Im Labyrinth der träumenden Bücher

Das ist der Titel eines Buches von Walter Moers, daß ich gerade lese. Passenderweise war ich heute in der Inselbücherei, um ein paar Bücher zurückzugeben.

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Die Bibliothekarin hatte mir vor einigen Wochen erzählt, daß es einen Plan gibt, die Regale weiter auseinander zu rücken, weil die Besucher nach ein paar Jahrzehnten McD**f-Eßkultur auf dem Festland nicht mehr so gut durch die Gänge passen.

(Nein, es gibt kein goldenes M auf dem Felsen. Toll, nicht wahr? ;-)

Inzwischen hat sich aber herausgestellt, daß die Regale vor langer Zeit als eine Art Gesamtkunstwerk gebaut wurden. Die “Just do it”-Methode ist dadurch nicht mehr empfehlsam, denn ansonsten könnte es passieren, daß die angrenzenden Regale dabei einstürzen.

Also bitte noch etwas Geduld. Ehrlich gesagt: Wenn man sich mit den anderen Besuchern ein wenig abspricht, ist das nicht wirklich ein Problem.

Reste

Der Felsen hat so einiges an Geschichte erlebt, weil er die einzige Zwischenstation an den alten Seefahrerrouten in der Nordsee war. Von West nach Ost ging es von Großbritannien Richtung Baltikum und Osteuropa, von Nord nach Süd Richtung Rheinmündung und ins europäische Festland hinein.

Mal war der Felsen friesisch (was mal ein eigenes Land war) dann dänisch, dann gehörte er zu Schleswig, das manchmal zu Deutschland gehörte, dann wiederum zu Dänemark. Ein ziemliches Durcheinander zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert.

Den Insulanern dürfte das relativ egal gewesen sein, abgesehen davon, daß man jedesmal wieder Steuern, Abgaben, Strandrecht usw. mit immer neuen Hochwohlgeborenen aushandeln durfte, die ansonsten keine große Hilfe beim alltäglichen Überleben waren.

Dann kamen die Briten, die gerade mit Napoleon Bonaparte Unfreundlichkeiten austauschten und dringend einen neuen Handelsstützpunkt brauchten. Gut achtzig Jahre später tauschten sie die Insel gegen deutsche Kolonialgebiete in Ostafrika ein. Wie üblich wurden die Insulaner nicht gefragt, was sie eigentlich wollen.

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Das Letzte waren dann zwei deutsche Alleinherrscher mit merkwürdigen Schnurrbärten. Beide träumten von See- und Groß- und Weltherrschaft, machten aus dem Felsen zuerst eine Festung im Meer und in der Konsequenz am Ende einen Trümmerhaufen.

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So sieht der Felsen am 18.4.45 aus.

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Und so am 18.4.47, aus einigen Kilometern Entfernung gesehen. Die Briten wollten sicher gehen, daß niemand hier jemals wieder irgendeine Festung baut.

Wenn man heute spazierengeht, findet man immer wieder noch Reste vergangener Machtphantasien.

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Hier fiel vor 70 Jahren eine 5000-Kilo-Bombe vom Himmel, eine von ca. 7000. Die Insel war damals etwa 1,8 km² groß.

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Heute ist der Krater im Sommer ein beliebter Grillplatz, denn am Grund ist es immer schön windstill. Und die Insulaner leben hauptsächlich vom Tourismus und Duty-Free-Handel, der im historischen Vergleich plötzlich unglaublich sympathisch erscheint.

Abfall

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Dr. Carl Peters war ein erfolgreicher deutscher Expeditionsführer gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Eroberung der deutschen Kolonialgebiete in Ostafrika geht größtenteils auf sein Konto.

Ebenfalls auf sein Konto geht eine große Anzahl von Folterungen und Morden an den Einheimischen. Dr. Peters legte sich einen privaten Harem zu und wer aufmuckte, wurde kurzerhand aufgehängt. Die Frauen wurden meistens “nur” öffentlich ausgepeitscht.

Selbst für den Zeitgeist des wilhelminischen Deutschland (das weit davon entfernt war, den afrikanischen Ureinwohnern Menschenrechte zuzusprechen) waren Dr. Peters’  Methoden zu grausam. Die Presse verpaßte ihm den Spitznamen “Hänge-Peters”, er verlor seine diversen Ämter und sein Denkmal wurde von Berlin nach Helgoland gebracht.

Das entbehrte schon damals nicht einer gewissen Ironie, denn Kaiser Wilhelm war so fest entschlossen, das – damals noch britische – Helgoland zu einem deutschen Marinehafen zu machen, daß er mit dem Sansibar-Vertrag die von Dr. Peters eroberten Kolonien den Engländern im Tausch gegen Helgoland übergab.

Was von Dr. Peters’ Denkmal nach der Zerstörung der Insel im zweiten Weltkrieg noch übrig war, ist heute relativ zwanglos im Vorgarten des Helgoland-Museums arrangiert.

Öl

Selbst der Weihnachtsmann fährt auf Helgoland elektrisch.

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Trotzdem: Auch wenn auf der Insel pro forma alle Fahrzeuge elektrisch angetrieben werden, kommt einmal im Monat der Tanker aus Cuxhaven (und im Sommer etwas öfter), denn die verschiedenen CTVs, der Rettungskreuzer und eine Reihe von Baustellenfahrzeugen auf der Insel brauchen Dieselöl.

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Bizarrerweise kam der Strom für die Elektrofahrzeuge bis 2009 ausschließlich von zwei Dieselgeneratoren (jeder etwa so groß wie eine der Hummerbuden im obigen Bild) im Nordostgelände der Insel. Dann wurde das Helgolandkabel von St. Peter-Ording verlegt und die Insel als die definitiv letzte Gemeinde in Deutschland an das Stromnetz auf dem Festland angeschlossen.

Von 1990 bis 1995 hatte die Insel auch eine eigene Windturbine. Die war aber meistens kaputt – die Idee war gut, aber die Technik nicht reif dafür. Strom aus den heutigen Windparks wird es auch nie direkt geben, das liegt an der aufwändigen Umspanntechnik, die man bauen muß, wenn man eine so lange (Unterwasser-) Leitung hat. Lasst euch mal von einem Hochenergie-Elektriker oder der W*kipedia den Sheathing-Effekt erklären.

Ganz nebenbei kann man hier auch meine Wohnung erkennen. Einfach die merkwürdige Gangway anpeilen, die mittschiffs vom Tanker aufsteigt (in Wirklichkeit ist es das Rigg für den Tankschlauch) und direkt darüber ist mein Zimmerfenster.

(Hallo Tante Else, ich bin im Fernsehen Internet!!! ;-)