Komische Vögel

Auch auf Helgoland gibt es komische Vögel. Manche haben sogar Federn und Schnabel.

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Das geht schon direkt vor unserem Fenster los. In der Palme im Nachbarsgarten wohnt seit kurzem eine Sperlingsfamilie.

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Praktisch, denn da spart man viel Arbeit mit Nestbau und so. Einfach eine Höhle in den Faserpelz der Palme bohren und fertig ist die Laube.

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Dann gibt es noch die Basstölpel an der langen Anna. Deren Zahl hat in diesem Jahr sichtbar zugenommen. Ob das etwas mit der verlängerten Winterpause namens Lockdown und der damit verbundenen Abwesenheit der Zweibeiner zu tun hat, wissen wir erst im nächsten Jahr.

Jetzt kommen aber wieder Gäste hierher und die Tölpel sind ein sehr beliebtes Fotomotiv.

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Diese Basstölpeldame scheint jedenfalls zu ihrem Gatten so etwas zu sagen wie: “Schaatz, du hattest du hattest mir für dieses Jahr doch einen Brutplatz ohne Paparazzi versprochen…”

Enten und Gänse gibt es hier (fast) nur drüben auf der Düne. Da befindet sich nämlich der einzige Süßwasserteich in 70 Kilometern Umkreis.

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Manchmal macht aber auch Mama Ente einen Spaziergang am Strand. Mit Nachwuchs.

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Bin nur ich das oder muss noch jemand an Monty Pythons “Ministry of Silly Walks” denken?

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Na ja“, denkt dann die Ente wahrscheinlich, “wenn du meinen Gang albern findest, möchte ich dich mal beim Fliegen sehen.

Wachsen

Der Sommer kommt in desem Jahr auf besonders leisen Sohlen. Denn gerade als der Countdown zur Sommersaison begann, kam stattdessen der Shutdown.

Mir scheint, als hätten die Insulaner den etwas stoischer aufgenommen als manche Menschen auf dem Festland. Schließlich verbringt man hier etwa fünf Monate pro Jahr in einem jahreszeitlich bedingten Teil-Shutdown. Man nennt das aber “Winter auf Helgoland” oder auch “Schietwedder”.

Jetzt ist schon fast Juni und man wundert sich immer noch instinktiv, wenn man auf der Straße ein fremdes Gesicht sieht. Aber seit gestern dürfen wieder Gäste anreisen, die eine Zimmerreservierung haben.

So richtig los geht es aber erst morgen, da das Helgoland-Schiff immer noch nach einem reduzierten Fahrplan verkehrt.

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Anderen Lebewesen ist das alles pipapo, zum Beispiel dem Thai-Basilikum, das wir von einer Freundin geerbt haben, als sie wieder nach Hamburg zurückziehen musste.

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Oder der Eiche, die Fe aus dem Garten ihres früheren Hauses mitgebracht hat.

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Der Heidschnuckennachwuchs hat in den letzten zwei Wochen enorm an Gewicht zugelegt und bei den Basstölpeln wird weiter eifrig gebrütet und am Nest nachgebessert.

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Wenn sich Dinge sehr schnell entwickeln, heißt es manchmal, dass sie einem um die Ohren fliegen.

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Ok, an der Langen Anna fliegen uns die Basstölpel nur so um die Ohren. Hmm…

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Neue Hoffnungszeichen am Nord-Ost-Strand.

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Die Steinschlange ist nochmal ein gutes Drittel länger geworden.

Offensichtlich haben sich inzwischen auch Insulaner beteiligt, die dem schulpflichtigen Alter bereits entwachsen sind.

Bei genauerem Hinsehen entdeckt man neben vielen anderen Ramona und Antje, die im April hier geheiratet haben, einen Dachdeckergesellen auf der Walz, einen BuFDi, der seinen Dienst beim Verein Jordsand beendet hat, einen Stein, der bei Sturm so fror, dass ein mitleidiger Mensch ihm eine Mütze gehäkelt hat, Oma und Opa aus der Ferne und… huch, Edvard Munch???

