Heimwärts (Epilog)

Nach vier Wochen ist es Zeit, wieder nach Hause zu fahren. Die Sommerferien sind auf den Inseln zu Ende und es gilt, noch einige Vorbereitungen für die nächsten Wochen zu treffen.

Ich fahre ein wenig wehmütig, lasse hier Menschen zurück, die zu meinem Leben gehören –

und kehre heim auf den Felsen mitten in der Nordsee. Früher – mit T. – war das leicht, fast schwerelos. Aber den fröhlichen Klang des Berges habe ich noch dabei.

Und als ich von der Friedlichkeit und Harmonie erzähle, höre ich die Vermutung, es liege an den ganzen Cannabis-Schwaden, die einen auf dem Berg umnebelten.

Ach ja – so weit sind wir gekommen, dass Friedfertigkeit nur möglich ist, wenn alle bekifft sind? –

Welch tristes Weltbild……

back home….

Kreuz und quer

Ich reiste kreuz und quer durch Hessen, um meine Leute zu besuchen – mit dem 9-Euro-Ticket.

Super – dachte ich, für mich als überzeugte Öffi-Nutzerin war das Ticket längst überfällig. Und tatsächlich: Ich sah auf meinen Fahrten jetzt mehr unterschiedliche Leute – und die Züge waren voll, rappelvoll. Es war wie auf einer Kirmes. Mir gegenüber ein älterer Herr mit Fahrrad, neben ihm eine Dame, die offensichtlich das Zugfahren nicht gewöhnt ist. Sie vergleicht immer wieder ihren ausgedruckten Fahrplan mit den Bahnhöfen, an denen wir halten. Ich sitze zwischen zwei Studentinnen auf der einen und einer Mutter, die mit ihrem Sohn in eine Kur fährt, auf der anderen Seite. Beide sind schon ein paar Stunden unterwegs und der Kleine wird langsam müde. Ein Stück weiter weg ein Mann, der den gesamten Waggon beschallt. Alle erhalten tiefe Einblicke in die Hundeseele, politische Einschätzungen zum Ukraine-Krieg und schließlich düstere Prognosen für den kommenden Winter. Ja, der Krieg – und das ausbleibende Gas – das höre ich immer wieder auf meinen Fahrten mit. Insgeheim schüttele ich manchmal den Kopf. Mich treiben nicht die Strumpfhose und den Pullover um, die ich im Winter tragen werde. Ich fürchte die sozialen Folgeschäden, die Armut, in die Teile unserer Bevölkerung getrieben werden und ihre Folgen. Und – uns wird es noch gut gehen im Vergleich zur ukrainischen Bevölkerung.

Aber gerade ist Sommer. Die Temperaturen über 30°, die Züge voll gedrängt, denn es können mit dem 9-Euro-Ticket auch Leute verreisen, für die zu anderen Zeiten Bahntickets zu teuer sind. Ja!

Manche meinen, das 9-Euro-Ticket sei ein ‘Schnäppchen-Ticket’. Nein Leute, weit gefehlt. Es ermöglicht Menschen, die normalerweise nicht reisen können, an etwas teilzuhaben, das wir mal als Bürgerrecht definiert haben.

Was sehe ich auf meine Reisen, wenn ich gerade nicht den Menschen zuhöre?

Odenwald – hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein.

Doch am nächsten Morgen studiere ich eine traurige Liebesgeschichte an der Station, an der ich auf meinen Zug warte.

Frankfurt – ich surfe mit meinem Sohn abends durch die Stadt – und wir finden in Hausen die Brotfabrik, in meinen Frankfurter Tagen ein Kulturzentrum – wieder und essen dort lecker.

Am nächsten Tag muss ich quer durch die Stadt in den Osten fahren, um zu meinem Zug zu kommen.

Ich kenne das Ostend gut – von früher. Heute finde ich einen zerrissenen Ort vor – zwischen Kapital und Kommerz

und lost spaces.

