Summer in the City

On the road again – diesmal eine nächtliche Autofahrt mit meinem Bruder durch den Odenwald, den wir beide gut kennen – ein Jahr lang war unser Vater nach L. versetzt, um dort ein Schullandheim zu leiten. Es waren mit die schönsten Monate meiner Kindheit.

Später lebte mein Bruder noch einmal ein Jahr im ‘Wald’ – also mehr als genug Gesprächsstoff für eine nächtliche Tour.

Meine vierbeinige Freundin ist gewachsen und darf inzwischen den Garten untersuchen.

Wir sind im zweiten Corona-Sommer. Mich interessiert, wie sich dies in einer Stadt anfühlt.

Fast scheint es, als sei Corona gewesen,

wären da nicht die Testzentren an jeder zweiten Straßenecke.

Man betritt – wie auf dem Felsen – Innenräume mit Maske. Aber Abstandsregeln scheint es nicht mehr zu geben.

Doch, doch – es gibt sie, zum Beispiel bei der Anmeldung für einen Besuch im Krankenhaus oder im Café des Hofgutes. Also offensichtlich nur noch dort, wo sie durchgesetzt werden.

In der Stadtmitte darf man ohne Maske laufen. In den Cafés sitzen Menschen bei ihrem Latte oder Bier. Aber es herrscht nicht wirklich gute Stadtlaune.

Kein Wunder – die Ds. verzichten zum zweiten Mal auf das höchste ihrer Feiertage – das Heinerfest. Nur ein kleines Karussell erinnert traurig unter dem Reiterdenkmal daran,

dass sich gewöhnlich Anfang Juli an derselben Stelle unzählige Bier- und Fressbuden den Platz mit ihm teilen. Wo sonst der Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln mit Bratwurst- und Pommesfett eine eigenartige Melange eingehen, ist jetzt reichlich Platz zum Flanieren …

sogar soviel Platz, dass die Fotos einer Darmstädter Fotografin – Hilde Roth – großflächig ausgestellt werden können.

Das lohnt sich allerdings:

Welch ein Blick für die Gelegenheit und die Komposition, denke ich, während ich um die Banner herumgehe.

Ein Wägelchen erinnert an das Heinerfest. Dahinter findet sich ein Autoscooter. Aber es fehlt die Atmosphäre von halbstarker Pose und zuviel Deo – nur die Kurzen holen sich ihren Spaß.

In diesem Kino habe ich meine ersten Film gesehen – Dr. Schiwago. Das war nicht meine Wahl, ich war erst zehn. Meine Mutter brauchte wohl Begleitung, um einer alten Erinnerung nachzuhängen ;-).

Ich weiß nicht, warum es jetzt geschlossen ist. – Schade, aber es ist nicht das Einzige, das in D. schließt….

Nachdenklich blickt der alte erste Großherzog auf seine Stadt …

Im Herrngarten dann eine kurze Entladung von Krawall – ein Radfahrer kommt nicht schnell genug voran. Heftiges Klingeln und Gebrüll. Ein Fußgänger fühlt sich beiseite gedrängt. Man schimpft aufeinander ein. Der Radfahrer bleibt kurz stehen. Der Fußgänger läuft auf ihn zu – jetzt erstaunlich schnell, ohne seine verbale Kanonade zu unterbrechen. Als der Radfahrer wieder losfährt, rennt ihm der Fußgänger sogar noch hinterher, so wichtig ist ihm sein Recht auf ungestörtes Gehen. –

Man ist empfindlich geworden, achtet mehr auf das eigene als das Recht des anderen. Das beobachte ich.

Danach scheint alles wie zuvor –

Auch Goethe und Kant haben wieder Gesellschaft.

Am Abend – ein Spaziergang zum Watzebuckel, wo sich Jugendliche coronagerecht in kleinen Grüppchen versammelt haben. Na also, geht doch.

Der Mond versteckt sich hinter den Wolken, aber der Watzebuckel ist schon hoch genug, um einen Nachtstadtblick zu gewähren. Auch wir sitzen hier und philosophieren – und schweigen und genießen, bis es uns kalt wird.