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Ein letzter Spaziergang um die stille Insel, bevor die Saison mit einiger Verspätung an den Start geht.

Hoffentlich noch früh genug, um die wirtschaftliche Existenz vieler Insulaner zu retten und hoffentlich nicht so früh, dass die zweite Infektionswelle uns breitseits erwischt.

Die Steinschlange

Es ist Sonntag und wir gehen die Basstölpel besuchen. Aaach, denkt ihr vielleicht, die hatten wir doch letzte Woche schon.

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Aber sorry, sie werden nicht langweilig. Sie sind einfach hier. Und nach dem ganzen Krakeel in den vergangenen Wochen sind jetzt die ersten Eier da.

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Es gibt aber noch mindestens eine weitere interessante Spezies auf Helgoland. Sie werden Kinder genannt.

Oder auf Helgoländisch letj Mensk, also kleiner Mensch.

Auch sie leben seit fast zwei Monaten unter den Bedingungen der Pandemie: Wenig oder keine Begegnungen mit ihren Freunden und Freundinnen, denn dadurch könnten sie ihre Eltern oder Oma und Opa in Gefahr bringen. In meinem Kopf entsteht das Bild eines Kindes, das einen Rucksack schleppt, der eigentlich für sogenannte Erwachsene gemacht ist.

Die Inselschule hat nicht einfach aufgehört, ihre SchülerInnen zu unterrichten. Es gibt Email, es gibt ein System für digitale Klassenzimmer (und sehr viel Arbeit, das alles so holterdipolter umzustellen).

Aber all das ist ja nur die halbe Miete. Die andere Hälfte – und ich erinnere mich noch nach über vierzig Jahren daran – ist der Ort, wo man seine FreundInnnen (und manchmal auch FeindInnen) trifft. Also so, na ja, analog, nicht auf einem Bildschirm. Die Realität hat nach wie vor die bessere Auflösung.

Deshalb haben sich die Helgoländer Kinder die Steinschlange ausgedacht. Möglicherweise hat die Schuldirektorin dabei mitgeholfen, aber das macht ja nichts.

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Die Steinschlange lebt am Klippenrandweg des Oberlandes und besteht aus den verschiedensten Steinen (und davon haben wir reichlich), die man am Strand finden und bemalen oder sonstwie umgestalten kann.

Und damit gebe ich das virtuelle Mikrofon ab an die Kinder der Insel Helgoland.

Helgoländer Kinder, ich verneige mich (und entschuldige mich bei all denen, deren Stein ich nicht fotografiert habe).

Drinnen und Draußen

Geschätzte sechs Wochen sind es nun, seitdem wir mehr oder weniger verbindlich zum Stubenhocken ermutigt, aufgefordert oder gar verdonnert sind (letzteres eher im Ausland).

Fe und ich sind sowieso begnadete Stubenhocker und unsere Ausflüge sind inselbedingt meistens auf die Ausmaße des Felsens beschränkt. Selbst bei allem Ehrgeiz kann man nicht mehr als zwei Kilometer zurücklegen, ohne wieder an irgendeiner Wasserkante zu stehen. Sollte also keinen großen Unterschied ausmachen.

Trotzdem fühlt es sich wie ein Unterschied an. Es ist so, als säße ich unten am Siemensplatz vor einer superduper Pizza Quattro Formaggio und dann sagt der Kellner streng: “Die musst du jetzt aber ganz aufessen!”

Stubenhocker hin, Lockdown her, Lummenfelsen geht natürlich immer.

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Auf der Westseite wird schon eifrig bebrütet.

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Gegenüber auf der Ostseite wird das Grünzeug für den Nestbau geerntet.

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Nachmittags nach dem Einkaufen sitze ich dann an der Landungsbrücke und schaue auf die verlassenen Hotels. Sieht aus wie im Winter, nur ohne Sturm. Ganz normal. Aber es ist Ende April.