Gießen – zwei Herzensgute,

ein gesegneter Garten

und sein König

– Caruso – empfangen mich.

Bad Ems – Auf dem Weg dorthin die Lahn entlang sehe ich immer wieder tote Fichtenareale.

Auch hier heißen mich zwei aufrechte, liebenswerte Menschen willkommen. Sie leben ebenfalls in einem Garten, aber eben anders.

Nicht weit entfernt liegt über Koblenz die Festung Ehrenbreitstein. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und thront über Koblenz auf der rechten Rheinseite. Im Nationalsozialismus wurde sie im Zuge der Kriegsvorbereitungen ausgebaut und erweitert. Das atmen die Gemäuer heute noch.

Doch im Sommer finden dort regelmäßig kleine Konzerte oder größere Events statt.

An diesem Abend wollen wir Lulo Reinhardt sehen – anschließend tritt eine junge Brasilianerin auf – Fernanda Santanna – whow. Ein kleiner Vorgeschmack auf das kommende Festival im Vogelsberg.

Rhein und Mosel zeigen schon bedenklich viele Sandbänke – und es ist erst Mitte Juli. In einem Moseldorf an einer Kirche entdecke ich eine Figur, Teil einer Kreuzigungsgruppe. Dieses Gesicht hat es mir angetan. In welches Grauen blickt die Frau?

Am nächsten Tag will ich zurück nach Gießen – und die Verbindung zeigt mir ein Schienenersatzversprechen an. Ich fahre also los – und komme bis Limburg. Als ich aussteige und den Bus suche, finde ich weit und breit keinen, auch niemanden, der mich informieren könnte. Es ist Sonntag.

Ich frage mich durch und nach einer Weile erfahre ich, wo in etwa der Bus nach Weilburg stehen könnte. Ich laufe durch eine Unterführung, finde einen Busbahnhof, jedoch keine Busse weit und breit.

Man muss genau hinsehen und ein bisschen hin- und herlaufen, um die Haltestelle für den Ersatzverkehr zu finden.

Dort haben sich inzwischen auch andere Gestrandete eingefunden, einige machen sich schon mit ihren Schlauphone kundig. Es soll einen Bus geben, aber erst um halb sieben. Gut, denke ich, dann lohnt das Warten. Aber um 20 vor sieben ist noch kein Bus da. Dann heißt es, es komme ein Bus, der bringe uns aber nur bis zum ICE-Bahnhof. Dann müsse man den Zug nach Frankfurt nehmen, um von dort nach Gießen zu gelangen. Puh – ich rechne und denke an den Umweg, den man zur Zeit von Frankfurt über Hanau nach Gießen nehmen muss.

Ich zücke mein Dummphone (es kann nur telefonieren) – und rufe bei Freunden an. Yippie – in einer Stunde wird meine Freundin da sein – und mich und zwei weitere Frauen nach Gießen mitnehmen.

………

Stadt im Sommer und Schrödingers Katze

…. – das ist einer der Gründe, warum man wegfährt. Neue Eindrücke sammeln, sich inspirieren, treiben lassen. Ich hatte keine Pläne für meine Reise.

Nachts in Frankfurt wehte mich schon ein warmer Nachtwind an, als ich zum ersten Mal beobachtete, welche Auswirkungen das 9-Euro-Ticket hat. Selten sah ich um Mitternacht so viele Leute auf einem Bahngleis stehen, um noch den Regionalzug Richtung Mannheim zu erwischen. In dieser Nacht waren es hauptsächlich Twenties, die von einem Party-Event zurückkamen.

Tags darauf in D. herrschte eine Hitze, die ich nicht mehr gewohnt bin. Hatte ein klein wenig Sehnsucht nach frischem Seewind. Also keine Touren durch die Stadt, sondern spazieren durch den Kiez. –

Hin und wieder gibt es schöne Kleinigkeiten

in Vorgärten zu entdecken –

oder ein merkwürdiger Zuschauer blinzelt auf die Straße hinab.

