Sooo long Anna …..

Es ist unter der Woche – und für mich ist es absoluter Luxus, an einem Wochentag ein Touri-Event zu unternehmen. Aber meine Schwester hat die Rundfahrt gebucht und ich habe versprochen mitzukommen. Nein – sie musste mich nicht zwingen – im Gegenteil…..

Alles geht schnell. Wir steigen in ein Börteboot und finden uns zwischen mittelalten Menschen wieder: zwei Ehepaaren, neben mir sitzt eine Frau mit fotografischem Profi-Equipement. Die ganze Fahrt über wird ihre Kamera leise von den im Sekundenrhythmus geklickten Bildern surren. Neben ihr komme ich mir mit meiner kleinen zierlichen Kamera wie ein Leichtgleiter neben einem Airbus vor. Aber ich würde mein leichtes Gerät nie gegen das schwere meiner Nachbarin tauschen wollen.

Im Bug des Bootes hockt ein Teenager. Es ist nicht auszumachen, ob die deutlich schlechte Laune aus Unwohlsein oder dem Zwang der Mama, die auch dabei ist, entstanden ist.

Das Wasser ist samtweich…

Wir fahren an der Nordostkante des Felsens entlang Richtung Lange Anna.

Unser Gästeführer arbeitet auch für die Biologische Anstalt des Alfred-Wegener-Institutes. Das ist auf Helgoland nicht ungewöhnlich, das Menschen zwei Jobs haben. Das Leben hier ist für Insulaner teuer.

Wir halten auf Höhe der langen Anna an – und eine Leine mit einer Boje wird herausgezogen. Am Ende erscheint ein Korb, eine Reuse und wir blicken auf einen kleinen Hummer und fünf Taschenkrebse.

“Nein, die werden nicht gegessen”, versichert uns unser Gästeführer, mal abgesehen davon, dass der arme Hummer wirklich noch sehr klein ist.

Sie werden von den Meeresbiologen vermessen und dürfen dann ins Felswatt zurück.

Weiter geht es Richtung Nordspitze – und noch etwas erscheint, das von Land aus nicht zu sehen ist – die Kleine Anna. Sie steht als Felsnadel zwischen der Langen Anna und dem Felsen.

Oder sitzt sie da etwa?

Wir umrunden die Nordmole, Reste des größenwahnsinnigen Projektes Hummerschere der deutschen Faschisten, das Helgoland zur U-Bootfestung in der Nordsee machen wollte.

Dann folgt der Schensky-Blick.

Jaa – Franz Schensky ist DER Helgoländer Fotograf.

Die meisten Fotografien aus dem frühen 20. Jahrhundert von Helgoland stammen von ihm. Bewundernswert, wie scharf und klar diese Aufnahmen sind.

Da oben am Vogelfelsen stehe ich oft.

Ein letzter Blick zurück –

noch sind wir vom Südhafen eine Viertelstunde entfernt, aber mein Akku ist leer.

Ciao Anna –

Besuch – Orte, an die wir gehen

Jaaaa – ich hatte Besuch – von meiner Schwester.

Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand den weiten Weg zum Felsen auf sich nimmt, das Risiko eines flauen Magens bei der Überfahrt eingeht und dann noch eine ganze Woche bleibt. Whow.

Manchmal haben Festländer das Gefühl, nach zwei Tagen schon alles gesehen zu haben. Dann taucht die Frage auf: “Und was jetzt?” – Hinsetzen, schlendern, schauen – und anfangen, die Helgoländer Zeit zu genießen, ist für Menschen, die aus den Metropolen kommen, nicht einfach.

Meine Schwester hat es geschafft – und mir so einen neualten Blick auf diesen Flecken Erde geschenkt.

Wir laufen über den Klippenrandweg zum Nordoststrand. Es darf wieder Fußball gespielt werden.

Fast ein Jahr lang fielen alle Angebote des Vfl Fosite aus.

Am Nordoststrand beginnt eine neue Liebe.

Nein – nicht so …… Meine Schwester beginnt einen Strand zu lieben. Wir sammeln Meerglas, das ich zum Basteln brauche.

Ich entdecke ein paar Gemeinsamkeiten.

Ein anderer Strand – zu einer Zeit, als ich noch regelmäßig an den Atlantik fuhr, um Meer und Fels zu finden.

Am Ende hat sie das Meiste gefunden –

was das wohl ist? – Wir fabulieren – vielleicht die neue Scheibe von Helgoland?