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Kein Schiff auf der Binnenreede, nur ab und zu ein einsamer Crew Transport der Windkraft-Techniker.

Selbst der Himmel über Helgoland ist anders. Der Felsen liegt unter den Flugrouten von Amsterdam und London in Richtung Skandinavien.

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Zur Zeit ist ein Kondensstreifen am Himmel jedoch eine kleine Sensation. Damit könnte ich eigentlich leben, wenn ich nicht wüsste, dass viele Menschen, die für Fluglinien oder Flughäfen arbeiten, jetzt kaum noch ein und aus wissen.

Vielen Insulanern geht es ähnlich, weil die Pläne der Gemeindeverwaltung vorsehen, den Inseltourismus nur seeehr vorsichtig und stufenweise wieder zuzulassen. Insel-Ökologien sind fragil.

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Manche nehmen es mit Galgenhumor wie einer unserer Nachbarn.

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Und es gibt ja auch gute Nachrichten. Die Inselbücherei hat wieder geöffnet. Nur… anders.

Ich schicke der Bibliothekarin vorab eine SMS: “Erschrick bitte nicht, wenn ich mit einem Schal im Gesicht vor der Tür stehe.” Sie antwortet: “Erschrick du bitte nicht, wenn ich mit einer Maske im Gesicht am Schreibtisch sitze ;-) .”

Dann stehen wir da und können uns ein albernes Kichern nicht verkneifen. Es ist ein wenig, als würde man sich unvorbereitet auf einer Party mit albernen Hütchen auf dem Kopf begegnen. Lachen mit Vermummung ist übrigens schwierig. Das bringt alles ins Rutschen.

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(Nein, dieses, ähhh, hübsche Foto stammt nicht aus der Bücherei, sondern von einer lustigen Hochzeitsfeier vor etwa eineinhalb Jahren.)

Davon abgesehen gibt es aber einen äußerst unalbernen und sinnvollen Plan. Wer selber in den Bücherregalen stöbern will, bekommt Einmalhandschuhe und zurückgegebene Bücher kommen mindestens 24 Stunden lang in Quarantäne.

Es hat sich nämlich herausgestellt, dass die vermaledeiten Viren – entgegen allem, was man vermuten würde – auf Papier wesentlich kürzer überleben als auf Metall oder Plastik. Noch nie fand ich es so sympathisch, dass jemand Bücher nicht mag.

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Eines der neuen Bücher stammt von unserer Pastorin. Super Lesestoff und für mich voller Aaach-ich-dachte-so-was-passiert-nur-mir-Erlebnisse.

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Da wir nur wenige Meter von der Kirche entfernt wohnen, laufe ich beim Einkaufen immer an ihrem Haus vorbei. Nach Gottesdienst als Livestream und Segen per Straßenkreide gibt es jetzt auch Segen-to-go zum Selberpflücken. Man muss sich halt was einfallen lassen mit dem Verkündigungsauftrag auf Distanz.

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Ich bin zwar ganz schön religiös aufgezogen worden (Geschmacksrichtung Katholik), aber seit gut vierzig Jahren habe ich keinen Segen mehr empfangen. Jetzt hängt er bei uns am Wohnzimmerschrank zwischen allerlei profanen Erinnerungsstücken. Thanks, Reverend ;-) .

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Mein Blick fällt auf die Einladungskarte, die ich vor ein paar Monaten für die Silvesterparty der Hexenhausbande auf dem Festland gezeichnet habe. Kurz überlege ich, ob ich nicht ein neues Bild malen sollte, so à la “Liebes 2019, komm bitte bitte wieder zurück! So sch…. warst du ja gar nicht!”

Aber das ergibt natürlich keinen Sinn. Mein Gefühl sagt mir, dass es so oder so gekündigt hätte. Vielleicht sollte ich mal 2016 anrufen. Oder 1995.

