Stolpersteine

Als Fe und ich uns heute mit Proviant für das Wochenende eindecken, liegen Blumen auf der Straße. Denn heute ist es 75 Jahre her, dass die Mitglieder der Helgoländer Widerstandsgruppe verhaftet wurden.

Drei Tage später wurden sie in Cuxhaven von einem Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Da lag Helgoland schon in Trümmern und die Niederlage Nazi-Deutschlands war nur noch eine Frage von Tagen.

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Der Inselarzt Dr. Kropatscheck notiert in seinem Tagebuch: “In Cuxhaven liegen die Gewehre schon auf der Straße herum. […] Das Kriegsgericht war noch nicht nach Hause gegangen.”

Drei der sechs Stolpersteine liegen auf unserem Einkaufsweg.

Dabei fällt mir wieder ein, dass einige Politiker gerne davon sprechen, dass wir im Krieg gegen das Virus leben.

Na ja.

Schweres Erbe

Der 18.4.1945 war der Tag, an dem das alte Helgoland in einem Bombenhagel unterging. Nach dem Krieg wurde die Insel zwar vor dem Neuaufbau gründlich nach Sprengstoffresten abgesucht, aber trotzdem werden immer noch alte Bomben und Sprengsätze gefunden, die mühelos ein Haus pulverisieren könnten.

2014 war das vor allem im Südhafen der Fall, wo ich wohne. Da hat mich die Feuerwehr im Laufe des Sommers drei mal aus der Wohnung rausgeklingelt. 2015 dann an der Bücherei, als die Leseterrassen neu gebaut wurden. Im Sommer zuvor habe beim Lesen buchstäblich da draufgesessen. 2016 war aus dem gleichen Grund ein großer Teil des Nordost-Strandes gesperrt.

Heute ist es wieder soweit, diesmal im Oberland. Zwei Meter unter dem Kinderspielplatz, keine hundert Meter von der Schule entfernt.

Schnell drehe ich noch die Runde mit meinen Gästen, während hinter uns der Lautsprecherwagen der Feuerwehr durch die Straßen fährt. Die Treppen sind im Unterland schon gesperrt.

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Die Insulaner haben darin schon eine gewisse Routine. In der Nordseehalle wird eine Notunterkunft mit Heißgetränken und belegten Broten organisiert. Als Alternative haben auch die Kneipen im Unterland früher geöffnet.

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Selbst der Teeladen reagiert mit einem besonderen Angebot.

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Galgenhumor à la Helgoland.

Wie sich später herausstellt, war es eine britische 500-Pfund-Fliegerbombe. Bei den Bombenentschärfern sind die relativ “beliebt”, denn deren Zünder sind aus Messing gefertigt, das kaum korrodiert. In diesem Fall war aber der Zünder durch den Aufschlag beschädigt worden.

So mancher Insulaner hat noch so ein Teufelsding im Regal stehen. Wer vor sechzig Jahren bei Entschärfungen half, konnte den Zündmechanismus häufig als Souvenir behalten.

Die amerikanischen Bomben hatten Zünder aus einer (billigeren) Eisenlegierung. Die sind inzwischen nur noch Rostklumpen. Und noch schlimmer sind die Säurezünder, erzählt mir der pensionierte Inselpolizist. Die können schon losgehen, wenn nach Jahrzehnten wieder Sonnenlicht darauf fällt.

“Ganz schön einfallsreich, diese Menschen”, rutscht es mir heraus. “Beim Morden und Zerstören immer”, murmelt er und zieht dann weiter.

Bilderbuch

Heute war wieder einer dieser Tage, die fast schon zu perfekt erscheinen: Strahlender Sonnenschein, gemütliche 24 Grad, gut gelaunte Gäste mit lustigen Kids (die meistens die besten und überraschendsten Fragen stellen).

Vom Festland kommen wieder Nachrichten von nicht enden wollendem Mord und Totschlag: Nizza, Istanbul, Baton Rouge, Würzburg… Und wieder dieses komische Gefühl, als geschehe das Alles in einer anderen Welt.

Warum machen wir diese Dinge? 

Ich kenne niemanden, den ich so sehr hassen würde und keine Belohnung, die solche Gier, Grausamkeit und Dummheit wert wäre.

Aus dem Westen zieht ein Unwetter auf.

Osterspaziergang

Ostern fällt dieses Jahr mit dem Saisonbeginn zusammen, viele Journalisten sind hier und Alle sind ganz aufgeregt. Nur die Nordsee schmollt und macht pubertäre Pfrrrt-Geräusche.

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Dann reisen die Medienleute wieder ab und die Sonne kommt heraus. Ha!

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Ich laufe in den Südhafen, um Fotos zu machen. Das ist etwa 300 Meter von meiner Wohnung entfernt, aber trotzdem wird es unterwegs dunkel und Hagel prasselt auf mich nieder, sodaß ich mich in einem Strandkorb vor dem leerstehenden Haus Marinas verkrieche.

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Ist das dann eigentlich ein Regen- oder ein Hagelbogen?

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Nach zwei Minuten schlägt etwas mit einem deutlichen Klonk an die Rückseite des Korbes. Oh, ein anderer Strandkorb. Da sitzt aber niemand drin und dann wehen die natürlich auch schneller weg. Ich suche trotzdem lieber Schutz hinter dem Haus.

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Bevor ich meine durchgeweichte Zigarette fertig geraucht habe, ist schon Alles vorbei.

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Den Möwen ist das natürlich mal wieder piepegal.

