Zweibeiner und Vierbeiner (plus ein Klopapier-Witz)

Da sind sie nun, die Feiertage. Aber so einen großen Unterschied spürt man nicht, weil wir seit Wochen in einer Art verordneter Schulschwänzer-Stimmung leben. Also trifft man beim Spaziergang durch das nördliche Oberland eine Menge Insulaner. Normalerweise hätten die (mich eingeschlossen) keine Zeit dafür, sondern würden die Gäste der Frühsaison betüddeln.

Für andere Insulaner ist aber “Business as usual”.

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Im Oberland gibt es eine freilaufende Herde von Heidschnucken. Die sind sozusagen als autonome Rasenmäher unterwegs und halten die Grasnarbe kurz.

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Außerdem können sie selber neue Rasenmäher bauen.

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Bäääh!

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Die Nistplätze an der Steilklippe sind komplett ausgebucht und in einem Monat wird es losgehen mit dem Lummensprung.

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Weiter oben bei den Basstölpeln kann es schon mal schwierig werden mit der Landefreigabe.

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Platz da!!! Keine Bremse!!!

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Uff.

Gelegentlich landet man versehentlich auch mal auf dem Kopf des Nachbarn. Dann pflanzt sich eine Woge von Gezeter durch die gesamte Versammlung fort und ich muss unwillkürlich an die absurden Saloonschlägereien in den alten Spaghetti-Western denken.

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Und wenn das alles zu nervig wird, ist es natürlich praktisch, fliegen zu können.

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Auf dem Rückweg kommen wir am Berliner Bären vorbei. Stoisch wie immer schaut er über den Südhafen hinweg.

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Vor der Hafeneinfahrt liegen ein paar Kriegsschiffe in ihrem typischen Ich-möchte-nicht-darüber-sprechen-Grau. Die kommen aus Belgien, den Niederlanden und Norwegen und… ja, was machen sie eigentlich? Krieg spielen? Ostereier suchen? Mal frische Luft schnappen?

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Die Crewschiffe der Windkraft-Techniker bevorzugen eher was Buntes. Natürlich fehlt das Weiß der Passagierschiffe.

Und dann gehen wir wieder nach Hause.

Aber halt, was wäre ein Blog-Eintrag im April 2020 ohne einen Klopapier-Witz?

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Erinnert ihr euch noch an das Bild vom 30.3.2020? Das Klopapier wartet immer noch auf seine Hamster.

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Wenn man näher hineinzoomt, gewinnt man dennoch weitere Erkenntnisse.

Nein, wir beißen nicht ins Klopapier, nicht heute und auch sonst nicht. Ich meine den weißen Zettel, den Sebastian links daneben an die Tür geklebt hat. Da wird erklärt, wie man selbst Backhefe machen kann. Die ist nämlich wirklich alle.

Also: Bestellungen? Wollen wir tauschen?

Bildschön, mit Bildstörung

Obwohl wir immer noch einzelne Sturmtage haben, sind die Vorboten des Frühlings unübersehbar.

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Die Anreisen am Lummenfelsen nehmen zu und in der Palme vor dem Fenster sitzt immer wieder neues Federvieh.

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Meistens sind es ja Zugvögel, aber diese beiden Tauben haben sich eher mit dem Frachtschiff vom Festland hierher verirrt.

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Wenn es nicht Alltag wäre, müsste man es für Kitsch halten.

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Das grüne Leuchten gestern Abend an der Steilklippe über dem Unterland. Bildschön.

Aber mit Bildstörung. Denn in den Fenstern der Hotels müssten jetzt schon viel mehr Lichter zu sehen sein.

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Hier müssten eigentlich viele Menschen auf dem Weg vom Hafen ins Dorf unterwegs sein.

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Und hier die ersten Schiffe und Segeljachten.

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Stattdessen sieht man nur die Crewschiffe der Windpark-Leute.

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Es ist nämlich Vorsaison, die Zeit vor Ostern. Die mit den günstigen Übernachtungspreisen. Aber nicht in diesem Jahr.

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Vor zwei Wochen haben wir alle Gäste freundlich, aber bestimmt zur Heimreise aufgefordert und seit dem 24.3. können auch die Insulaner nur noch in begründeten Ausnahmefällen aufs Festland fahren.

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Am Falm-Markt (sozusagen dem Helgoländer Späti) sind die Sitzplätze abgesperrt und Kaffee und Klönschnack sind bis auf weiteres abgesagt.