Zweibeiner und Vierbeiner (plus ein Klopapier-Witz)

Da sind sie nun, die Feiertage. Aber so einen großen Unterschied spürt man nicht, weil wir seit Wochen in einer Art verordneter Schulschwänzer-Stimmung leben. Also trifft man beim Spaziergang durch das nördliche Oberland eine Menge Insulaner. Normalerweise hätten die (mich eingeschlossen) keine Zeit dafür, sondern würden die Gäste der Frühsaison betüddeln.

Für andere Insulaner ist aber “Business as usual”.

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Im Oberland gibt es eine freilaufende Herde von Heidschnucken. Die sind sozusagen als autonome Rasenmäher unterwegs und halten die Grasnarbe kurz.

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Außerdem können sie selber neue Rasenmäher bauen.

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Bäääh!

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Die Nistplätze an der Steilklippe sind komplett ausgebucht und in einem Monat wird es losgehen mit dem Lummensprung.

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Weiter oben bei den Basstölpeln kann es schon mal schwierig werden mit der Landefreigabe.

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Platz da!!! Keine Bremse!!!

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Uff.

Gelegentlich landet man versehentlich auch mal auf dem Kopf des Nachbarn. Dann pflanzt sich eine Woge von Gezeter durch die gesamte Versammlung fort und ich muss unwillkürlich an die absurden Saloonschlägereien in den alten Spaghetti-Western denken.

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Und wenn das alles zu nervig wird, ist es natürlich praktisch, fliegen zu können.

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Auf dem Rückweg kommen wir am Berliner Bären vorbei. Stoisch wie immer schaut er über den Südhafen hinweg.

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Vor der Hafeneinfahrt liegen ein paar Kriegsschiffe in ihrem typischen Ich-möchte-nicht-darüber-sprechen-Grau. Die kommen aus Belgien, den Niederlanden und Norwegen und… ja, was machen sie eigentlich? Krieg spielen? Ostereier suchen? Mal frische Luft schnappen?

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Die Crewschiffe der Windkraft-Techniker bevorzugen eher was Buntes. Natürlich fehlt das Weiß der Passagierschiffe.

Und dann gehen wir wieder nach Hause.

Aber halt, was wäre ein Blog-Eintrag im April 2020 ohne einen Klopapier-Witz?

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Erinnert ihr euch noch an das Bild vom 30.3.2020? Das Klopapier wartet immer noch auf seine Hamster.

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Wenn man näher hineinzoomt, gewinnt man dennoch weitere Erkenntnisse.

Nein, wir beißen nicht ins Klopapier, nicht heute und auch sonst nicht. Ich meine den weißen Zettel, den Sebastian links daneben an die Tür geklebt hat. Da wird erklärt, wie man selbst Backhefe machen kann. Die ist nämlich wirklich alle.

Also: Bestellungen? Wollen wir tauschen?

Fliegen

Gestern waren wir wieder am Lummenfelsen.

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Inzwischen sind alle Sitz- und Stehplätze vergeben. Die Lummen legen auf diesen zentimeterbreiten Felsbändern tatsächlich ihre Eier und brüten sie auch dort aus.

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Die Logenplätze sind schon längst von den Basstölpeln belegt. Da wird gebalzt, was das Zeug hält.

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Aber es gibt auch Junggesellen, die noch auf Partnersuche sind. Guckt mal, ich bin der größte und schönste und tollste. Und ich bin noch Single! Na???

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Anderswo ist schon der Nestbau im Gange.

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Zwei Frauen vom Verein Jordsand bringen büschelweise getrocknetes Gras mit, damit die Tölpel nicht so viel Plastikmüll anschleppen, um ihre Nester zu bauen.

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Ey! Schnabel weg! Das ist meins!

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Ein wirres Neidgefühl: Die haben ganz andere Sorgen. Und sie können fliegen. Warum können wir das nicht?

Ich war nie besonders gut in Biologie, aber natürlich weiß ich so ungefähr, warum Menschen nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft zu fliegen. Stoffwechsel, Knochenbau undsoweiter. Wir sind einfach zu schwer.

