Nordsee is’ Schalke, Ostsee is’ Borussia

An der Nordsee gilt Ostsee-Bashing teilweise als legitimer Zeitvertreib, wenn einem sonst kein Gesprächsthema einfällt. “Mittelgroße Pfütze mit rudimentärem Salzgehalt und Tidenhub”. Haha, witzig.

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Trotzdem bin ich nach Kiel rübergefahren, um mich mit Freunden zu treffen und mir das mal näher anzusehen.

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Tatsächlich sieht es am Ostseestrand etwas anders aus.

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Durch die schwach ausgeprägten Gezeiten ist der Abstand zwischen Wasser- und Baumlinie sehr schmal. Überhaupt macht die Ostsee an vielen Tagen einen wirklich sehr stillen Eindruck.

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In den Ferienorten ist dafür um so mehr los. Ein wildes Gewimmel von Urlaubern, Pommes- und Eisbuden überall und seit ich-weiß-nicht-wie-lange war ich mit meinen Leuten Mini-Golf spielen.

Und überhaupt, Land, Land, Land! Wieviel Land es gibt!

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Und nun bin ich wieder zurück und das Wetter übt schon mal für den Herbst.

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Macht nix, die Bibliothekarin hat Bescheid gesagt, daß der neue Haruki Murakami-Roman angekommen ist, nach dem ich gefragt hatte.

Fusion (Love, Peace und Dixiklo)

Das Fusion Festival hat so ziemlich garnichts mit Helgoland zu tun, abgesehen davon, daß auch dort Alles – angeblich – ein wenig anders ist und daß der Felsen in diesem Jahr eine diplomatische Vertretung auf dem Festival hatte. Gerüchteweise gab es auch eine zweite Helgoländerin auf der Fusion, aber die hat die Flagge wohl nicht gesehen (oder entsetzt $%&*#?!!! gemurmelt und ist weitergegangen).

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Einmal im Jahr versammelt sich auf einem verlassenen Militärflugplatz in Mecklenburg-Vorpommern eine temporäre Population von 50.000 bis 70.000 größtenteils spätpubertierenden Hippies mit originellen T-Shirt-Sprüchen und Multicolor-Wursthaaren zu fünf Tagen Love, Peace und Dixiklo. Die meisten kommen aus Berlin, manche aus Hamburg, der Rest von irgendwo anders und alle sind so lieb, daß das Bier immer noch in Glasflaschen verkauft wird, ohne daß jemand deswegen sterben muß.

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Das politische Spektrum oszilliert in etwa zwischen Links-Außen und der Mondbasis Alpha.

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Neben Flaschbier werden vermutlich auch allerlei generationsspezifische Partydrogen konsumiert, aber das erscheint mir persönlich ziemlich überflüssig. Wer will, kann sein Auto natürlich auch den Berg runter schieben.

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Ich bin schon hinreichend fasziniert und verwirrt von der unendlichen Vielfalt an Musik, Lichtinstallationen und temporären Konstruktionen, die größtenteils aus alten Diaprojektoren, Autowracks und Baustellen-Abfällen zusammengenagelt sind. Genug, um selbst den abgebrühtesten digitalen Bildsensor auszuknocken.

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Gefühlte zehntausend mal stehe ich da mit hängender Kinnlade und denke: Was??? Ist??? Das??? Architektur? Erlebnis-Gastronomie im Hobbitland? Oder einfach nur das, was draufsteht?

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Wo sonst kann man eine Hollywoodschaukel finden, die aus den Überresten eines alten Mercedes-Benz gebaut wurde? Einen direkt erkennbaren kommerziellen Wert hat das alles nicht und das ist das Tolle an der ganzen Geschichte.