Treiben durch Buchhandlungen – ein Genuss, dem ich in D. immer nachgehe. Und diesmal springt mich ein Buch an.

Klar, bei dem Titel – und Quantentheorie wollte ich immer schon besser verstehen. Habe ich dann auch, denn es vollzieht die Geschichte der Quantentheorie gut nach. Und ich begriff, wie tief und wie weit die Quantentheorie bereits mein Alltagsbewusstsein durchdrungen hat. Dennoch blieb meine eigentliche Frage nach Energiephänomenen und -wahrnehmungen unbeantwortet. Naja – muss nicht alles auf einmal beantwortet werden.

Schrödingers Katze wird mir im Gedächtnis bleiben ,-)) – ich finde es nicht befremdlich, dass etwas gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Zuständen existieren kann.

Im Herrngarten stehen jetzt Kompoletten –

whow, ob es die wohl dieses Jahr auch auf dem Festival geben wird?

Besuch der beiden Schwestern.

Der Tag ist dunkel. Schwer hängt eine Glocke von Staub, Hitze und tiefliegenden Wolken über der Stadt. Auf der Mathilde dagegen gibt es ein wenig Frische

– und einen Blick bis in die Pfalz.

La nuit il pleut.

Ich fahr’ mal los (Prolog)

Die letzten Wochen vor den Ferien waren durchdrungen von den Dingen , die alle noch unbedingt vor den Ferien erledigt werden müssen. Ich dachte ernsthaft darüber nach, ob man die letzte Woche vor den Ferien nicht einfach ersatzlos streichen sollte….

dann waren sie da – die freien Tage – alle Probleme gelöst – ich konnte fahren. Diesmal mit der MS Nordlicht, einem kleinen Katamaran, der den Weg nach Cuxhaven in 75 Minuten abreitet.

Es ist wie Busfahren, wenig spektakulär, ein Spaziergang über das Fahrzeug ist eher langweilig, die Außengalerie begrenzt und sie gewährt auch nur den Blick zurück. Aber immerhin, die Fahrt bringt insgesamt einen Zeitgewinn von drei Stunden und damt die Chance, nach Süddeutschland durchzurutschen, ohne irgendwo drei oder vier Stunden nächtens auf einem Bahnhof zubringen zu müssen.

Früher (ich spreche von den 80ern – ;-)) war das kein Problem, denn im Sommer saßen genug Rucksackreisende vor Bahnhöfen herum. Man setzte sich dazu, kam ins Klönen und wartete gemeinsam auf den nächsten Anschluss. Tja, times ‘re changing – and now …. findest du mit Glück einen freundlichen Berber, der dir seine Lebensgeschichte erzählt …. das war aber eine andere Geschichte vor sechs Jahren…..

Die anschließende Bahnreise verlief ohne besondere Vorkommnisse – das ist keine Selbstverständlichkeit (leider!). Und in diesen Genuss kommt man offensichtlich nur als ICE-Reisende.

Was wird mich erwarten? – Meine Gefühle gemischt – den letzten Abschnitt meiner Reise würde auf das Festival führen, auf dem T. und ich uns kennen gelernt hatten …..

Yippie – es sind Ferien,

ich mache mich zum ……..

Nein, Moment mal, das sind schon wieder drei Wochen her. Ich machte mich zum Festland auf.

Früher fuhr ich in die Bretagne oder Normandie,

wahlweise auch mal weiter südlich an die Atlantikküste. Heute brauche ich das nicht mehr. Ich lebe auf einem Felsen mitten im Meer

und, wenn ich wegfahre, besuche ich nun Freunde und Verwandte im Binnenland.

Ich hatte Reisewetter. Doch der Sonnenschein trügt – es war an dem Tag bitterkalt.

Nachts im Hexenhaus brachte ich dann auch noch ein paar Tage Regenwetter mit – puh…..

Unser Ausflug an T.s Baum brauchte Regenausrüstung….

Ein paar Tage später Weiterreise…..