Und vielleicht ist es nicht nur die physische Schwere. Wir müssen ja auch unsere Newsticker refreshen, Parteien wählen, Steuererklärungen ausfüllen und uns Sorgen wegen der Miete und der Gehälter machen.

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Auf dem Heimweg stellen wir fest, dass die Inselpastorin nicht nur Internet-Livestreams für ihren Verkündigungsauftrag einsetzt.

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Sie kann auch Straßenkreide.

Später am Abend werkeln Fe und ich an der Pizza, als plötzlich Musik von draußen erklingt. Der Nachbar von schräg gegenüber steht auf dem Balkon und bläst auf der Trompete ein Abendlied.

Irgendwie können wir doch fliegen. Jetzt jedenfalls.

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Warum können wir das sonst nicht?

Ungewiss

Was gewiss ist: Die Möwenfussballmannschaft an der Schule hat Verstärkung bekommen.

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Am Lummenfelsen gibt es neue Anreisen.

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Das Wetter bleibt… erfrischend (auch “brrr” genannt).

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Und die “Lange Anna” ist immer noch nicht umgefallen.

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Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Die Straßen liegen leer und verlassen.

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Aber hier nennt man das nicht Viruspanik. Man nennt es “März”.

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Nichtsdestotrotz: Eigentlich wollten wir in drei Wochen Freunde auf dem Festland besuchen. Der Bundesgesundheits-Jens ermuntert uns aber immer dringender, das nicht zu tun. Mal sehen.

Auch hier reden die Leute über die anstehende Pandemie. Weil früher oder später ein argloser Mensch mit dem Mistvieh an Bord hierher kommen muss.

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Weil keiner weiß, wohin dieser Weg führt. Aber das Reden gibt uns für kurze Zeit das Gefühl, so etwas wie Gewissheit zurückzugewinnen.

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Gewiss ist: Das Gestern ist ein Schatten, die Gegenwart ein Lidschlag und die Zukunft ein Schemen im Nebel.

Du weisst nicht, was ich diesen Sommer getan habe (Für Frau T.)

Ein gutes halbes Jahr habe ich das Blog und alles, was damit zusammenhängt, nicht mit dem (ähhh) hinteren Stoßfänger angesehen.

(Führende AmateurpsychologInnen werden sicher zu dem Schluss kommen, dass es daran liegt, dass ich vieles, was ich früher dem Blog erzählt habe, jetzt Fe erzähle und gut ist. Herzlichen Glückwunsch, ihr dürft eure Analyse gerne in drei Ausfertigungen in den Sand des Südstrandes schreiben, dann auf die Flut warten und ein Eis essen gehen.)

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Also hier ein kleiner Nachtrag:

Nach der RocknRoll-Butterfahrt brach erst mal der Sommer aus. Die Inselkatzen kommen aus ihren Verstecken und beziehen ihre Posten in der Sonne.

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Die Norder-Falm-Klippenmauer-Katze wird am Ende der Saison gefühlte 10.000 mal behätschelt und fotografiert worden sein. Eigentlich sollte die Kurverwaltung ihr dafür eine Leibrente bezahlen. Die Oberlandtreppenkatze ist da etwas zurückhaltender.

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Am Lummenfelsen kehren die ersten Seevögel zum Brüten zurück. Den Trottellummen kann man da nur mit einem Fernglas zusehen, weil sie in den Vorsprüngen der Steilklippe nisten; den Basstölpeln ist das aber egal. Die bauen ihre Nester so nahe am Klippenzaun, dass man sie streicheln könnte, was man aber aus einer Reihe von Gründen besser nicht tut. So ein erwachsener Tölpel hat im Flug eine Spannweite von etwa 120 Zentimetern und an der Innenseite des schönen Schnabels so eine Art Sägeblatt.