Ich fotografiere und hänge Erinnerungen nach.

Als ich das letzte Mal hier war, war es Ende September. Auch zum Meerglassammeln und Sandholen, aber mein Begleiter war ein langer schwarz gekleideter Mensch und wir suchten eine schöne Stelle, um die Sandsammlung meines Bruders zu erweitern.

Zwischendurch – Fütterung der Jungmöwen…..

… Alleinerziehende haben es auch unter anderen Zweibeinern nicht einfach.

Dann fängt es an zu tröpfeln.

Ein Komoran sitzt an der Außenspitze der Promenade.

Wir werden beobachtet …

und gehen über die Promenade am Wasser entlang zurück.

Einige Angler lassen sich durch das Nasse von oben nicht stören.

Orte, an die wir gehen ….. Merci, ma soeur.

Kleine Welt

Es gibt keine großen Neuigkeiten zu berichten. Nous sommes embarqués.

Bei der Nachbarin gibt es wieder “Segen to Go. Diesmal sogar mit QR-Code!

Der zeigt, Surprise, Surprise, auf die Webseite der Kirchengemeinde.

Ansonsten waren wir noch Fressalien kaufen. Sensation!

Fe bastelt an den Unterrichtsmaterialien für die kommende Schulwoche herum und ich verbreche mal wieder einen Auto-Testbericht. Ich schreibe jetzt aber nur noch über Nostalgie- und Elektro-Karren.

À propos Nostalgie: Gestern habe ich in meinem Foto-Archiv gekramt und mal kurz nachgerechnet: Seit 2014 lebe ich hier, also seit sieben Jahren.

Das hätte ich mir ursprünglich nicht erträumen können. Ich hatte einfach auf ein ziemlich ungewöhnliches Stellenangebot geantwortet und dachte, naja, dass das nicht mehr als ein bezahlter Arbeitsurlaub auf der Insel werden wird. Ein Jahr, maximal.

So kann man sich täuschen.

Und wieder täuschen. Undsoweiter.

Eines Tages fangen dann die Insulaner an, mit dir zu reden und sagen so etwas wie: Na, du bleibst wohl wirklich hier. Und du fühlst dich geehrt.

Ich kam an mit gebrochenem Herzen und leerer Brieftasche. So leer, dass ich mir damals für das Bewerbungsgespräch eine Einzelfahrkarte kaufen musste. Mehr gab der Fahrkartomat nicht her. Zum Glück kam im Laufe des Tages eine überfällige Honorarzahlung ein, sodass ich mir die Rückfahrkarte nicht zusammenschnorren musste.

Leute mit Liebeskummer oder anderen Katastrophen in der Vergangenheit kommen hier immer wieder an. Meistens halten sie es nicht lange aus. Hin und wieder gibt es Ausnahmen.

Und ich war vorerst genug mit Staunen beschäftigt.

Ich war jetzt nämlich Gästeführer auf dem Felsen, obwohl ich aus dem Ruhrpott komme. Also wurde die Inselbücherei für einige Monate zu meinem zweiten Wohnsitz.

Die Bücherei sieht mittlerweile auch ganz anders aus, moderner und heller. Trotzdem erinnere ich mich manchmal etwas wehmütig an die alte “Bücherhöhle”.

Wenn das Wetter es erlaubte, konnte ich das Studienmaterial aber auch an den Strand mitnehmen.

Wie alle Habenichtse landete ich in einer Personalwohnung meines Arbeitgebers im Südhafen. Damals wusste ich noch nicht, dass die für hiesige Verhältnisse relativ luxuriös war.

Häuser auf dem Felsen halten manchmal ungewöhnliche Überraschungen oder Hinterlassenschaften bereit. Das liegt unter anderem daran, dass viele Menschen bei der Rückreise zum Festland ihren Kram hier einfach liegenlassen. Ansonsten muss man den nämlich vom Zoll inspizieren lassen und das kann kompliziert sein.

Nach kurzer Zeit wurde mir allerdings auch klar, dass ich in einer Art WG gelandet war. Das war zeitweise gewöhnungsbedürftig, obwohl ich außerordentlich WG-erfahren bin. Aber dies war eine dedizierte Männer-WG. Später nannte ich sie auch die Murakami-Appartments.

So ein Murakami-Appartment kann ganz lustig sein.

Naja, je nachdem, was man als lustig empfindet. Manchmal kommt man nach Hause und in der Küche findet gerade eine Headbanger-Party statt. So what? Man muss ja nicht jeden Quatsch mitmachen ;-) . Es gibt andere, tollere Erlebnisse.