Am nächsten Tag – die Gärten sind leer, kein Wunder, es tröpfelt ein bisschen. Mich hält das nicht davon ab, rauszugehen, aber in Süddeutschland gilt dies als schlechtes Wetter.

Also hat einer meiner Brüder ein tête-à-tête mit Karl – und wir später einen Kaffee auf dem Hofgut.

… Auf diese beiden Plakate stieß ich als erstes …großartig in dieser Kombi:

‘Schicksal, Verantwortung und der freie Wille’ – warum muss es immer eine Fanfare sein? – Über alle drei Begriffe ließe sich ein eigenes Kompendium schreiben. Welche Mauern sollen da niedertrompetet werden? –

‘Matchen. Chatten. Durchstarten.’ – dies klingt wie ‘Alles easy, Leute. Wir haben ein neues Normal, bald eine schöne neue Welt….’ – Und ja – wem soll die Last genommen werden, dass wir durch unseren Lebensstil zur Pandemie beigetragen haben? –

Nein, ist nicht alles easy, leider…… und nein, ihr Damen und Herren aus der Gralsbewegung, ihr mögt euch erleuchtet fühlen, aber ihr seid nicht raus: Ihr seid Teil dieser Welt, die auch euch Bedingungen setzt – und nur in Anerkennung dieser Tatsache kann der menschliche Wille frei sein – vielleicht ein wenig mehr Bescheidenheit? –

Und dazwischen hängen wir alle – zwischen Krisenbewusstsein und dem Wunsch, dass alles doch ganz leicht sein solle – wie früher….?

Sommerreise

Warum reist man? – Die Meisten würden sagen, um etwas anderes zu sehen, um sich zu entspannen. Einige wünschen sich Bildung , andere Unterhaltung – und wieder andere abhängen, Luxus und dolce vita.

Ich reise , seit ich auf dem Felsen wohne, um meine Leute zu sehen. Deshalb sind es immer wieder die gleichen Orte, an denen ich ankomme. Macht nichts, ich komme ja gerade von einem Platz, an dem andere Urlaub machen – und ich arbeite….

Ich möchte wieder das Watt von oben sehen, also entschließe ich mich zu fliegen. Aber es regnet, dann sieht die Welt von oben so aus.

Außerdem hat es den Vorteil, dass ich ausnahmsweise mal nur einen Tag zu meinem ersten Ziel brauche.

Ein Jahr lang bin ich nicht dort gewesen, das letzte Mal mit T. – Ja, es hat sich einiges verändert, aber nur Weniges.

Es ist ein eigensinniger Ort, eine Insel auf dem Festland,

bewohnt von Vier- und Zweibeinern.

Nebenan ein Fluss,

der Ende Juni eine grüne Wildnis ist.

Bevölkert von Urtieren,

geteilt durch einen lost place.

…. Hier träumen Menschen von der weiten, anderen Welt…..

… aber auch damit funktioniert das Träumen …..

Kaum zu glauben, dass keine 5 km entfernt sich eine Großstadt ausbreitet. Aber ich verbringe sieben Tage an diesem Platz, ohne das geringste Bedürfnis, die Stadt aufzusuchen. Ich lasse meine Seele wandern, lese, gehe spazieren, puhle zwischendurch Holunderbeeren, höre zu und habe öfter mal Tränen in den Augen.

Dann fahre ich weiter – Frankfurt.

Da habe ich mal eine Weile gewohnt. Hier rieb ich mich an der rotzigen Großstadt, lernte, wie man unterrichtet – und gründete eine Familie.

Als ich in meinen Twenties hierherkam, war ich abgestoßen und zugleich fasziniert von diesen Türmen, die wie in San Gimigiano den Einfluss der Quartierspatrizier anzeigen. 600 Jahre liegen dazwischen und kein Stück dazugelernt? –

Für mich sind seitdem fast 40 Jahre vergangen – mich gruselt diese Demonstration von Macht immer noch, obwohl ich eine Zeit lang in einem der Türme gearbeitet hatte.

