Die Steinschlange

Es ist Sonntag und wir gehen die Basstölpel besuchen. Aaach, denkt ihr vielleicht, die hatten wir doch letzte Woche schon.

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Aber sorry, sie werden nicht langweilig. Sie sind einfach hier. Und nach dem ganzen Krakeel in den vergangenen Wochen sind jetzt die ersten Eier da.

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Es gibt aber noch mindestens eine weitere interessante Spezies auf Helgoland. Sie werden Kinder genannt.

Oder auf Helgoländisch letj Mensk, also kleiner Mensch.

Auch sie leben seit fast zwei Monaten unter den Bedingungen der Pandemie: Wenig oder keine Begegnungen mit ihren Freunden und Freundinnen, denn dadurch könnten sie ihre Eltern oder Oma und Opa in Gefahr bringen. In meinem Kopf entsteht das Bild eines Kindes, das einen Rucksack schleppt, der eigentlich für sogenannte Erwachsene gemacht ist.

Die Inselschule hat nicht einfach aufgehört, ihre SchülerInnen zu unterrichten. Es gibt Email, es gibt ein System für digitale Klassenzimmer (und sehr viel Arbeit, das alles so holterdipolter umzustellen).

Aber all das ist ja nur die halbe Miete. Die andere Hälfte – und ich erinnere mich noch nach über vierzig Jahren daran – ist der Ort, wo man seine FreundInnnen (und manchmal auch FeindInnen) trifft. Also so, na ja, analog, nicht auf einem Bildschirm. Die Realität hat nach wie vor die bessere Auflösung.

Deshalb haben sich die Helgoländer Kinder die Steinschlange ausgedacht. Möglicherweise hat die Schuldirektorin dabei mitgeholfen, aber das macht ja nichts.

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Die Steinschlange lebt am Klippenrandweg des Oberlandes und besteht aus den verschiedensten Steinen (und davon haben wir reichlich), die man am Strand finden und bemalen oder sonstwie umgestalten kann.

Und damit gebe ich das virtuelle Mikrofon ab an die Kinder der Insel Helgoland.

Helgoländer Kinder, ich verneige mich (und entschuldige mich bei all denen, deren Stein ich nicht fotografiert habe).

Kinderkaufladen

An der Siemens-Terrasse im Unterland steht ein kleiner roter Tisch mit bemalten Kieselsteinen und Feuersteinen. Die haben zwei Inselkinder gemacht bzw. gesammelt. Daneben steht eine Spardose und der Rest ist Selbstbedienung. Keiner klaut die Spardose und ich vermute aus schierem Optimismus, daß auch niemand Steine mitnimmt, ohne zu bezahlen.

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Cool. Count me in ;-).

Erdkundestunde

So, liebe Kinder, setzt euch mal ordentlich hin, Handies aus und Klappe halten.

Auf der wunderschönen Insel Helgoland ist heute nichts Besonderes passiert, außer daß die Sonne aufging, ich 14 Menschen kennenlernte, sie über die Insel führte und wieder verabschiedete. Dann habe ich einen Brief an meine erste Freundin (von daaamals!) verschickt. Der kostete € 1,45 Porto, denn der letzte Brief war im Jahr 2006 und da kommt dann schon ein wenig was zusammmen. Danach ging die Sonne unter und es war halb fünf.

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Und deswegen erzähle ich euch jetzt mal kurz, warum es die Insel überhaupt gibt.

Die meisten deutschen Nordseeinseln sind ja “nur” große Sanddünen, die ziemlich nahe vor der Küste liegen. Viel weiter draußen ragt aber ein einzelner roter Felsen aus dem Meer. Warum macht er das? Ist ihm auf Sylt zuviel Schickimickirummel oder hat er andere Gründe?

(Jahaa, das ist Alles prüfungsrelevant ;-)

Aaalso: Es war einmal vor vielen hundert Jahren ein König. Der hat mit dem Thema überhaupt nichts zu tun und kommt daher auch nicht mehr in dieser Geschichte vor. Ätsch, reingefallen.

Vor vielen hundert Millionen Jahren aber war da einmal ein Land namens Pangäa, das später dann in die Kontinente Europa und Amerika auseinanderbrach. Um dieses Land herum gab es schon damals ein Meer, das Zechsteinmeer. Heute befindet sich an dieser Stelle die Nordsee.

Am Boden dieses Meeres lagerten sich Salzschichten ab, mehrere tausend Meter dick. So etwa fünfzig Millionen Jahre später schoben sich da etwa siebenhundert Meter roter Sandstein darüber, der irgendwie beim Bau der skandinavischen Küstengebirge übrig geblieben war.

Wieder ein paar hundert Millionen Jahre später, also vor ungefähr 60 bis 20 Millionen Jahren wurden nochmal große Mengen an Gestein darüber abgelagert. Die kamen allerdings nie weiter als bis zur heutigen Küstenlinie und drückten dadurch im Süden mit ein paar Fantastilliarden Tonnen Gewicht auf die beiden existierenden Gesteinsschichten. Unter so einem riesigen Druck verhält sich aber das Salzgestein in der Tiefe wie eine sehr sehr zähflüssige Masse, die versucht, dem Druck auszuweichen und schließlich viel weiter im Norden an einer Bruchlinie im darüber liegenden Sandstein zur Oberfläche vordringt.

Wenn dabei ein Teil des Sandsteins mit in die Höhe gehoben wird, ergibt das einen erstklassigen Felssockel, der erst mal aus einer bewaldeten Tiefebene rausschaut wie dieser… Dings… na, der in Australien, ihr wißt schon.

(Ihr kennt das Problem vielleicht ja aus dem Alltag: Irgendeine Torfnase hat gestern Abend die Zahnpastatube nicht richtig zugeschraubt und dann auch noch auf dem Boden liegen lassen. Ihr torkelt morgens ins Bad und tretet am Südende auf die Tube. Am Nordende macht es plöpp und pffrt und ihr habt eine ziemliche Menge Atemfrische auf dem Boden. Obenauf liegt der Schraubverschluß. Yippie!)

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Dann braucht man noch drei bis vier mittelgroße Eiszeiten, um den Felsen wie einen Tafelberg abzuschleifen, das Schmelzwasser läßt das Tiefland drumherum nach und nach absaufen und bingo, eine Insel! Ah, jetzt, ja!

Das war vor etwa 5.000 Jahren. Seitdem wimmelten dann immer wieder kuriose kurzlebige Zweibeiner auf dem Felsen herum, um Stammeshäuptlinge zu beerdigen, Fische zu fangen, Nationalhymnen zu schreiben, Quantenphysik zu erfinden oder Kriege zu führen.

Nach dem vorläufig letzten Krieg haben diese Zweibeiner unglaublich viel Sprengstoff hierher verfrachtet, um herauszufinden, wieviel von diesem Mist man eigentlich braucht, um eine ganze Insel zu zersprengen.

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Hat nicht funktioniert. Wahrscheinlich wegen dieser eigentümlichen Konstruktion aus weichem Sandstein und Salz. Eine Vulkaninsel wäre in tausend Stücke zersplittert. Aber das ist eine andere Geschichte.