Das praktische an Männer-WGs? Man kann sich aufführen, als sei man immer noch 13 Jahre alt, ohne komplizierte Fragen von diesen komplizierten Frauen zu beantworten. Das unpraktische?

Tja. Keine Frauen. Aber ich war sowieso nicht auf eine entlegene Insel gezogen, um eine neue Romanze zu suchen.

Und das ist auch das tolle am Beruf eines Gästeführers: Jede Menge soziale Interaktion, viele interessante Leute, aber keine “Komplikationen”. Gekuschelt wird nicht ;-) .

Abgesehen davon, dass irgendwann doch wieder alles anders kam.

Wenn ich in meinem Bild-Archiv blättere, staune ich gelegentlich, wie viele Dinge sich inzwischen verändert haben.

Das war bis 2016 (?) das einzige Verkehrsschild auf der Insel, unten am Fuß des Milstätter Wegs (oder, wie man hier sagt, des Düsenjägerpfades). Ok, es war schon ganz schön abgerockt, aber als es dann eines Tages abgebaut war, fand ich es doch schade. Da konnte man nämlich immer so schön die Sache mit dem Paragraf 50 erklären.

Oder das zweisprachige Schild an der Polizeiwache in der Hafenstraße, auf deutsch und helgoländisch. Das war laut Inselfunk bei manchen Gäste-Honks so beliebt als “Mitnehmsel”, das die Sheriffs irgendwann keine Lust mehr hatten, es zu ersetzen. Schade.

Der alte Lagerschuppen an der Hafenstraße existiert auch nicht mehr. Vor zwei Wochen wurde er abgerissen. Ja, er war alt und verwittert und nicht mehr ganz dicht. Aber das bin ich ja auch.

Die Crew-Schiffe der Windenergie-Firmen gibt es zwar immer noch, aber es sind deutlich weniger geworden. Als ich hier ankam, waren die Bauarbeiten an den Windparks gerade in vollem Gange und die CTVs stapelten sich in sämtlichen Hafenbecken wie Paketdienst-Autos in einer Großstadt.

In den ersten zwei Jahren bin ich noch mit der alten “Atlantis” zum Festland gefahren. Nachdem sie durch die heutige “MS Helgoland” abgelöst war, wurde sie noch ein paar mal zwischen diversen Reedereien hin- und hergeschoben und wird inzwischen in einem türkischen Schiffsfriedhof auseinandergesägt.

Verschwunden sind auch die letzten Telefonzellen, von denen es hier bis 2018 noch zwei Stück gab. Die Insulaner hatten da schon eine alternative Nutzung für gefunden, aber dann wurden sie doch durch magentafarbene “Marterpfähle” ersetzt.

Ich weiß, im Vergleich zum Festland sind das nur Kleinigkeiten. Aber es ist auch eine kleine Welt.

Ich kann mir kaum noch eine andere vorstellen.

Dicht

Nun ist es also offiziell.

Ab Montag müssen alle Gäste abreisen. Weil das aber bei uns so eine Sache ist mit den Verkehrsverbindungen, gilt noch eine “Gnadenfrist” bis zum Mittwoch.

Helgoline (also die mit dem Katamaran) haben nämlich schon vergangene Woche den Schirm zugeklappt, als die neuen Shutdown-Verordnungen und Verfügungen am Horizont sichtbar wurden. Und Cassen Eils (die mit dem Helgoland-Schiff) haben den Fahrplan auf drei Tage pro Woche eingedampft. Aber die Passagierzahlen bewegten sich seit Tagen sowieso schon im bescheiden zweistelligen Bereich. Da hat dann jeder Fahrgast sein persönliches Crewmitglied ;-) .

Inzwischen gibt es auch ein offizielles Fazit der Gemeindeverwaltung.

Kurz gesagt: In einem “normalen” Jahr wären die Gästezahlen ein Desaster gewesen, in diesem Jahr hätten sie schlimmer sein können. Zwei Gäste wurden positiv auf das Virus-dessen-Name-allmählich-Schreikrämpfe-bei-mir-verursacht getestet, aber es ist keine Infektionskette entstanden. Puh!

Fe und ich laufen durchs Oberland, um nachzusehen, ob auch alle weg sind ;-).

Jo, scheint so. Unterwegs finden wir noch einen letzten Nachzügler der Steinschlange und sammeln ihn für die Nachwelt ein.