Weiter über den Main nach Süddeutschland hinein …

Ich will in den Odenwald zu meinem Sohn und seiner Frau.

Welch ein Gegensatz: Man wohnt in einem großen Dorf, das durch sein Panorama mehr verspricht, als es bei einem Spaziergang später einlöst.

Der Garten soll noch werden,

ein kleiner Anfang ist gemacht.

Zeitreise

Es braucht keine komplizierten Zeitmaschinen, um in eine Vergangenheit einzutauchen. Manchmal reicht ein Lidschlag – zumindest bei mir – und es entsteht eine ferne Welt….

Hier bin ich aufgewachsen. Wir lebten zum Schluss zu sechst in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, Toilette auf dem Treppenabsatz, Ofenheizung. Das Treppenhaus roch nach Bohnerwachs. Wir wohnten unter dem Dach.

Meine Eltern schämten sich ihrer Armut. Deshalb gibt es kein Bild aus Kindertagen von diesem Haus. Wir waren dort die einzigen Kinder. Es wohnten hier – gefühlt – nur alte Leute, darunter unsere Nennoma.

Ich vermisste als Kind dort nichts – außer einer Lederhose und mehr elterlicher Liebe. Aber meine Eltern gehörten zu einer Generation, der das Lieben ausgetrieben worden war – ‘zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl …’. Sie kannten nur den ‘hohen Ton’ der Liebe, gewaltige Wortgebäude ohne Inhalt, nicht aber die tägliche Zärtlichkeit, die liebevolle Umarmung, den Kuss zum Abschied…. Hach ja!

Wir spielten auf der Straße. Der Hof war noch vollgebaut mit alten Verschlägen und oft hing dort die Wäsche zum Trocknen – also lernte ich auf der Straße Rollschuh fahren, Fahrrad fahren, auf dem Mäuerchen balanzieren.

Gummitwist mit Bruder und Mülltonne, das ging im Hof.

Diese Straße markierte zunächst die Grenze unseres Spielplatzes. Sie war damals – in der Zeit der autogerechten Stadt – eine vielbefahrene Durchgangsstraße.

Wir strolchten über Trümmergrundstücke, die für uns verwunschene Gärten waren. Wurden von den Nachbarn gejagt, wenn man uns erwischte. Später – da gingen wir schon in die Schule – büchsten wir aus und eroberten uns nach und nach die Stadt, am liebsten aber den Weg zum Wald. Dort wurden wir Indianer, schlichen durchs Unterholz, bauten Waldhütten aus alten Ästen um einen Stamm herum.

Zwei Kirchtürme überragten meine Kindheit. An dem einen lernte ich die Uhr zu lesen.

In die andere Kirche gingen wir jeden Sonntag.

Mit ca. 9 oder 10 Jahren schickte mich die Mutter zum Einkaufen in die Innenstadt. Ja, heute würde man das nicht mehr tun. Aber damals – mehrmals lief ich am Kantplatz beinahe in ein Auto. Ich erzählte mir immer Geschichten, wenn ich zum Einkaufen in die Stadt musste, hatte deshalb sozusagen zwei Bildschirme an, manchmal auch nur den meiner Geschichte.

Ich hatte Glück. Die Erwachsenen bremsten für mich.

Jetzt trinken dort junge Eltern und Studenten einen Latte, wenn nicht gerade ******* ist.

Der Laden, in dem wir ganz früher – noch bevor wir in die Schule gingen – einkauften, ist heute eine Kneipe.

Dort, wohin ich mit der Mutter zum Mangeln der Bettwäsche ging, findet man eine Hinterhofidylle.

Die Einheimischen nennen das Quartier liebevoll ‘Watzevertel‘. Hier befand sich der Stall des städtischen Ebers – des Watz -, der die Schweine zu bespringen hatte.

Den Faselstall gibt es noch. Einiges ist hier arrangiert – und neben Gabriele Wohmann wohnt Khalil Gibran.