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Natürlich braucht man trotzdem eine Eintrittskarte. Ich kann mich zwar erinnern, daß es bis vor sechs Jahren nicht einmal einen lückenlosen Außenzaun um das Festgelände gab, aber das hat sich inzwischen notgedrungen geändert. Eventuell ist die Fusion auch das einzige Sommer-Open-Air, das sich verzweifelt bemüht, nicht mehr größer zu werden, weil sonst Alles kaputtginge, das so besonders daran ist. Der Erwerb eines Fusion-Tickets ist inzwischen nur noch per Lotteriegewinn möglich und ähnelt operativ eher dem Abschluß eines Bausparvertrages. Ja genau, man nimmt an einer Verlosung teil und wer nach zwei Losrunden immer noch kein Ticket hat… tja, der hat Pech gehabt.

Deswegen gibt es jetzt einen ziemlich gräßlichen Zaun, der von zahllosen Freiwilligen und Supportern gnadenlos bewacht wird.

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Übrigens weiß man bis zur Ankunft nie, welche Künstler eigentlich auftreten werden. Und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen . Die Monster-Headliner, deren Namen zehnmal größer auf dem Plakat stehen als alle Anderen, gibt es eh nicht. Mal spielt Jello Biafra oder New Model Army, dieses Jahr war Anne Clark da, von der manche behaupten, sie hätte mit “Sleeper In Metropolis” den Elektropop erfunden.

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Klar muß man da hin, natürlich auch zu Ton Steine Scherben, aber ansonsten bevorzuge ich einen ziemlich planlosen Zickzackkurs zwischen den zahllosen Mini-, Mikro-, und Nanobühnen (zwei davon in Baumhäusern), wo dann um vier Uhr morgens ein standhafter Saxofonist und sein Kumpel mit Hi-Hat und Bum-Bum ein Publikum von fünfzig Menschen genau so effektiv wegrocken wie Feine Sahne Fischfilet ein paar Tausend.

A propos Fischfilet: Die Fusion ist ein vegetarisch/veganes Festival. Keine Bratwurst. Erwähnte ich schon, daß das Bier in Glasflaschen verkauft wird ?

Erschreckt stelle ich gerade fest, daß sich dieser Text liest wie ein Reklametext, uff. Sollte nicht so sein, ergab sich aber aus der Natur der Dinge. Also der Vollständigkeit halber: Es gibt auch Deppen auf der Fusion, die Dixiklos sind, nun ja, Dixiklos, aber ich habe schon viel viel Schlimmeres gesehen. Die Müllabfuhr sieht zwar aus wie aus einem Mad-Max-Film entliehen, ist aber unerschrocken und unermüdlich.

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Falls man sich verlaufen hat, gibt es auch Wegweiser. Die sind wirklich vorbildlich – ich weiß nur noch nicht, für was .

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So eine Art Sammeltaxi gibt es auch – wenn man sich traut. Der TÜV Mecklenburg-Vorpommern hätte da vielleicht einige Kritikpunkte anzumerken.

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Wer es nicht glauben will: Einfach mal im Oktober für die nächste Ticketverlosung eintragen und selber kucken! Vorsicht, der Rest der Welt kann danach für einige Zeit blaß und langweilig erscheinen ;-> .

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Fusion, hach. Bis nächstes Jahr dann.

Grauzone

Dezember. Die endemische Weihnachtsbeleuchtung im öffentlichen Raum ist auch hier auf der Insel angekommen, aber meistens sieht man nicht so viel davon.

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Der Wind aus Ostsüdost bringt eine Mischung aus Nebel und Gischt. Der Leuchtturm ist weg, der Sendemast auch. Die Landungsbrücke nur noch eine Silhouette.

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Gott spielt mit Ph*toshop und dreht die Farbsättigung ganz weit runter. Nebelbänke wehen übers Meer heran und ziehen weiter zum Englandbesuch. Now you see it, now you don’t.

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In der Bücherei klappern die Fensterscheiben. Tja, sagt die Bibliothekarin, das ist so, seitdem für die Erweiterung der Südpromenade die alten Büsche und Sträucher weggebaggert wurden. Im Frühling werden sie wieder neu gepflanzt.

Frühling. Ha!