Die Brutvögel sind ebenfalls abgereist und der Felsen offenbart, wieviel Plastikmüll “wir” in die Nordsee geworfen haben.

Das ist das blaue und orangene Zeugs, das die Vögel nicht von Gras und Tang unterscheiden können. Und in dem sich dann jedes Jahr Jungvögel verfangen und zu Tode zappeln.

Das ist kein schönes Bild, also klickt es nur an, wenn ihr unbedingt die Folgen sehen wollt.

Wir überprüfen kurz, ob die Lange Anna noch steht. Check.

Dann geht es auf der windabgewandten Ostseite wieder zurück zu Licht, Wärme und Abendessen.

Liebe Leute, bleibt gesund und gebt nicht auf.

Ja, ich weiß, ich sollte mich erstmal selbst an meine klugen Ratschläge halten.

Also schön

Ok Leute, das wars.

Die Zugvögel und die Birdies sind wieder abgereist. Traditionell sind die Vogelbeobachter die letzten im Jahr und machen das Licht aus. Die Saison ist gelaufen.

Und schön wars, trotz aller deprimierender Ereignisse in diesem nicht-so-Lieblingsjahr. Deswegen leben wir hier.

Andere Menschen sehen das anscheinend genau so, auch wenn sie nicht gleich vom Festland hierher umziehen. Steigt mal den Jägersteig hinunter zum Strand und seht euch das genauer an. Das sind eine Menge Steine, die mensch da schleppen muss.

Also schön, wie es scheint.

Genau so, nur anders

Klar, es gibt Sehenswürdigkeiten, zu denen man mit Ziel und Planung aufbricht. Andere findet man im Alltag, auf dem Weg zum Supermarkt oder so.

Ich weiß nicht, ob Helgoland der ungewöhnlichste Ort in Deutschland ist. Aber wir gehören sicher in die Top Ten.

Hier, wo auch Stockenten mal ein Ferienhaus bewohnen möchten.

Wo selbst die gefährlichen Hunde nicht so furchterregend sind.

Und auch die Bundeswehr etwas kleinere Dienstfahrzeuge bevorzugt.

Nur “Black Lives Matter” gilt hier genau so wie überall. Nicht anders.

Fortschritt

Alles schreitet fort – unser Leben, der Planet auf seiner Bahn um die Sonne, das Hin und Her der Pandemie.

So geht der Sommer zu Ende. Der erste Herbststurm, der erste Tag, an dem man Strümpfe anzieht. Fortschritt.

Und was für ein Sommer das war:

Nachdem Ende Mai die Einreisebeschränkungen aufgehoben wurden, gab es doch noch so etwas wie eine Saison. Die Reedereien hatten sich verpflichtet, die Passagierzahlen pro Schiff zu halbieren und setzten daher zusätzliche Schiffe ein. Helgolines, die hauptsächlich auf ihren nagelneuen Katamaran setzen, holten sogar die San Gwann, eine zwanzig Jahre alte Autofähre mit bewegter Geschichte aus der Reserve.

So kamen dann doch noch halbwegs passable Gästezahlen zustande. So passabel, dass die Gemeindeverwaltung angesichts des Gedrängels auf der Hafenstraße dort für einige Wochen eine Maskenpflicht verkünden musste.

Das fanden manche Leute albern, aber mit dem Ende der Schulferien und den sinkenden Anreisezahlen konnte die Maskenpflicht inzwischen wieder aufgehoben werden.

Ich kann mir schon vorstellen, dass man bei uns in manchen Augenblicken vergessen kann, in welcher Situation die Welt sich gerade befindet.

Aber auch wenn wir weit entfernt von den großen Städten des Festlands mit ihrem Gewimmel und Gedrängel sind, so leben wir doch nicht auf einem anderen Planeten.

Bis jetzt ist es gelungen, Urlaubsgäste hier zu haben und gleichzeitig eine Infektionskette auf der Insel zu vermeiden. Noch ist es zu früh für verbindliche Zahlen, aber nach dem was mir andere Insulaner erzählen, werden wir wohl so etwas wie 30 Prozent einer normalen Sommersaison haben. Immerhin.

Eher unbeeindruckt von all diesen Dingen sind die Inselgäste an der Steilklippe. Da schreitet alles ganz hervorragend voran.

Zum ersten Mal seit Bestehen der Kolonie haben die Basstölpel ihre Nester weitgehend ohne die Gesellschaft knipsender Zweibeiner gebaut und die Ornithologen sind ganz aufgeregt, weil sich anscheinend die Population dadurch messbar vergrößert hat.

