Fortschritt

Alles schreitet fort – unser Leben, der Planet auf seiner Bahn um die Sonne, das Hin und Her der Pandemie.

So geht der Sommer zu Ende. Der erste Herbststurm, der erste Tag, an dem man Strümpfe anzieht. Fortschritt.

Und was für ein Sommer das war:

Nachdem Ende Mai die Einreisebeschränkungen aufgehoben wurden, gab es doch noch so etwas wie eine Saison. Die Reedereien hatten sich verpflichtet, die Passagierzahlen pro Schiff zu halbieren und setzten daher zusätzliche Schiffe ein. Helgolines, die hauptsächlich auf ihren nagelneuen Katamaran setzen, holten sogar die San Gwann, eine zwanzig Jahre alte Autofähre mit bewegter Geschichte aus der Reserve.

So kamen dann doch noch halbwegs passable Gästezahlen zustande. So passabel, dass die Gemeindeverwaltung angesichts des Gedrängels auf der Hafenstraße dort für einige Wochen eine Maskenpflicht verkünden musste.

Das fanden manche Leute albern, aber mit dem Ende der Schulferien und den sinkenden Anreisezahlen konnte die Maskenpflicht inzwischen wieder aufgehoben werden.

Ich kann mir schon vorstellen, dass man bei uns in manchen Augenblicken vergessen kann, in welcher Situation die Welt sich gerade befindet.

Aber auch wenn wir weit entfernt von den großen Städten des Festlands mit ihrem Gewimmel und Gedrängel sind, so leben wir doch nicht auf einem anderen Planeten.

Bis jetzt ist es gelungen, Urlaubsgäste hier zu haben und gleichzeitig eine Infektionskette auf der Insel zu vermeiden. Noch ist es zu früh für verbindliche Zahlen, aber nach dem was mir andere Insulaner erzählen, werden wir wohl so etwas wie 30 Prozent einer normalen Sommersaison haben. Immerhin.

Eher unbeeindruckt von all diesen Dingen sind die Inselgäste an der Steilklippe. Da schreitet alles ganz hervorragend voran.

Zum ersten Mal seit Bestehen der Kolonie haben die Basstölpel ihre Nester weitgehend ohne die Gesellschaft knipsender Zweibeiner gebaut und die Ornithologen sind ganz aufgeregt, weil sich anscheinend die Population dadurch messbar vergrößert hat.

Den Tölpeln selbst ist das wahrscheinlich hochgradig schnuppe. Und selbst der nerdigste Vogelkundler wünscht sich nicht wirklich ein weiteres Lockdown-Frühjahr, um seine Datenbasis zu verbessern.

Inzwischen sind die ersten Plüschküken zu herumposenden Teeniebratzen fortgeschritten und der Brutfelsen beginnt ganz allmählich, sich zu leeren.

Einen deutlichen Fortschritt gibt es auch bei der Steinschlange zu verzeichnen.

Jeder dieser Steine erzählt eine kleine Geschichte, wenn man genau hinsieht. Die meisten sind witzig und kreativ, aber manche machen auch wehmütig und nachdenklich. Erstaunlich, was passiert, wenn man den Leuten einen kleinen Schubs gibt.

Allerdings müssen wir bald die Steine einsammeln (und ihnen ein neues Heim in der Inselschule geben), denn der Winter kommt und manche der frühesten Exemplare aus Sand- oder Kalkstein sind schon von Wind und Wetter zersprengt worden. Ein wenig schade, aber hey, Nordsee!

Mit den Gästeführungen ist es leider nichts geworden in diesem Sommer. Das liegt an einer Art Alptraum, den ich habe:

Fe steht als Lehrerin in ziemlich direktem Kontakt mit der Hälfte der Inselbevölkerung. Nicht nur epidemiologisch, aber eben auch. Was, wenn ich mich nun auch unters Volk mische und eines Tages nach Hause komme und, naja: Hallo Liebste, ich hab dir was mitgebracht, das kannst du morgen gleich mal in der Schule weitergeben...

So will ich eigentlich nicht in die Inselgeschichte eingehen. Vielleicht habe ich aber auch nur eine permanente Meise erworben durch diesen ganzen Corona-Mist.

Jedenfalls sitze ich zur Zeit wie in den schlechten alten Tagen wieder stundenlang vor dem Bildschirm und schreibe schreckliches Javascript und schrecklichen Unique Content für schreckliche Webseiten zu schrecklichen Honorarsätzen. Wollte ich eigentlich nie wieder machen.

Aber was solls, die Norderfalmkatze kommt ja auch damit klar, dass ihre Kraulquote massiv eingebrochen ist, seitdem bekannt wurde, dass auch Katzen das %$&?!!!-Virus übertragen können.