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Seine Eier sind aber etwas kleiner als ein Hühnerei. Da muss man schon einigermaßen Glück haben, um etwas zu erkennen, wenn Mama Tölpel drauf sitzt. Auch die Küken haben zuerst einmal so gar keine Ähnlichkeit mit ihren Eltern und sehen aus, wie Vogelküken meistens aussehen: Nackt, komisch und irgendwie wie winzige Dinosaurier.

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Nach zwei Wochen sehen sie dann aber schon aus wie kleine Wollknäuel. Hochgewürgtes ist gesund, egal was wir unter ästhetischen Maßstäben davon halten mögen.

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In der Bäckerei arbeitet ein neuer Verkäufer, der in seiner Freizeit an der Landungsbrücke Capoeira tanzt. Das sieht ziemlich gut aus und bringt südamerikanischen Schwung auf unser friesisches Inselchen.

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Fe macht mit ihrer Schulklasse eine Exkursion nach Cuxhaven. Das ist Teil der Vorbereitungen für den World Ocean Day und gleichzeitig so etwas wie Schüleraustausch in Miniatur. Da aber eine Begleitperson fehlt, werde ich mit “verpflichtet” und lerne in sehr kurzer Zeit sehr viel über die schwierige Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu erziehen. Kein Wunder, denn unter anderem verstehe ich zu diesem Zeitpunkt nichts davon. Null. Nada.

Aus offensichtlichen Gründen gibt es von der Exkursion keine detaillierten Berichte oder Fotos. Auch Teeniebratzen haben ein Recht auf Privatsphäre.

Oder halt, ein Foto hab ich doch. Da sind wir gemeinsam in der Bowlinghalle in Cuxhaven. Bowlen kann ich gerade gut genug, um die Bahn nicht zu beschädigen, aber lecker Knabbernüsse gibt es da. Und einen Automaten, aus dem man Flummibälle ziehen kann.

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Wenn ihr also mal nach Cuxhaven kommt, schaut mal rein, zieht einen Flummi und sagt schöne Grüße von dem Kerl, der am nächsten Abend wieder mit den Kids vorbeikam, um noch mehr Flummibälle zu ziehen. Die freuen sich bestimmt ;-) .

Allerdings schaffe ich es auch, mir bei dieser Reise die Blase zu verkühlen und der Inseldoc meint nach dem Ultraschallieren der entsprechenden Regionen so was wie, hmmm, da sollte mal ein Experte für Alte-Männer-Leiden genauer hinkucken. Natürlich ist der auf dem Festland und es dauert auch einige Wochen, bis man da einen Termin bekommt. Ich betrachte das erstmal als Hinweis, dass es wohl nicht so schlimm sein kann.

Inzwischen sind den Wollknäueln Füße und sowas wie Flügel gewachsen.

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Und Elisa hat Geburtstag. Zwar keine der drei Elisas, die ich kenne, aber egal: Alles Gute, Elisa, wo immer du jetzt sein magst.

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Der Facharzttermin verläuft, wie Termine bei Urologen meistens verlaufen: Man pinkelt in einen Becher, lässt sich diverse Gerätschaften in diverse Körperöffnungen stecken und lernt ein paar Urologenwitze. Das tut alles nicht wirklich sehr weh, aber im großen und ganzen wäre ich lieber noch ein paar Flummis ziehen gegangen.

Dazu war aber keine Zeit, denn die Leute in der Praxis machen einen riesigen Aufriss, damit ich am zweiten Tag gerade noch das Schiff nach Hause erreiche. Das rührt mich jedesmal wieder. Normalerweise braucht man aufgrund der Abfahrtszeiten des Schiffs für einen Arzttermin auf dem Festland jeweils drei Tage Zeit.

Nichtsdestotrotz habe ich jetzt einen Zettel in der Tasche, mit dem ich mich einigermaßen bald im Krankenhaus einfinden darf, um das Problem zurechtzuschnippeln zu lassen. Aber ich soll mir nicht so große Sorgen machen, denn über 60 Prozent aller Männer in meinem Alter haben sowas und nur ziemlich selten ist es Krebs.