An der Grenze zur Innenstadt steht ein Kongresszentrum. Man hat sich mit dem neuen Stil – ‘Neokonstruktivismus’ – nicht angefreundet – vielleicht doch zu neu konstruiert?

‘Scheppschachtel’ heißt es im Volksmund.

Aber man kann den Himmel über der Stadt fast anfassen.

Und schon Teil der Innenstadt ist die ‘Krone’. Ja, die Krone. Im Frühjahr 78 feierte ich hier meine Abiklausuren.

Ich bin hier nicht mehr zuhause. Ich habe nirgendwo Wurzeln geschlagen.

Und wenn meine Brüder nicht hier lebten, käme ich auch nicht zurück – trotz allen Charmes.

Reisen

“April, April”, flüstert mir der gemeine Wettergott zu und ich kann doch fahren.

Der Bahnhof in Cuxhaven ist das Tor in den Süden.

Naja, vielleicht ein wenig zu viel Ehre für einen Provinzbahnhof, der gerade aufgehübscht wird.

Nebenan entdecke ich einen Umschlagplatz aus besseren Tagen….

Bahn fährt zur Zeit nur, wer nicht anders kann – oder aus Überzeugung so reist.

Die Wagen sind halb leer. Man geht rücksichtsvoll und freundlich miteinander um.

Dennoch entwickelt die Bahn englische Angewohnheiten – jede Strecke, die ich nehme, wird diesmal zu einem Abenteuer: Verspätungen, technische Ausfälle – eine Übung in Gleichmut.

Die Bahnhöfe – während ich auf neue Anschlusszüge warte – sind leer wie mitten in der Nacht.

Meine erste Station ist das Hexenhaus.

Am nächsten Tag spazieren wir über den Campus der Ruhr-Uni. Vor 40 Jahren war ich schon einmal hier – wegen einer Tagung über …. ‘ich weiß nicht was’. Erkenne nur noch zwei heruntergerockte Gebäuderiegel wieder. – Der menschenleere Campus verstört und fasziniert mich zugleich.

Der Wald dagegen, den ich zwischendurch besuche, um wieder an die eine Buche zurückzukehren, nimmt uns freundlich auf.

Am Baum – ein Empfang, eine Wärme – wir sitzen und liegen neben ihm, schauen in Baumkronen – …..

dann kommt eine Frau mit E-bike, erschrickt ein wenig, als wir uns aufsetzen. “Ich besuche meinen Mann, um ihm das E-bike zu zeigen” und stellt es am Nachbarbaum ab. Sie packt Teeflasche und etwas Essen aus, setzt sich neben ‘ihren’ Baum, fängt an leise zu erzählen.

Ich freue mich – so hatte ich mir das gedacht. –

Ich hüpfe von Privatinsel zu Privatinsel – dazwischen leeres Land.

Auch D., meine nächste Station, wirkt wie eingefroren.

Dort, wo sonst Menschen im Café sitzen, müssen sich Kant und Goethe nun selbst unterhalten:

“Ei wo sinn se denn, de ganse Leit, Herr Kant?”-

“Herrr Geheimrrat, sie folgen dem kategorrischen Imperrativ.” –

Ansonsten gibt es Kunst am Baum:

So –

oder so –

In der Innenstadt muss Maske getragen werden

und das Impfzentrum ist unübersehbar ausgeschildert.

Bei einem Spaziergang abends entdecke ich dann doch ein wenig Leben – und ganz unkantisch folgt die Sehnsucht nach anderen Zweibeinern sich selbst.

Ich habe eine neue Freundin gewonnen – manchmal etwas kratzbürstig – aber mit Charakter.

Das ‘geile Fressi’ fällt durch – wenn Katzen lesen könnten ;-)

Mein Tor nach Norden – D. liegt günstig an der Nord-Süd-Achse der Bahn.

…. und dann, nach 26 Stunden unterwegs sein – zuhause.

Der Weg unter meinen Füßen

Anfang März war ich für eine Woche auf dem Festland.