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Stattdessen gibt es Momente unfreiwilligen Galgenhumors. Da staubt ein Stapel Hamsterware vor sich hin. Entweder haben die Insulaner traditionell größere Vorräte zuhause oder sie haben die Absurdität dieser Sorte von Krisenvorsorge erkannt.

Andere Vorsorge macht natürlich Sinn. Im Supermarkt stehen Spender für Handdesinfektion (und nein, sie werden nicht geklaut) und auf der Straße schauen wir uns beim Klönschnack aus zwei Metern Entfernung etwas verwirrt in die Augen. Wie komisch sich das manchmal anfühlt.

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À propos Vorsorge: Unsere Inselpastorin hat sich relativ mühelos der Situation angepasst. Sie hält das Morgengebet schon länger auch auf InstaSnapFaceChat (oder wie das heißt) ab.

Vor ein paar Monaten hat sie mal eine Reporterin vom NDR etwas verdutzt dazu befragt und sie meinte nur: “Ja nun, ich habe einen Verkündigungsauftrag.”

Ende Neu

(Disclaimer: Es geht hier nicht um das Alterswerk der Einstürzenden Neubauten. Naja, indirekt vielleicht auch, aber jedenfalls ging mit dieser Titel nicht mehr aus dem Kopf.)

Hallo hallo hallo?

Hört mich noch jemand? Ein Blog, das seit einem halben Jahr nicht mehr aktualisiert wurde, checkt ja kein normaler Mensch mehr. Ist halt sanft entschlafen.

Manchmal ist es aber komplizierter:

Sommer 2018.

Ich kündige meinem Arbeitgeber der letzten vier Jahre. Damals hat er mich aus einer schlimmen persönlichen und finanziellen Klemme herausgeholt und ich war ihm vier Jahre dankbar dafür, aber jetzt ist Zeit für einen Tapetenwechsel.

Fe hat inzwischen ihre Versetzung durch zwei Kultusmysterien abgesegnet bekommen. Also fahre ich aufs Festland, um zu helfen, einen Umzug zu organisieren. Auch auf dem Festland hat es seit Monaten nicht mehr geregnet und das Herzberg-Open-Air, das letztes Jahr ziemlich matschig war, staubt dieses Jahr ein wenig.

Schön wars trotzdem. So schön, dass wir eine Woche später nochmal zur Wiese fahren. Melancholie.

Aber danach haben wir Umzugskisten zu packen.

Dann geht es erstmal wieder auf die Insel, denn Fe muss ihre Arbeit antreten. Da wir noch keine Wohnung gefunden haben, mieten wir uns in einer etwas abgerockten, aber trotzdem-deshalb schönen Ferienwohnung ein.

Und damit beginnen ein paar Monate nomadischen Daseins.

Fe’s altes Haus ist vergleichsweise riesengroß und vollgestopft mit Erinnerungsstücken. Als diese eingekistet sind, ist es ein Haus voller Kisten und wir übernachten auf diversen befreundeten Sofas, mehr oder weniger geduldet von den Stammbewohnern ;-) .

Inzwischen haben wir eine Wohnung auf dem Felsen gefunden. Es fehlen aber noch ein paar Details.

Manche Leute nennen die “Möbel”.

Es gibt einiges zu verhandeln mit der Spedition. Jepp, Spedition. Früher bedeuteten Umzüge immer: Mietauto besorgen, Freunde zum Ein- und Ausladen verhaften. Jetzt brauchen wir eine Spedition, und zwar eine, die auch übers Wasser nach Helgoland fährt. Davon gibts in Deutschland… eine.

Spätestens jetzt ist wohl klar: Niemand lebt zufällig auf dem Felsen oder weil Bottrop zu kompliziert zu erreichen war (nichts gegen Bottrop!). Ein bisschen wollen muss man schon.

Wahrscheinlich deswegen.

Und deswegen. Das sind eigentlich Fotos vom Busbahnhof und von der Fußgängerzone.

Wer das nicht schön findet, bleibt besser auf dem Festland, darf uns aber gerne im Sommer besuchen.

Es ist so eine Sache, hier Wurzeln zu schlagen.

Vor ein paar Monaten meinte ein früherer Arbeitskollege: “Helgoland ist der Ort für die, die es auf dem Festland nicht schaffen.”

Ich war angep***t, aber trotzdem wartete ich zehn Atemzüge lang, bevor ich antwortete: “Nee, mein Junge, das Festland ist der Ort für die Leute, die es hier nicht schaffen.”