Den Tölpeln selbst ist das wahrscheinlich hochgradig schnuppe. Und selbst der nerdigste Vogelkundler wünscht sich nicht wirklich ein weiteres Lockdown-Frühjahr, um seine Datenbasis zu verbessern.

Inzwischen sind die ersten Plüschküken zu herumposenden Teeniebratzen fortgeschritten und der Brutfelsen beginnt ganz allmählich, sich zu leeren.

Einen deutlichen Fortschritt gibt es auch bei der Steinschlange zu verzeichnen.

Jeder dieser Steine erzählt eine kleine Geschichte, wenn man genau hinsieht. Die meisten sind witzig und kreativ, aber manche machen auch wehmütig und nachdenklich. Erstaunlich, was passiert, wenn man den Leuten einen kleinen Schubs gibt.

Allerdings müssen wir bald die Steine einsammeln (und ihnen ein neues Heim in der Inselschule geben), denn der Winter kommt und manche der frühesten Exemplare aus Sand- oder Kalkstein sind schon von Wind und Wetter zersprengt worden. Ein wenig schade, aber hey, Nordsee!

Mit den Gästeführungen ist es leider nichts geworden in diesem Sommer. Das liegt an einer Art Alptraum, den ich habe:

Fe steht als Lehrerin in ziemlich direktem Kontakt mit der Hälfte der Inselbevölkerung. Nicht nur epidemiologisch, aber eben auch. Was, wenn ich mich nun auch unters Volk mische und eines Tages nach Hause komme und, naja: Hallo Liebste, ich hab dir was mitgebracht, das kannst du morgen gleich mal in der Schule weitergeben...

So will ich eigentlich nicht in die Inselgeschichte eingehen. Vielleicht habe ich aber auch nur eine permanente Meise erworben durch diesen ganzen Corona-Mist.

Jedenfalls sitze ich zur Zeit wie in den schlechten alten Tagen wieder stundenlang vor dem Bildschirm und schreibe schreckliches Javascript und schrecklichen Unique Content für schreckliche Webseiten zu schrecklichen Honorarsätzen. Wollte ich eigentlich nie wieder machen.

Aber was solls, die Norderfalmkatze kommt ja auch damit klar, dass ihre Kraulquote massiv eingebrochen ist, seitdem bekannt wurde, dass auch Katzen das %$&?!!!-Virus übertragen können.

Vor ein paar Tagen habe ich der Besitzerin des Ladens, der hier Souvenirs aus Recycling-Kram verkauft, eine Tüte voll alter Speichermodule vorbeigebracht. Sie macht da Broschen und Schlüsselanhänger draus.

“Hast du denn irgendetwas zu tun, dass dir eine positive Rückkopplung gibt?”, fragte sie, nachdem ich fertig gejammert hatte und ich muffelte zurück: “Ich hab ne positive Rückkopplung zu meiner Liebsten. Das muss erst mal reichen.”

Aber sie hat ja recht.

Einfach mal Ausschau halten. And never mind the bollocks.

In der Mitte

Mittsommernacht, mitten in der Nacht. Es zieht mich nochmal aus dem Haus, um nach Norden zu sehen. Denn der astronomische Kalender behauptet, dass die Sonne heute nur für Seeleute und Zivilisten untergeht, nicht aber für Sterngucker.

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Hmm. Ach so.

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Könnte sein.

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Und ansonsten? Na ja, wir sind mitten zwischen erster und zweiter Pandemiewelle, mitten in der Nordsee, mitten in der Sommersaison. Allerdings fühlt die sich in diesem Jahr eher wie die Vorsaison in anderen Jahren an.

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Die Insulaner sind entspannt…

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…aber wachsam.

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Im Juli sind Schulferien und Fe und ich wollen aufs Festland fahren, um ein paar Freunde zu besuchen. Mal abgesehen von der absurden Verschickungsaktion für die Weihnachtspakete waren wir da seit zehn Monaten nicht mehr. Ob wir wohl irgendwelche Veränderungen feststellen?

Wachsen

Der Sommer kommt in desem Jahr auf besonders leisen Sohlen. Denn gerade als der Countdown zur Sommersaison begann, kam stattdessen der Shutdown.

Mir scheint, als hätten die Insulaner den etwas stoischer aufgenommen als manche Menschen auf dem Festland. Schließlich verbringt man hier etwa fünf Monate pro Jahr in einem jahreszeitlich bedingten Teil-Shutdown. Man nennt das aber “Winter auf Helgoland” oder auch “Schietwedder”.

