Die Lage

Gestern wurden die Masken verteilt, die die Gemeindeverwaltung geordert hatte.

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Auch August Heinrich Hoffmann von Fallersleben hat eine bekommen. Er ist ja schon 222 Jahre alt und gehört bestimmt zur Risikogruppe.

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Ob Bären infektionsgefährdet sind? Wer weiß? Er kriegt vorsichtshalber ebenfalls eine Schutzmaske.

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Das Wetter: Passend. Alles ein bisschen blass um die Nase.

Habe heute dem Finanzamt meine Gewinnabschätzung für dieses Jahr zugesandt. Vielleicht kommt ja in ein paar Tagen ein Brief mit ein paar kleinen Banknoten und einer Notiz: “Junge Junge, das sieht ja echt sch…e aus. Wir haben mal eine kleine Spendensammlung veranstaltet. Viel Glück.”

Ob Galgenhumor hilft? Na ja, er schadet jedenfalls nicht.

Nacht

Gestern Abend lief ich los, um mir den aufgehenden Vollmond anzusehen. Es geht wieder dem Sommer entgegen und um 22 Uhr ist im Nordwesten noch blaue Stunde.

Es ist völlig still. Die Zeit der Winterstürme ist vorbei und Gäste kommen natürlich auch keine hierher.

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Dann gehe ich weiter in Richtung Südklippe, denn der Mond wird in Ost-Süd-Ost erscheinen.

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Über dem Horizont liegt eine Wolkenbank, also dauert es eine halbe Stunde, bis er ganz sichtbar ist.

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Ich mache ein paar Aufnahmen, lasse es dann sein und schaue einfach nur. Meine Taschenknipse ist dieser Situation nicht wirklich gewachsen, aber ob eine bessere Kamera das wäre?

Vielleicht lässt sich das, was mich in solchen Momenten bewegt, überhaupt nicht fotografieren.

Was das ist?

Ich lebe meistens in einer Welt, die von meinesgleichen erbaut wurde. In dieser Welt können wir uns für groß und wichtig halten.

Es gibt aber Augenblicke, die mir zeigen: Stimmt nicht. In Wirklichkeit bin ich sehr klein.

Vor einiger Zeit sind Menschen unter riesigen Gefahren und Entbehrungen zu diesem leuchtenden Ball hingeflogen. Da war ich noch ein kleiner Junge und natürlich völlig fasziniert. Die meisten dieser Zwölf leben inzwischen nicht mehr. Und eigentlich waren wir nur wie ein Kind, das mit dem ersten Rad mit Stützrädern im Garten im Kreis fährt.

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Dann gehe ich wieder nach Hause, denn Fe wartet sicher mit dem Essen.

Der Mond steht schon über dem Kirchendach. Und Nacht heißt eigentlich nur, dass die Sonne gerade in Australien scheint.

Aussichten

Die Sturmsaison gab noch einmal alles.

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Dann wurde es endlich etwas stiller und die Zugvögel, die um diese Jahreszeit hier auf dem Felsen zwischentanken, kamen wieder zum Vorschein.

Einer sitzt morgens in der Palme vor dem Wohnzimmerfenster und sieht uns beim Frühstücken zu.

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Normalerweise ist das auch die Jahreszeit, in der der Insulaner allmählich aus dem Winterschlaf erwacht und sich mit ein paar Kniebeugen für die neue Saison fit macht.

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Daraus wird aber fürs Erste nichts werden.

Es ist sowieso still in den Straßen im März, aber heute fühlt sich die Stille anders an. Und bald wird es noch stiller sein. Natürlich ist das für die Insulaner, die größtenteils vom Tourismus leben, ein zusätzliches Desaster.

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Und doch: Die Leute vom Inselmarkt haben sich bereit erklärt, den Inselsenioren ihre Bestellungen nach Hause zu liefern. Und Helgoland ist und bleibt der Ort, an dem man den Kram vor die Tür stellen kann. Da bleibt er dann auch, bis der rechtmäßige Besitzer ihn ‘reinholt.

Reality Check

Das Radio sagt zum x-ten Mal: Flughafen Bombe Mörder Todesopfer.

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Ich sehe aus dem Fenster, aber da ist nur die Sonne, die untergeht. Eine Elektrokarre fährt hinauf ins Oberland. Absolute Stille.

Inseln sind komisch.

Keiner ist hier besser, Leute hassen sich, lästern übereinander, werfen sich Knüppel zwischen die Beine, der ganze Schrott.

Aber wahrscheinlich sind wir einfach – rein quantitativ – nicht genug Menschen, um so einen richtig üblen Mob zusammenzukriegen.

Au weia

In den vergangenen Tagen habe ich einige besorgte Mails erhalten und eine Freundin hat sogar vom Festland aus hier angerufen. Wahrscheinlich, weil es in den letzten paar Einträgen hier im Blog nicht mehr so viel um Heimatkunde und Wetterlagen ging, sondern um die Gedanken, die ich mir um ein paar Schicksals-Klopper mache. Seit Beginn des Jahres sind einige traurige Dinge geschehen.

Und die Stille hier auf der Insel bewirkt, daß ich auch in dieser Situation meine eigenen Gedanken sehr gut hören kann. Hier gibts keine Verkehrsstaus oder Blödmänner in der U-Bahn, die mich davon ablenken.

Mein Alltag sieht halt oft so aus.

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Macht euch keine Sorgen, das ist Alles ganz normal.

Nr. 20145

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Eigentlich wollte ich ja nur meine Resturlaubstage ausrechnen. Dabei hat mir aber mein Taschenrechner mehr oder weniger ungefragt zugeflüstert, daß er ja auch die Anzahl der Tage zwischen zwei Kalenderdaten berechnen kann.

Heute ist also der zwanzigtausendeinhundertfünfundvierzigste Tag dieses Lebens.

Aha.

Irgendwie schon beeindruckend. Naja, irgendwie ;-) .

Trugbild

Ist das ein Vogel oder hat mir jemand was in den Tee getan?

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Auch ansonsten ein ruhiger Tag. Schöne Inselführung, Gäste mit diesem fast unmerklichen wir-wissen-schon-warum-Lächeln in den Mundwinkeln. In kreischendem Gegensatz dazu die neuesten Nachrichten vom Festland.

Hier wäre es schwer, überhaupt genügend Menschen zusammen zu kriegen für eine solche Grausamkeit. Nicht mal die Nazis haben das geschafft, siehe Kropatscheck. Man kann sich hier nicht verstecken hinter irgendeiner Bewegung, Religion oder was auch immer da herhalten muß. Was man tut oder läßt, geschieht allerzuerst in der ersten Person.

Spätestens im Dezember werde ich auch wieder aufs Festland reisen. In ein anderes Land.

Komisch, das mit der Insel.