Vor ein paar Tagen habe ich der Besitzerin des Ladens, der hier Souvenirs aus Recycling-Kram verkauft, eine Tüte voll alter Speichermodule vorbeigebracht. Sie macht da Broschen und Schlüsselanhänger draus.

“Hast du denn irgendetwas zu tun, dass dir eine positive Rückkopplung gibt?”, fragte sie, nachdem ich fertig gejammert hatte und ich muffelte zurück: “Ich hab ne positive Rückkopplung zu meiner Liebsten. Das muss erst mal reichen.”

Aber sie hat ja recht.

Einfach mal Ausschau halten. And never mind the bollocks.

Summertime

…and the living is easy.

Jedenfalls hat es schon seit drei Wochen nicht mehr geregnet. Es wird kaum noch dunkel, um Mitternacht wandert das blaue Leuchten gemächlich von Westen nach Osten und vier Stunden später geht die Sonne wieder auf.

Natürlich gibt es immer noch einen Alltag mit Aufgaben und Verpfichtungen, aber selbst der Weg von einem Termin zum anderen fühlt sich wie Urlaub an.

Bei den Offshore-Leuten ist Crew-Wechsel. Sonst scheint die Zeit stillzustehen wie an einem Sonntagnachmittag. Es ist aber Mittwoch.

Am Wochenende ist dann Hafenfest am Binnenhafen.

Man lümmelt vor den Hummerbuden herum und schnackt mit den Passanten. Manchmal auch über sie ;-) .

Gestern war dann aber plötzlich Schluss mit lustig. Mein Schlautelefon begann rot zu blinken und das tut es normalerweise nur, wenn die Batterien fast alle sind.

Manchmal aber auch aus anderem Grund. Diesmal war es kein schlecht gelauntes Tier, sondern… tja, was? Das Alien-Mutterschiff aus “Independence Day”?

Irgendwie sollten Wolken nicht so aussehen. Ein uralter Primateninstinkt sagt “Zeit, Schutz zu suchen”.

Jedenfalls wurde es kurz danach sehr dunkel, die Windgeschwindigkeit stieg schlagartig auf 70 km/h und es fing an zu blitzen, donnern und zu regnen. Das habe ich dann aber nicht fotografiert, sondern lieber meinen Nachbarn im Erdgeschoss geholfen, ihre Ware in den Laden zu tragen.

Nach einer halben Stunde war der Spuk schon wieder vorbei. Das UFO flog weiter Richtung Festland, in Norddeutschland hörten die Züge auf, zu fahren und hier hat es anscheinend wieder ein Stück vom Internet gebraten. 

Screenshot from 2017-06-24 06-40-41

Örks.

Hier und weg

Sie sind wieder hier. Die Seevögel am Lummenfelsen…

…und bei den Basstölpeln wird geschnäbelt und geposed, was das Zeug hält.

Irgendwie muss ich an mich selbst denken, irgendwann in den Achtzigern in der Disco.

Ein unglaublicher Krawall und zum Glück weht ein frischer Wind, sodass die Duftnote aus Fischstäbchen und Vogelmist, äh, atmosphärisch bleibt.

Zwei Dreizehenmöven sehen sich das Treiben aus einiger Distanz an und kucken ein bisschen wie Tante Else und Onkel Gerd auf Tagestour.

À propos: Die Sommertouris sind auch wieder hier. Die machen andere Geräusche, eher so brabbel-brabbel, roll-roll, wenn sie in Scharen unter meinem Fenster die Hafenstraße entlang pilgern.

Aber im Ernst, der Winter war lang und still und häufig auch düster genug, sodass es eine willkommene Abwechslung ist, wenn mal wieder Leben in die Bude kommt.

Und im Oktober werden wir wieder kurz durchatmen, wenn der Zauber vorbei ist ;-) . Das ist halt auch ein Teil des Helgoländer Jahreszyklus.

Tscha, alle sind sie wieder hier.

Nur Fe ist wieder weg, zurück aufs Festland bis Ende Mai. Also eigentlich kein Grund, mich zum Gedudel alter Fanta 4-Klopper selbst zu bemitleiden.

Aber davor war’s wirklich schöner, allein zu sein.

Licht an

Der Winter war lang. Laaang. Und trübe. Trüüübe. Auf dem Weg zur Bücherei mache ich ein Foto von meinem Schatten, einfach, weil ich mich nicht erinnern kann, wann ich zum letzten Mal einen Schatten geworfen habe. Muss irgendwann im November gewesen sein.

Aber seit zwei Tagen gibt es wieder dieses komische helle Ding am Himmel und zum Glück gehts dem Sommer entgegen ;-) .