Jetzt ist schon fast Juni und man wundert sich immer noch instinktiv, wenn man auf der Straße ein fremdes Gesicht sieht. Aber seit gestern dürfen wieder Gäste anreisen, die eine Zimmerreservierung haben.

So richtig los geht es aber erst morgen, da das Helgoland-Schiff immer noch nach einem reduzierten Fahrplan verkehrt.

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Anderen Lebewesen ist das alles pipapo, zum Beispiel dem Thai-Basilikum, das wir von einer Freundin geerbt haben, als sie wieder nach Hamburg zurückziehen musste.

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Oder der Eiche, die Fe aus dem Garten ihres früheren Hauses mitgebracht hat.

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Der Heidschnuckennachwuchs hat in den letzten zwei Wochen enorm an Gewicht zugelegt und bei den Basstölpeln wird weiter eifrig gebrütet und am Nest nachgebessert.

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Wenn sich Dinge sehr schnell entwickeln, heißt es manchmal, dass sie einem um die Ohren fliegen.

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Ok, an der Langen Anna fliegen uns die Basstölpel nur so um die Ohren. Hmm…

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Neue Hoffnungszeichen am Nord-Ost-Strand.

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Die Steinschlange ist nochmal ein gutes Drittel länger geworden.

Offensichtlich haben sich inzwischen auch Insulaner beteiligt, die dem schulpflichtigen Alter bereits entwachsen sind.

Bei genauerem Hinsehen entdeckt man neben vielen anderen Ramona und Antje, die im April hier geheiratet haben, einen Dachdeckergesellen auf der Walz, einen BuFDi, der seinen Dienst beim Verein Jordsand beendet hat, einen Stein, der bei Sturm so fror, dass ein mitleidiger Mensch ihm eine Mütze gehäkelt hat, Oma und Opa aus der Ferne und… huch, Edvard Munch???

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Ein letzter Spaziergang um die stille Insel, bevor die Saison mit einiger Verspätung an den Start geht.

Hoffentlich noch früh genug, um die wirtschaftliche Existenz vieler Insulaner zu retten und hoffentlich nicht so früh, dass die zweite Infektionswelle uns breitseits erwischt.

Die Steinschlange

Es ist Sonntag und wir gehen die Basstölpel besuchen. Aaach, denkt ihr vielleicht, die hatten wir doch letzte Woche schon.

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Aber sorry, sie werden nicht langweilig. Sie sind einfach hier. Und nach dem ganzen Krakeel in den vergangenen Wochen sind jetzt die ersten Eier da.

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Es gibt aber noch mindestens eine weitere interessante Spezies auf Helgoland. Sie werden Kinder genannt.

Oder auf Helgoländisch letj Mensk, also kleiner Mensch.

Auch sie leben seit fast zwei Monaten unter den Bedingungen der Pandemie: Wenig oder keine Begegnungen mit ihren Freunden und Freundinnen, denn dadurch könnten sie ihre Eltern oder Oma und Opa in Gefahr bringen. In meinem Kopf entsteht das Bild eines Kindes, das einen Rucksack schleppt, der eigentlich für sogenannte Erwachsene gemacht ist.

Die Inselschule hat nicht einfach aufgehört, ihre SchülerInnen zu unterrichten. Es gibt Email, es gibt ein System für digitale Klassenzimmer (und sehr viel Arbeit, das alles so holterdipolter umzustellen).

Aber all das ist ja nur die halbe Miete. Die andere Hälfte – und ich erinnere mich noch nach über vierzig Jahren daran – ist der Ort, wo man seine FreundInnnen (und manchmal auch FeindInnen) trifft. Also so, na ja, analog, nicht auf einem Bildschirm. Die Realität hat nach wie vor die bessere Auflösung.

Deshalb haben sich die Helgoländer Kinder die Steinschlange ausgedacht. Möglicherweise hat die Schuldirektorin dabei mitgeholfen, aber das macht ja nichts.

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Die Steinschlange lebt am Klippenrandweg des Oberlandes und besteht aus den verschiedensten Steinen (und davon haben wir reichlich), die man am Strand finden und bemalen oder sonstwie umgestalten kann.

Und damit gebe ich das virtuelle Mikrofon ab an die Kinder der Insel Helgoland.

Helgoländer Kinder, ich verneige mich (und entschuldige mich bei all denen, deren Stein ich nicht fotografiert habe).