Während des Festlandaufenthaltes waren wir noch zu einer Hochzeit eingeladen. Die war ganz prima und hatte unter anderem einen Quatschfoto-Automaten. Mit diesem Blogeintrag hat das eigentlich nichts zu tun – außer dass es trotzdem dazu gehört. So richtig erklären kann ich es auch nicht.

Möglicherweise ist dieses Blog an seinem Ende angelangt. Das Motto”I’m a rock, I’m an island” war 2014 sehr zutreffend.

Heute ist alles ein wenig besser und komplexer.

And so it goes, wie der gute Kurt Vonnegut zu sagen pflegte.

Es ist Kitsch, aber

…es ist auch Alltag.

Das auch.

Das allerdings auch.

Inzwischen?

Ende April trugen die anreisenen Gäste plötzlich alle wieder schwarze Fetzenlederjacken, denn die “RockNRoll-Butterfahrt” war hier. Jede Menge Iro’s an der Landungsbrücke, sehr kuschelig irgendwie und eigentlich macht eine Frührentner-Delegation aus D******d potenziell mehr Dreck und Stress.

Manchmal (nicht jeden Tag) zähle ich kurz nach, wie lange es noch bis Christi Himmelfahrt ist. Da gibts in Hessen Schulferien.

Emotionale Bindungen zu Menschen auf dem Festland sind hier schwierig.

Licht an

Der Winter war lang. Laaang. Und trübe. Trüüübe. Auf dem Weg zur Bücherei mache ich ein Foto von meinem Schatten, einfach, weil ich mich nicht erinnern kann, wann ich zum letzten Mal einen Schatten geworfen habe. Muss irgendwann im November gewesen sein.

Aber seit zwei Tagen gibt es wieder dieses komische helle Ding am Himmel und zum Glück gehts dem Sommer entgegen ;-) .

Gerade rechtzeitig wohl auch für das Filmteam, das vor ein paar Tagen hier aufschlug, um einen Helgoland-Krimi zu drehen. Die haben allerdings vorsichtshalber ihr eigenes Licht mitgebracht. Sogar so viel, dass man es von meinem Fenster aus sehen kann.

Auf meinem Abendspaziergang bin ich dann doch neugierig, aber aus der Nähe sieht es natürlich so prosaisch aus wie alle anderen location shoots sonst auch.

Eine Menge Kabel, Scheinwerfer und Klimbim, Roadies und AssistentInnen, die gerade auf die harte Tour herausfinden, dass W*ll*nst**n-Jacken auf Helgoland nicht warmhalten.

Ich hab mal den Roman gelesen, der dem Drehbuch zugrunde liegt. Mit dem realen Helgoland hat er nicht wirklich was zu tun. Aber ich habe mir von gut informierten Fachfrauen sagen lassen, dass das beim Münster-Tatort auch nicht anders ist. So what.

War was?

Hmmm, ein ganz klares Jein. Ich war ein wenig blogfaul in den letzten paar Tagen.

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Aus irgendeinem Grund stehe ich in letzter Zeit meistens zu der Zeit auf, zu der ich früher üblicherweise ins Bett ging. Und, ach ja, die schicken Spaßyachten aus Hamburg sind wieder da. Die Saison ist angelaufen und sogar das Wetter hält sich an den Fahrplan.

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Klein-Sille vom Festland hatte gefragt, ob ich ihr nicht ein paar Old-School-Gummistiefel für die kommende Open-Air-Saison besorgen kann, weil, na klar, wir tragen ja nix Anderes hier im hohen Norden ;-) .

Tatsächlich kriegt man die hier bei den Offshore-Ausrüstern zum Schleuderpreis. Nur bei der gewünschten Schuhgröße mussten sich die Jungs erstmal vor Lachen hinsetzen: Nee, die müssen wir dir bestellen.

Hat dann aber auch geklappt. Gerade rechtzeitig zum Muttertag! Yippie!

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Ansonsten ist halt Sonntag. Und ein Sonnentag. Viele Menschen kommen vom Festland an, um sich durchlüften zu lassen, viele müssen wieder zurückfahren.

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In Helgolands Hinterhof, dem Südhafengebiet, in dem ich wohne, sonnt sich der Wildkohl zwischen Frachtcontainern und Bierfässern.

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Donald Tr*mp hin oder her, bis auf Weiteres bleibt dieser Planet bewohnbar.