Es ist keine Spaßreise wie sonst.

Wie sonst, wenn im Frühjahr der Zugvogel in mir erwacht und leise singt: “Lass’ mich ziehen! Lass’ mich fliegen!”

Diesmal habe ich etwas zu erledigen.

Der Felsen versinkt sofort hinter einer Nebelwand. Eine Kultschmonzette aus den 80ern, ‘The Mists of Avalon’, fällt mir wieder ein.

Ich kann gut alleine reisen. Aber es war schöner zu zweit. Ich denke an den Menschen, der mich geliebt hat – und die Dunsttröpfchen vermischen sich mit körpereigenem Salz.

Im Bahnhof von B. zieht die globalisierte Welt an mir vorbei.

Eine kleine blonde Frau fragt, ob der Zug nach D. wirklich fährt. Ich bejahe, suche die Abfahrtszeit noch einmal heraus. Sie erzählt, dass sie ihre Kinder seit Jahren zum ersten Mal sehen wird. Der Ex – und so: “….was Männer alles tun!” – Ich seufze verständnisvoll und denke: Hach, es gibt auch andere…..

Werden und Vergehen liegen nahe beieinander:

Die letzten Reste eines Menschen werden an ihren Platz gebracht und verabschiedet. Unter *******-Bedingungen wird dieser Anlass noch stiller. –

Ein Kindergeburtstag wird gefeiert. NEIIINNN- kein Kinderkontent !!!

Ein Einkauf führt uns zu einer Straße, die ihre letzten Bäume verloren hat. –

OH jaaa – es gibt sehr viel mehr Gründe zu trauern, als über einen persönlichen Verlust ….

z.B. den Zustand der Welt……

Und daneben liegt die pure Lust am Leben:

Auf der Rückfahrt – die letzte Etappe ist immer das Schiff. Zu zweit war es ein Fest: Tirili, tririla, wir fahren nach Hause.

Ich schließe die Tür auf. Die Wohnung ist nicht leer ….. angefüllt mit Atmosphäre.

Ich fühle mich zuhause aufgenommen.

Woanders

Wir waren mal woanders. Auf dem Festland, genauer gesagt.

Da waren wir seit fast einem Jahr nicht mehr. Ein wenig gezögert und überlegt haben wir schon, denn unter anderem haben wir den ganzen Pandemie-Alptraum bisher hier ausgesessen und das – spätestens seit der Öffnung für den Tourismus trügerische – Gefühl, hier sicherer zu sein, hat auch uns erfasst.

Deshalb fahren wir auch nicht wie sonst üblich mit dem Zug, sondern mieten einen Kleinwagen, der sich dann aus irgendwelchen logistischen Gründen in einen merkwürdig angeschwollenen und ausgebeulten Möchtegern-Geländewagen verwandelt hat.

Viele lange Straßen hat es, dieses Festland und viele LKWs, die man auf manchen Strecken eigentlich auf der rechten Spur aneinanderkoppeln könnte.

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Die Sommer-Open-Airs, die wir in den vergangenen Jahren besucht haben sind natürlich alle abgesagt (heul!). Aber irgendwann kommen wir dann doch an bei unseren Freunden und Familien.

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Die haben Häuser und Gärten, wie es sie auf der Insel nicht geben kann.

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Wahre Krempoli-Refugien voller alter Bauwagen, abgemeldeter Autos und allerhand anderem Zeugs.

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Während des Lockdowns ist noch so einiges hinzugekommen. Baumhäuser aus Garagen-Sperrmüll zum Beispiel.

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Es gibt Kinderwagen, die sehr praktisch beim Bierholen sind und, ähhh…

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…Gothic-Tomaten…

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…oder submissiv-willenlose Katzen (ja, endlich mal wieder Katzencontent!).

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Andere Menschen haben kleine Kinder, die sich schneller bewegen, als eine Kamera knipsen kann und mit denen wir in den wieder geöffneten Tiergarten gehen. Das Aquarienhaus finden sie am besten.

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Lustig aussehende Unterwasserwesen gibt es da.