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Achso, ja, Ostern:

Vor 1983 Jahren hat sich angeblich mal ein Mensch lieber ermorden lassen, als seine pazifistische Überzeugung zu verleugnen. Praktischerweise war er aber Gottes Sohn und weil er dachte, daß dieser Märtyrersch*** die falsche Botschaft sendet, beschloß er, lieber wieder von den Toten aufzuerstehen. Und weil dann alle gerade so gut drauf waren, meinte er:

Das kann jetzt jeder haben, es gibt aber einen Haken. Zuerst müßt ihr lernen, meine Mörder zu lieben.

Diese Idee hat sich noch nicht so recht durchgesetzt.

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Als Spezies vertrauen wir bis auf Weiteres lieber auf das Herstellen und Abfeuern von Waffen. Kurzfristig bringt das oft einen taktischen Vorteil.

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Langfristig nicht.

[Die letzten beiden Bilder stammen von Franz Schensky, der der Inselfotograf auf Helgoland im 19. und 20. Jahrhundert war.]

Kälte

Es ist kalt, kalt, kalt. Nordwind. Sogar die Robben sind von ihrem angestammten Platz auf der Nord-Ost-Seite der Düne zur Westseite der Insel umgezogen.

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Sehr praktisch, da muß ich zum Robben-Watching nicht mehr so weit laufen.

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Ta-daaa, ganz kurz schaut die Sonne hervor, aber trotzdem bleibt es kalt.

Kalt wie die Herzen der stinkreichen Europäer (eine schlimme Verallgemeinerung, ich weiß), die seit siebzig Jahren ohne Krieg leben dürfen und nun ihren Gartenzaun mit Stacheldraht aufrüsten, weil sonst zu viele Menschen Zuflucht vor dem Krieg in ihrer Heimat finden könnten.

Ich habe natürlich leicht reden, auf Helgoland gibt es keine Flüchtlinge. Der Felsen liegt 70 Kilometer vom Festland entfernt in der Nordsee, ist gut eineinhalb Quadratkilometer groß und die Hälfte davon ist unbebaubar. Wir spenden nur ein bißchen Geld.

Von 1945 bis 1952 waren übrigens alle Helgoländer Flüchtlinge. Aber ich schweife ab.

Trugbild

Ist das ein Vogel oder hat mir jemand was in den Tee getan?

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Auch ansonsten ein ruhiger Tag. Schöne Inselführung, Gäste mit diesem fast unmerklichen wir-wissen-schon-warum-Lächeln in den Mundwinkeln. In kreischendem Gegensatz dazu die neuesten Nachrichten vom Festland.

Hier wäre es schwer, überhaupt genügend Menschen zusammen zu kriegen für eine solche Grausamkeit. Nicht mal die Nazis haben das geschafft, siehe Kropatscheck. Man kann sich hier nicht verstecken hinter irgendeiner Bewegung, Religion oder was auch immer da herhalten muß. Was man tut oder läßt, geschieht allerzuerst in der ersten Person.

Spätestens im Dezember werde ich auch wieder aufs Festland reisen. In ein anderes Land.

Komisch, das mit der Insel.

Kein Weg zurück

Seit drei Tagen Sturm, keine Schiffe und auch die Inselflieger haben alle Flüge abgesagt.

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Am Himmel ziehen Wolkenschlösser vorbei, die von Graf Dracula entworfen sein könnten.

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Auf dem Weg zum Südhafen gehe ich in den Sailor’s Shop und kaufe ein Handbier. Im Radio läuft gerade “Kein Weg zurück” von Wolfsheim. Einer der seltenen Augenblicke, in denen der Dudelfunk die passende Musik spielt.

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In der Hafenstraße warten die Baracken gegenüber der Feuerwehr immer noch auf ihre Gentrifizierung.

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Dann gehe ich nach Hause, liege auf dem Bett und lese meinen Kropatscheck weiter.

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Und ich weiß wieder: Wir sind alle Glückskinder, Wolfsheim-Musik hin oder her.

We don’t live in a yellow submarine

Das gelbe Ding im Binnenhafen ist nämlich unbemannt, wird von der Noorcat im Hintergrund ferngelenkt und sucht mit einer Unterwasserkamera nach Munitionsresten und Blindgängern im Binnenhafen.

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Ja genau, nach 63 Jahren, immer noch. Krieg ist wirklich eine ganz schlechte Idee.

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Ferngesteuerte gelbe Forschungs-U-Boote sind allerdings schon sehr cool. Wenn ich groß bin, will ich auch eins ;-) .

Ansonsten? Draußen weht es mit Windstärke 10, keine Schiffsverbindungen mehr und langsam, aber sicher verpfeifen sich alle Telefon- und Internetverbindungen, die über den Funkmast geroutet werden, in die Grauzone.

Im Oberland für einen älteren Herrn, der hingefallen war, den Krankenwagen gerufen. Vor den Hummerbuden wird gerade geheiratet. Ein Samstag.

Im Himmel

Gestern erhielt ich Nachricht, daß ein alter Freund aus den Achtzigern gestorben ist und Erinnerungen rumoren wie schlecht verzurrte Gepäckstücke durch meinen Kopf.

Dann klopft die Polizei an die Tür. Hinter dem Haus ist eine alte Bombe aus dem zweiten Weltkrieg gefunden worden. Das passiert hier eigentlich immer, sobald irgendwo ein Zaunpfahl aufgestellt werden soll, denn am 18.4.45 ist die damals 1,8 km² große Insel innerhalb von 75 Minuten von 7.000 Bomben getroffen worden.

Also sitze ich am Osthafen, sehe nach oben, frage mich, was er jetzt sagen würde.

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Nach zwei Stunden sehe ich die evakuierten Schiffe wieder in den Südhafen zurückkehren. Wir sind schon sehr merkwürdige Wesen.