer gibt es für die Gäste ein wenig mehr Kultur, denn wegen des Duty-Free-Klamauks allein würden wohl nicht mehr so viele Leute hierher kommen.

Neulich habe ich für eine Künstlerin aus Sankt Petersburg den local Roadie gemacht (Insulaner tendieren dazu, Multitalente zu sein ;-) und beim Abbau fragte sie mich, ob ich eigentlich Deutscher sei.

Hu?

Na ja, weil ich immer so helpful bin, aber auch so self-restrained, like a british person.

Ich hab zwar einen deutschen Personalausweis, aber trotzdem fühlte ich mich irgendwie geschmeichelt. Yippie!

Andererseits, das soll jetzt was Besonderes sein? Örks.

Into White

Das Wetter ist diesig heute und niemand möchte eine Gästeführung machen. Aber aufgrund meiner düsteren beruflichen Vergangenheit helfe ich gelegentlich auch als der lokale Internetversteher aus und kümmere mich um die Nachwehen eines abgerauchten Ethernet-Switch in einem Apartmenthaus.

Mit den Handwerkern auf dem Felsen ist es so eine Sache. Häufig sind die Optionen bei haustechnischen Problemchen nicht besonders vielfältig und dann verlegt halt der Klempner die Netzwerkkabel. Anders kann ich mir manches nicht erklären. Nach einiger Sucherei im Haus fand sich dann auch der defekte Switch.

Im Heizungskeller, hm. Festgeklemmt auf den Hauptwasserrohren, die gemütliche 60 Grad C° Heizwasser führen, aha! Am Ethernet-Kabel baumelte dann auch noch der Router. Örks.

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Immerhin hat das fast zwei Jahre so gehalten. Respekt, liebe Hardwaredesigner bei Z*xel ;-) !

Dann wieder draußen, ich gehe am Invasorenpfad zurück ins Unterland. Für einen Augenblick schaut die Sonne durch die Wolken und über Meer und Felsen scheint die Luft selbst aufzuleuchten. Grauschleier gibt es ja, aber Weißschleier?

Das kann man natürlich nicht wirklich fotografieren. Ich tue es trotzdem.

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Ich laufe die Treppe hinab und weil niemand in der Nähe ist, singe ich lauthals und ziemlich falsch “Into White” von Cat Stevens, auch wenn ich den Text der zweiten Strophe nicht mehr weiß. Die Möwen werden es schon keinem weitererzählen.

Tratsch

Ich liebe die Insel, die Abgeschiedenheit, den freien Blick auf den Rest der Welt und den Alltag, zu dem Seevögel, Robben, Schiffe und Stürme wie selbstverständlich dazu gehören.

Was ich nicht so sehr liebe, ist der Tratsch im Dorf. An manchen Tagen passiert halt nichts Sensationelles auf dem Felsen und manche Insulaner langweilen sich dann so sehr, daß sie sich ihre eigenen Sensationen ausdenken und auch eifrig herumerzählen. Mir persönlich ist das relativ egal, denn ich bin ein alter Mann, über den es nichts Besonderes zu tratschen gibt.

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Ich habe aber Freunde, die gelegentlich so etwas wie romantische Begegnungen haben, häufig sogar mit Mitgliedern des anderen Geschlechtes. Dann dauert es gefühlte zehn Minuten, bis der Inselfunk meldet: Frau mit Mann an der Landungsbrücke gesehen! Ohne Aufsichtsperson! Oho, aha aha!

Und es macht mich zornig, zu sehen, wie die jungen Leute versuchen, sich unter der Gerüchteschleuder wegzuducken. Ganz besonders die Frauen, denn die sind ja gegebenenfalls die Schlampen, während die Jungs mit einem “na na na, du ollen Schlawiner” davonkommen. Ja, das gibt es immer noch, im Jahr 2015. Örks.

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Liebe Mitinsulaner, die Amerikaner sind nicht immer ein Vorbild für die vorbildliche  Lebensgestaltung, aber sie haben eine Redewendung, die hier ganz gut paßt: Get a life.

Besorgt euch mal ein eigenes Leben, anstatt euch des Lebens eurer Mitmenschen zu bemächtigen. Geht raus zur langen Anna, laßt euch den Mief aus der Jacke und dem Hirn pusten und freut euch, wenn andere Menschen hier ihr kleines persönliches Glück finden.

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Natürlich sind nicht alle Insulaner so, sonst wäre ich wohl kaum mehr hier.

Aber ein paar. Also ein paar zuviel.