Gerade rechtzeitig wohl auch für das Filmteam, das vor ein paar Tagen hier aufschlug, um einen Helgoland-Krimi zu drehen. Die haben allerdings vorsichtshalber ihr eigenes Licht mitgebracht. Sogar so viel, dass man es von meinem Fenster aus sehen kann.

Auf meinem Abendspaziergang bin ich dann doch neugierig, aber aus der Nähe sieht es natürlich so prosaisch aus wie alle anderen location shoots sonst auch.

Eine Menge Kabel, Scheinwerfer und Klimbim, Roadies und AssistentInnen, die gerade auf die harte Tour herausfinden, dass W*ll*nst**n-Jacken auf Helgoland nicht warmhalten.

Ich hab mal den Roman gelesen, der dem Drehbuch zugrunde liegt. Mit dem realen Helgoland hat er nicht wirklich was zu tun. Aber ich habe mir von gut informierten Fachfrauen sagen lassen, dass das beim Münster-Tatort auch nicht anders ist. So what.

Verlustmeldung

Spät abends auf das blinkende Mobiltelefon geschaut. Nachricht gelesen. Nicht verstanden. Nicht verstehen gewollt. Es ist wie der Augenblick, in dem ich mich in den Finger schneide, auf die Verletzung schaue und ungläubig darauf warte, dass der Schmerz kommt.

Ihr Bruder hatte mir vor einigen Wochen erzählt, dass sie schwer erkrankt ist. Trotzdem geht es nicht in meinen Kopf hinein.

Es ist über dreißig Jahre her, dass wir ein Paar waren. Von ihr habe ich gelernt, was ich in diesem Leben wirklich erreichen will.

Ich kann nicht mehr schlafen und gehe in den Südhafen, fotografiere den Sonnenaufgang. Sollte ich nicht warten bis zum Sonnenuntergang?

Nein.

Schönheit am Morgen

Gestern habe ich in alten Fotos gestöbert. Sollte ich vielleicht nicht mehr unbeaufsichtigt tun, denn danach war ich ganz melancholisch. Wie schön wir damals waren, so verwegen und unaufhaltsam!

image

Und in Wirklichkeit natürlich auch so planlos, unsicher, selbstgerecht und eitel.

image

Aber das fällt mir nur dann ein, wenn ich richtig versuche, mich zu erinnern.

image

Wenn ich mich heutzutage nach Schönheit sehne, laufe ich in den Hafen und schaue aufs Meer.

image

image

Ich könnte natürlich noch ein paar Stunden warten und junge Frauen an der Südpromenade begaffen. Örks.

War was?

Hmmm, ein ganz klares Jein. Ich war ein wenig blogfaul in den letzten paar Tagen.

image

Aus irgendeinem Grund stehe ich in letzter Zeit meistens zu der Zeit auf, zu der ich früher üblicherweise ins Bett ging. Und, ach ja, die schicken Spaßyachten aus Hamburg sind wieder da. Die Saison ist angelaufen und sogar das Wetter hält sich an den Fahrplan.

image

image

Klein-Sille vom Festland hatte gefragt, ob ich ihr nicht ein paar Old-School-Gummistiefel für die kommende Open-Air-Saison besorgen kann, weil, na klar, wir tragen ja nix Anderes hier im hohen Norden ;-) .

Tatsächlich kriegt man die hier bei den Offshore-Ausrüstern zum Schleuderpreis. Nur bei der gewünschten Schuhgröße mussten sich die Jungs erstmal vor Lachen hinsetzen: Nee, die müssen wir dir bestellen.

Hat dann aber auch geklappt. Gerade rechtzeitig zum Muttertag! Yippie!

image

Ansonsten ist halt Sonntag. Und ein Sonnentag. Viele Menschen kommen vom Festland an, um sich durchlüften zu lassen, viele müssen wieder zurückfahren.

image

In Helgolands Hinterhof, dem Südhafengebiet, in dem ich wohne, sonnt sich der Wildkohl zwischen Frachtcontainern und Bierfässern.

image

Donald Tr*mp hin oder her, bis auf Weiteres bleibt dieser Planet bewohnbar.

