Nicht vorüber

Manchmal – wenn nichts mich trösten kann -,

gehe ich auch bei Schietwetter hinaus. Ziehe die alte Regenhose an, die ein wenig zu groß ist, packe mich im Anorak ein.

Nur ein paar Hundebesitzer laufen mir über den Weg.

Am Sendemast ein Rauschen – man hört sich selbst kaum.

Ein scharfer Wind von Nordwest drückt mich mal gegen das Land, dann treibt er mich an den Zaun. Wie gut, dass der Klippenrand gesichert ist. Der Regen klatscht gegen Kamera und Haut – vermischt mit Eiskörnchen.

Im Gehen und Stemmen, im Getriebenwerden und Balance halten werden Kopf und Herz freier.

Bin beschäftigt mit dem, was ich sehe, dem Unmittelbaren.

Menschen haben ihre Liebe zugeschlossen und an den Klippenrand gehängt. Dort rosten die Lieben vor sich hin. Ob sie wohl noch zusammen sind? –

Gespräche mit den Kindern – ähm: Jugendlichen – über Verluste:

Eine sagt: “Meine Oma ist jetzt dort oben und passt als Schutzengel auf mich auf.” Sie fragt: “Ist das mit Ihrem Mann genauso?” –

Ich halte inne, antworte: “Ja…. – so in etwa.” Und denke bei mir, du warst mir in deinem physischen Leben oft einer. –

Vor ein paar Wochen schickte mir eine Freundin ein Gedicht von Rose Ausländer:

Nicht vorüber

Was vorüber ist

ist nicht vorüber

Es wächst weiter

in deinen Zellen

ein Baum aus Tränen

oder

vergangenem Glück.

DANKE!

Die Steinschlange

Es ist Sonntag und wir gehen die Basstölpel besuchen. Aaach, denkt ihr vielleicht, die hatten wir doch letzte Woche schon.

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Aber sorry, sie werden nicht langweilig. Sie sind einfach hier. Und nach dem ganzen Krakeel in den vergangenen Wochen sind jetzt die ersten Eier da.

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Es gibt aber noch mindestens eine weitere interessante Spezies auf Helgoland. Sie werden Kinder genannt.

Oder auf Helgoländisch letj Mensk, also kleiner Mensch.

Auch sie leben seit fast zwei Monaten unter den Bedingungen der Pandemie: Wenig oder keine Begegnungen mit ihren Freunden und Freundinnen, denn dadurch könnten sie ihre Eltern oder Oma und Opa in Gefahr bringen. In meinem Kopf entsteht das Bild eines Kindes, das einen Rucksack schleppt, der eigentlich für sogenannte Erwachsene gemacht ist.

Die Inselschule hat nicht einfach aufgehört, ihre SchülerInnen zu unterrichten. Es gibt Email, es gibt ein System für digitale Klassenzimmer (und sehr viel Arbeit, das alles so holterdipolter umzustellen).

Aber all das ist ja nur die halbe Miete. Die andere Hälfte – und ich erinnere mich noch nach über vierzig Jahren daran – ist der Ort, wo man seine FreundInnnen (und manchmal auch FeindInnen) trifft. Also so, na ja, analog, nicht auf einem Bildschirm. Die Realität hat nach wie vor die bessere Auflösung.

Deshalb haben sich die Helgoländer Kinder die Steinschlange ausgedacht. Möglicherweise hat die Schuldirektorin dabei mitgeholfen, aber das macht ja nichts.

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Die Steinschlange lebt am Klippenrandweg des Oberlandes und besteht aus den verschiedensten Steinen (und davon haben wir reichlich), die man am Strand finden und bemalen oder sonstwie umgestalten kann.

Und damit gebe ich das virtuelle Mikrofon ab an die Kinder der Insel Helgoland.

Helgoländer Kinder, ich verneige mich (und entschuldige mich bei all denen, deren Stein ich nicht fotografiert habe).