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Bei anderen müssen wir gleich weitergehen. Brrr.

Und dann gibt es natürlich auch Städte.

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Manches ist absurd und manches rätselhaft.

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Bin nur ich das oder müsst ihr euch auch gleich eine Geschichte dazu ausdenken?

Städte sind traditionell Orte, an denen man gerne seine Mitmenschen behandelt wie Verkehrshindernisse oder sich sonstwie danebenbenimmt, weil man ja gleich wieder in der Menge verschwinden kann. Das kann den Gang durch die Fußgängerzone für einen Insulaner zu einer Art Slalomlauf machen. Oft scheint es mir, dass die Leute die Achtsamkeit einfach leid haben und nun versuchen, die Pandemie zu Tode zu ignorieren. Ich habe Zweifel, dass das funtkionieren wird.

Drei Wochen reisen wir so von einem Gästebett zum anderen. Und dann heißt es wieder zurückfahren. Der Mietwagen hat diesmal eine noch lächerlichere SUV-Schwellung erlitten. “Ist ein kostenfreies Upgrade”, meint der Mensch von der Autovermietung ganz stolz und um ihn nicht zu beleidigen, sagen wir brav “danke”.

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Als wir in Cuxhaven ankommen, ist die Temperatur gleich mal um zwölf Grad gefallen. Willkommen im Norden.

Die Rückfahrt ist längst nicht so abenteuerlich wie die Hinfahrt vor drei Wochen, aber manche Passagiere sind trotzdem anderer Meinung.

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Und da sind wir dann wieder. Ohh, ahhh, das wunderbare eigene Bett!

Für ein paar Tage lang werden wir die bunte Vielfalt auf dem Festland vermissen.

Anderes ist aber tröstlich, zum Beispiel die bei uns vergleichsweise hohe Hygiene-Disziplin und Rücksichtnahme. Die Inselgemeinschaft mag manchmal spießig und beengend erscheinen, aber auf der anderen Seite ist hier niemand “Niemand”. Jede(r) hat einen Namen und eine Geschichte.

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Und bei der Nachbarin gibt es wieder “Segen to go”. In pessimistischen Augenblicken denke ich, dass wir den bald noch dringend brauchen werden.

Fertsotzung felgt

(Ich habe in der Überschrift drei Tippfehler versteckt. Wer sie zuerst findet, darf sie behalten.)

Heute habe ich die Steinschlange besucht und sie ist wieder länger geworden. Anscheinend haben auch die meisten Gäste verstanden, dass die Einladung nicht darin besteht, Steine mitzunehmen, sondern selbst welche hinzuzufügen.

Ich bin ja ein wenig nahe am Wasser gebaut. Jedesmal, wenn ich erlebe, wie viele verschiedene Menschen es gibt, was für verschiedene Dinge ihnen durch den Kopf gehen und was sie ohne eigenen Vorteil daraus machen, fange ich an, die Brille abzunehmen und mir im Gesicht herumzurubbeln. Da muss man sich dann aber keine Sorgen machen.

Insofern: Bühne frei für die Steinschlange! Was haben wir denn heute?

Bedienungshinweise für die Steinschlange, Schutzengel, Zebrafische, kleine Seeungeheuer, Weisheiten, Regenbögen und jemand macht sich offenbar Sorgen, weil die Stones ja auch nicht mehr die Jüngsten sind.

Und ein Stein für George Floyd.

Drinnen und Draußen

Geschätzte sechs Wochen sind es nun, seitdem wir mehr oder weniger verbindlich zum Stubenhocken ermutigt, aufgefordert oder gar verdonnert sind (letzteres eher im Ausland).

Fe und ich sind sowieso begnadete Stubenhocker und unsere Ausflüge sind inselbedingt meistens auf die Ausmaße des Felsens beschränkt. Selbst bei allem Ehrgeiz kann man nicht mehr als zwei Kilometer zurücklegen, ohne wieder an irgendeiner Wasserkante zu stehen. Sollte also keinen großen Unterschied ausmachen.