There and back again

Letzte Woche war ich mal wieder auf dem Festland, die alten Freunde aus der WG im Ruhrpott besuchen. Wenn Alles glatt läuft, dauert es zehn Stunden, dorthin zu kommen (und Guggumaps kann die Route nur für Fußgänger und Fahrradfahrer berechnen ;-) .

Heul doch, du Nachwuchsinsulaner.

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Meine Leute auf dem Festland sind im Schnitt fünfzehn Jahre jünger als hier auf dem Felsen und haben seit dem letzten Besuch einige Kinder bekommen. Dadurch befaßt man sich auch mit ganz anderen Dingen, von diversen Bespaßungsfaxen bis zum Einkauf von Säuglingsbedarf.

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Ein heißer Tip: Wer von den Kassiererinnen im Drogeriemarkt mal ein sehr wohlwollendes Lächeln geschenkt bekommen möchte, sollte den Einkaufswagen mit Schnullern, Stilleinlagen und Windeln vollstapeln (Guck mal, der nette Opa).

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Es gibt – im Vergleich zum Felsen – riesengroße Wohnungen, Küchen mit Backofen und ich kann seit langer Zeit mal wieder ein paar Brote und Kuchen backen. Tadaaa, Süßkartoffelkuchen für Alle! Yippie!

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Dann war die Woche aber schon wieder vorbei und es wurde Zeit für die Rückreise. Dazu muß ich entweder einen Tag früher losfahren und in Cuxhaven übernachten oder – wie dieses Mal – um drei Uhr morgens den Zombie-Zug erreichen.

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Kurz gesagt: Zugverspätung, Anschluß verpaßt, Fähre weg. Die einzige Hoffnung, am Montag pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, war der letzte Inselflieger am Sonntagnachmittag.

Ein Hinweis für Alle, die in diese Situation geraten: Sucht gar nicht erst nach einer Verkehrsverbindung zum Flughafen Cuxhaven-Nordholz, habt lieber genug Geld für ca. 30 Minuten Taxifahrt dabei.

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Als ich dann vom Flughafen Helgoland zur Dünenfähre stolperte, die die letzten 800 Meter zum Felsen überbrückt, war ich seit fünfzehn Stunden unterwegs. Ich regte mich nicht mal mehr auf, als ich beim Einsteigen in die Fähre mein Telefon in der Nordsee versenkte. Dachte ich.

Nun also Helgoland im Frühling. Die Welt ist gerade ein wenig weichgezeichnet.

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Außerdem sind in der vergangenen Woche noch diverse Drucker, Router und sonstiger elektronischer Klimbim im Hotel aus dem Takt geraten. Ließ sich aber Alles mit Hausmittelchen beheben.

Bei der letzten Gästeführung kommt plötzlich ein Insulaner zu mir herüber, sagt:

“Willst du nicht mal dein Handy wiederhaben?”

“Aber – aber – aber das ist mir doch ins Meer gefallen?”

“Jo. Und ich bin Angler.”

Dann drückt er mir das Telefon in die Hand und geht weiter, bevor ich mich noch richtig bedanken kann. Das angeblich wasserdichte Handy ist auch wirklich heil geblieben.

Da weiß ich wieder, warum ich immer noch hier bleiben möchte.

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(Aus: Der Helgoländer, 1/2011)

Cowboys

Die Wintersaison ist im Anmarsch und die ersten Geschäfte motten sich bis zum Frühjahr ein. So auch die “Bunte Kuh“, ein putziges Eß- und Trinklokal am Binnenhafen.

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Vorher ist aber noch die bunte Kuh der “Bunten Kuh” renoviert und frisch lackiert worden. Die Helgoländer Cowboys helfen beim Aufstellen; die Jungs von der Helikopterstation der Marine mit einer Elektrokarre und einer der Schiffsausrüster mit dem Gabelstapler. Etwas improvisiert, klappt aber.

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Vor einem Jahr etwa erzählte mir ein Besucher, daß er es albern finde, wie hier der Name des Hanseschiffes benutzt wird, das die Freibeuter Klaus Störtebeker und Gödeke Michels vor Helgoland stellte und gefangen nahm. Na jaaa. Vielleicht war es ja der Vater einer der vielen Gästekinder, auf die die bunte Kuh an der “Bunten Kuh” eine ähnliche Wirkung hat wie das Zuckerzeugregal an der Supermarkt-Kasse ;-) .