Osterspaziergang

Ostern fällt dieses Jahr mit dem Saisonbeginn zusammen, viele Journalisten sind hier und Alle sind ganz aufgeregt. Nur die Nordsee schmollt und macht pubertäre Pfrrrt-Geräusche.

image

Dann reisen die Medienleute wieder ab und die Sonne kommt heraus. Ha!

image

image

Ich laufe in den Südhafen, um Fotos zu machen. Das ist etwa 300 Meter von meiner Wohnung entfernt, aber trotzdem wird es unterwegs dunkel und Hagel prasselt auf mich nieder, sodaß ich mich in einem Strandkorb vor dem leerstehenden Haus Marinas verkrieche.

image

Ist das dann eigentlich ein Regen- oder ein Hagelbogen?

image

Nach zwei Minuten schlägt etwas mit einem deutlichen Klonk an die Rückseite des Korbes. Oh, ein anderer Strandkorb. Da sitzt aber niemand drin und dann wehen die natürlich auch schneller weg. Ich suche trotzdem lieber Schutz hinter dem Haus.

image

image

Bevor ich meine durchgeweichte Zigarette fertig geraucht habe, ist schon Alles vorbei.

image

Den Möwen ist das natürlich mal wieder piepegal.

image

Achso, ja, Ostern:

Vor 1983 Jahren hat sich angeblich mal ein Mensch lieber ermorden lassen, als seine pazifistische Überzeugung zu verleugnen. Praktischerweise war er aber Gottes Sohn und weil er dachte, daß dieser Märtyrersch*** die falsche Botschaft sendet, beschloß er, lieber wieder von den Toten aufzuerstehen. Und weil dann alle gerade so gut drauf waren, meinte er:

Das kann jetzt jeder haben, es gibt aber einen Haken. Zuerst müßt ihr lernen, meine Mörder zu lieben.

Diese Idee hat sich noch nicht so recht durchgesetzt.

image

Als Spezies vertrauen wir bis auf Weiteres lieber auf das Herstellen und Abfeuern von Waffen. Kurzfristig bringt das oft einen taktischen Vorteil.

image

Langfristig nicht.

[Die letzten beiden Bilder stammen von Franz Schensky, der der Inselfotograf auf Helgoland im 19. und 20. Jahrhundert war.]

Begegnung ohne Bild

Ein Sonnentag, die Gäste der 11-Uhr-Führung sind gut drauf, stellen die richtigen Fragen und häufig ;-) weiß ich auch die richtigen  Antworten. Ein paar Leute möchten gleich weiter zur langen Anna, also verlege ich die Ziellinie an den Berliner Bär im Oberland.

Einem Gast hat gut gefallen, wie ich die Bedeutung der Inselbücherei erwähnt habe, denn er ist selber Bibliothekar in Cuxhaven. Wir sitzen noch eine Weile zu viert auf der Bank, schnacken ein wenig und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen.

“Entschuldigung”, fragt uns eine wahnsinnig gut aussehende junge Frau mit windzerzausten blonden Haaren, “können Sie mir sagen, ob man von hier ins Unterland zurückkommt?”

“Ja”, antworte ich und gehe zu ihr hinüber. “Darf ich mich bei Ihnen unterhaken?” frage ich. Sie lächelt und nickt. Wir gehen die paar Schritte zur Invasorentreppe und ich sage: “Hier geht die Treppe los. In der Mitte ist eine Stufe mit einem lockeren Stein, aber auf der linken Seite gibt es einen Handlauf. Ich könnte Sie auch ein Stück begleiten.”

“Vielen Dank”, sagt sie, “aber das genügt schon.” Sie lächelt wieder, vielleicht ein wenig spitzbübisch, als ob sie diesen Spruch schon oft gehört hat. Dann nimmt sie ihren weißen Langstock von der linken in die rechte Hand und geht die Treppe hinunter.

Klappt einwandfrei.

 

Einfach

Heute war Alles ganz einfach.

image

Zuerst mal einer lieben Freundin zum Purzeltag gratulieren. Geht auch via Threema und mit einem Käsebrot, Hauptsache Kerze und so!

image

Die Sonne ging auf, es war ganz hell und Helikopter stiegen aus purer Freude in die Luft (wer weiß…).

image

Wie auf Bestellung beginnt ein wildes Gesäge, Gehämmer und Geputze am Südstrand (Liebling, die Gäste kommen gleich, wo ist meine Hose?).

image

Die Küstenwache forscht nach der Gewässerqualität (gutes Forschen, Leute!).

image

Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, daß der Mensch häufig beliebt, ganz andere Muster in die Welt zu malen als die Welt selbst?

image

image

Aber egal, irgendwann ging dann wieder die Sonne unter. Kurz vor Feierabend bringt sie immer nochmal die alte Heldinnen-Nummer.

image

Und ich falle jedesmal wieder darauf herein.

image

image

Dazwischen passierten noch ein paar superkomplizierte und superuninteressante Dinge. Aber das dauerte nur zwei Stunden.

image

Und überhaupt, Leute… Wenn ihr mich beauftragt, die WLAN-Heatmap eines neuen Hotels zu erstellen – fragt mich doch das nächste Mal, bevor ihr Alles zugespachtelt und drübertapeziert habt. Örks.