Trotzdem fühlt es sich wie ein Unterschied an. Es ist so, als säße ich unten am Siemensplatz vor einer superduper Pizza Quattro Formaggio und dann sagt der Kellner streng: “Die musst du jetzt aber ganz aufessen!”

Stubenhocker hin, Lockdown her, Lummenfelsen geht natürlich immer.

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Auf der Westseite wird schon eifrig bebrütet.

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Gegenüber auf der Ostseite wird das Grünzeug für den Nestbau geerntet.

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Nachmittags nach dem Einkaufen sitze ich dann an der Landungsbrücke und schaue auf die verlassenen Hotels. Sieht aus wie im Winter, nur ohne Sturm. Ganz normal. Aber es ist Ende April.

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Kein Schiff auf der Binnenreede, nur ab und zu ein einsamer Crew Transport der Windkraft-Techniker.

Selbst der Himmel über Helgoland ist anders. Der Felsen liegt unter den Flugrouten von Amsterdam und London in Richtung Skandinavien.

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Zur Zeit ist ein Kondensstreifen am Himmel jedoch eine kleine Sensation. Damit könnte ich eigentlich leben, wenn ich nicht wüsste, dass viele Menschen, die für Fluglinien oder Flughäfen arbeiten, jetzt kaum noch ein und aus wissen.

Vielen Insulanern geht es ähnlich, weil die Pläne der Gemeindeverwaltung vorsehen, den Inseltourismus nur seeehr vorsichtig und stufenweise wieder zuzulassen. Insel-Ökologien sind fragil.

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Manche nehmen es mit Galgenhumor wie einer unserer Nachbarn.

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Und es gibt ja auch gute Nachrichten. Die Inselbücherei hat wieder geöffnet. Nur… anders.

Ich schicke der Bibliothekarin vorab eine SMS: “Erschrick bitte nicht, wenn ich mit einem Schal im Gesicht vor der Tür stehe.” Sie antwortet: “Erschrick du bitte nicht, wenn ich mit einer Maske im Gesicht am Schreibtisch sitze ;-) .”

Dann stehen wir da und können uns ein albernes Kichern nicht verkneifen. Es ist ein wenig, als würde man sich unvorbereitet auf einer Party mit albernen Hütchen auf dem Kopf begegnen. Lachen mit Vermummung ist übrigens schwierig. Das bringt alles ins Rutschen.

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(Nein, dieses, ähhh, hübsche Foto stammt nicht aus der Bücherei, sondern von einer lustigen Hochzeitsfeier vor etwa eineinhalb Jahren.)

Davon abgesehen gibt es aber einen äußerst unalbernen und sinnvollen Plan. Wer selber in den Bücherregalen stöbern will, bekommt Einmalhandschuhe und zurückgegebene Bücher kommen mindestens 24 Stunden lang in Quarantäne.

Es hat sich nämlich herausgestellt, dass die vermaledeiten Viren – entgegen allem, was man vermuten würde – auf Papier wesentlich kürzer überleben als auf Metall oder Plastik. Noch nie fand ich es so sympathisch, dass jemand Bücher nicht mag.

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Eines der neuen Bücher stammt von unserer Pastorin. Super Lesestoff und für mich voller Aaach-ich-dachte-so-was-passiert-nur-mir-Erlebnisse.

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Da wir nur wenige Meter von der Kirche entfernt wohnen, laufe ich beim Einkaufen immer an ihrem Haus vorbei. Nach Gottesdienst als Livestream und Segen per Straßenkreide gibt es jetzt auch Segen-to-go zum Selberpflücken. Man muss sich halt was einfallen lassen mit dem Verkündigungsauftrag auf Distanz.