Na dann.

Die Wollknäuel sind inzwischen etwa doppelt so groß und verlieren ihren Kükenflaum zugunsten des ersten Jugendgefieders. Das ist dunkelgrau, völlig anders als das Federkleid der erwachsenen Tiere und mit Flugversuchen ist auch noch nichts. Dafür aber mit Füttermich-Gezeter. Und da der Kükenflaum am Kopf am längsten bleibt, kriegen die Girls and Boys einen ziemlich punkigen Irokesenlook. Passt.

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Da es sowieso noch ein paar Wochen bis zum OP-Termin dauert (dann kann es wohl nicht so schlimm sein…), fahre ich noch schnell mal zu zwei Open-Air-Festivals auf dem Festland: Das Fusion Festival, bei dem ich 2016 glaubte, das sei jetzt Geschichte und das Herzberg-Festival, das inzwischen eher ein Hybrid aus Festival und extrem lotterlebigem Familientreffen geworden ist.

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Danach noch ein kurzer Tölpelcheck: Ja, die Punk-Knäuel sind noch größer geworden und beginnen, von der Farbe abgesehen, ihren Eltern zu ähneln. Und dann geht es ins Krankenhaus.

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Darüber gibt es nichts Sensationelles zu berichten: Allerlei Formulare, noch mehr Urologenwitze, Licht aus, Licht an und drei Tage, bis dann nach und nach die ersten Schläuche wieder aus mir rausgezogen werden. Der letzte dann nach sechs Wochen, aber das macht schon der Doc auf der Insel. Perfekte Routine.

Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus drückt mir der Doc die Unterlagen für den Hausarzt in die Hand, dreht sich in der Tür noch einmal um und sagt:

“Ach ja, bevor ich es vergesse: War kein Krebs.”

Stille.

“Weiss man erst nachher genau, durch die Gewebeproben.”

Na dann.

Bei den Basstölpeln ist inzwischen Abreisestimmung. Die ersten Jungvögel sind schon mit ihren Eltern verschwunden, aufs Meer hinaus, bis nächstes Jahr. Ein paar Nachzügler lassen sich immer noch füttern. Das sieht aber inzwischen fast schon bedrohlich aus (für die Eltern, nicht die Jungen).

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Tja, soweit der Nachtrag. Ein bisschen zu wenig Basstölpel und ein bisschen zuviel Krankengeschichten. Aber das wird wieder.

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Nicht wahr?

Besucher

Zweibeinige Besucher sind immer noch relativ selten in dieser Jahreszeit.

Aber die Robbenkinder kommen jetzt allmählich ins Teenageralter und setzen sich gelegentlich schon mal von der Düne zum Strand der Hauptinsel ab. Wahrscheinlich nerven die Alten mit ihrem ewigen Fischgespräch und dem Gemecker, daß die Dünen von heute auch nicht mehr so dünig sind wie früher.

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In der Ruhe liegt die Kraft…

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Igitt, Paparazzi!

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Die Felsen an der Nordspitze waren noch vor wenigen Wochen leer und verlassen, aber inzwischen sind die ersten Basstölpel und Trottellummen zurückgekehrt.

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Der Krawall nimmt im Sommer dann solche Lautstärken an, daß Zweibeiner schon mit erhobener Stimme untereinander kommunizieren müssen.

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Die Basstölpel sind übrigens ebenso gute Klippenflieger wie die Lummen. Sie sind nur nicht so rotzfreche Nahrungsräuber wie die Dreizehenmöwen.

(Andere Insulaner haben einen schnelleren Abzugsfinger als ich und dadurch diesen Aspekt des Insellebens anschaulich dokumentiert, z.B. hier: http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/6618/display/13700457)

Die Tölpel haben auch keinen Fluchtinstinkt bezüglich der Zweibeiner, was ihnen wohl den Ruf eingetragen hat, ein bißchen doof zu sein. Das hat man nun davon, wenn man nett ist ;-).