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Ich bin zwar ganz schön religiös aufgezogen worden (Geschmacksrichtung Katholik), aber seit gut vierzig Jahren habe ich keinen Segen mehr empfangen. Jetzt hängt er bei uns am Wohnzimmerschrank zwischen allerlei profanen Erinnerungsstücken. Thanks, Reverend ;-) .

flyer silvester 2019

Mein Blick fällt auf die Einladungskarte, die ich vor ein paar Monaten für die Silvesterparty der Hexenhausbande auf dem Festland gezeichnet habe. Kurz überlege ich, ob ich nicht ein neues Bild malen sollte, so à la “Liebes 2019, komm bitte bitte wieder zurück! So sch…. warst du ja gar nicht!”

Aber das ergibt natürlich keinen Sinn. Mein Gefühl sagt mir, dass es so oder so gekündigt hätte. Vielleicht sollte ich mal 2016 anrufen. Oder 1995.

Mission Improbable

Natürlich ist Helgoland der schönste aller denkbaren Wohnorte. Sonst würden wir ja nicht hier leben wollen.

Trotzdem gibt es hier auch spezielle Probleme und ich meine jetzt nicht eine gewisse Tendenz zu Schietwetter im Winter, Inselschnack ganzjährig oder die Trinkwasserpreise.

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Nein, es geht um Weihnachtspakete. Genauer gesagt, die Pakete für Fe’s Söhne. Wenn wir hier Pakete versenden wollen, müssen wir nicht nur zur Post, sondern auch zum Zoll. Praktischerweise residieren die im gleichen Gebäude.

Denn Helgoland gehört zwar zum deutschen Wirtschaftsgebiet (also haben wir den Euro und auch diverse deutsche Steuern), nicht aber zur europäischen Zollunion. Also führen wir mit den Weihnachtspaketen Waren in die Union ein (auch wenn wir sie vorher auf dem Festland gekauft haben). Und diese Waren müssen bei der Einfuhr verzollt werden.

Es gibt eine Freigrenze. Die liegt bei 22 Euro. Zwei-und-zwanzig. Das sollte ich nach sechs Jahren eigentlich wissen. Andererseits lebt Fe erst seit eineinhalb Jahren hier und in der Vergangenheit verlief die Zollabfertigung meistens eher so:

Ich: Hallo.

Zollbeamter: Na, Weihnachtsgeschenke?

Ich: Jau.

Zollbeamter: *Klebt einen Abfertigungsaufkleber aufs Paket* Na denn, frohe Feiertage!

(Bevor hier ein falscher Eindruck entsteht: Das klappt nur einmal pro Jahr. Vorzugsweise im Dezember.)

Inzwischen haben wir aber neues Personal beim Zoll.

Ich: Hallo. Hab hier zwei Weihnachtspakete.

Zollbeamter: Was ist da drin?

Ich: Bisschen Schokolade, zwei Bücher…

Zollbeamter: Nein, nein, ich brauche den Warenwert. Über 22 Euro?

Ich: Äh. Glaube schon.

Zollbeamter: Dann geht das so nicht. Ich brauche die Kaufbelege als Nachweis.

Ich: *Schleife die Pakete wieder nach Hause und krame dann nach den diversen Zetteln*

Am nächsten Tag:

Ich: Hallo, ich hab jetzt die Belege. Und eine Liste über den Gesamtwert.

Zollbeamter: Das wird aber teuer. Teurer als der ganze Inhalt.

Ich: Äh. Wie teuer denn?

Zollbeamter: *Rollt die Augen* Aaach, das ist sehr kompliziert zu berechnen.

Ich: Auweia.

Zollbeamter: Geben Sie’s doch jemand mit, der aufs Festland fährt.

Ich: Und das ist erlaubt?

Zollbeamter: Na klar. Das ist dann persönliches Reisegepäck. Das geht bis 430 Euro.

Ich: *Seufz*

Also klappere ich Freunde und Bekannte ab. Keiner hat Reisepläne für die nächsten Tage. Ein paar Tage später fahre ich dann selbst mit dem Schiff nach Cuxhaven.

Es ist Vollmond. Und Winter. Da wird es um vier Uhr nachmittags dunkel.

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Cuxhaven sieht aus wie… Cuxhaven.

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Auf der Post brauche ich zwei Minuten und 18 Euro.

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Und dann fahre ich wieder zurück.