Ich weiß nicht, wie oft ich schon an diesem Bahnhof gestanden habe,

die Eisenbäume betrachtet,

durchs Dach nach Wolken geschaut,

in den Giebel geblickt habe.

Ich habe eine Schwäche für Hallenkonstruktionen aus Gußeisen. In diesen Tagen wirken sie so fragil…… ich denke an zerschossene Bahnhöfe…..

Wenn es nicht gerade wichtig ist, den nächsten Zug zu erreichen, genieße ich die Atmosphäre auf Bahnhöfen. Irgendwo hinfahren, an Orten landen, an denen man noch nicht war…. das Unterwegssein an sich….

Dann geht es weiter .. vorbei an Gleisbrachen,

vorbei am Waldstadion – die Eintracht scheint aufzuspielen……

in die aufziehende Nacht hinein.

Als ich in D. aussteige, ist es dunkel.

Die Familie meines Bruders hat Zuwachs bekommen und

meine kratzbürstige Freundin

eine Lebensgefährtin.

Abstecher in den Odenwald – Besuch bei den Kindern:

Die Blüte ist hier noch nicht ganz soweit. Auf meiner Hinfahrt sah ich die blühenden Obstbäume an der Bergstraße. Hier – ein Seitental weiter ins Mittelgebirge hinein – sind die Bäume noch nackt. –

An Ostern komme ich zurück

– es ist wie immer am Saisonbeginn.

Stimmen schwirren durch die Luft begleitet vom Rattern der Rollkoffer.

Möwen kreischen und überwachen die Fressbuden.

Auf der Straße ein schöner Stuhl –

aber ob er bequem ist?

Ich freue mich – und bin traurig zugleich – je pense à toi

Sentimental journey – Odenwald

Zwischenstopp in D. –

umständehalber fällt der Besuch nur kurz aus.

Dann geht es weiter in den Odenwald – Übernachtung bei Sohn und Tochter…….

Auf dem Rückweg halten wir in L, einem kleinen verschlafenen Ort im Odenwald, an.

Hier lebte ich einmal in den 60ern für ein paar glückliche Monate.

Wir laufen durch das Städtchen zur Burg.

Auf dem Weg dahin auffällig viele Drachenskulpturen.

Kurz unter der Burg wird das Rätsel gelöst:

Es hat hier ein Drachenmuseum –

mit Garten:

Die Burg an dem Tag in Wolken gehüllt.

Als ich zum Turm der Vorburg hinauflaufe, erinnere ich, wie mein Bruder und ich hier hochstürmten, während meine Mutter den Kinderwagen mit meiner Schwester hinterschob. Jedes Mal ‘eroberten’ wir auf diese Weise die Burg, blickten auf das Tal Richtung F. wie auf ‘unser’ Land. Es war ‘unser’ Land und unsere Zeit in einem anderen Sinne …. eine mystische Zeit…

Aber vielleicht erscheint jedem Menschen die Kindheit mythisch, in Zeitdimensionen entrückt, die wir nicht fassen können…

Oben –

fast als wäre die Zeit stehen geblieben –

und als stehe sie gerade wieder still.

Kalender sind nur ein menschliches Werkzeug, um uns im zeitlichen Raum zu orientieren, damit wir Ereignisse ordnen, Anfänge und Enden bestimmen können. Das entspricht unserem Wesen.

Es gibt Zeitzyklen – nur anders als wir uns das denken.

Ein letzter Blick zurück – ich hätte T. gerne den Ort gezeigt –

bevor wir in die Großstadt zurückkehren.

Es ist der 28.12., der Geburtstag von T.

Sentimental journey – Frankfurt

Ich bleibe ein paar Tage in Frankfurt – mit Zwischenausflug nach D. und in den Odenwald.

Ein Spaziergang durch die Niddaauen, die ich noch nicht kenne.

Damals in den 80ern lebte ich zunächst in einem der angesagten Stadtteile, später am anderen Ende der Stadt – dort, wo man fast nach Offenbach rüberspuckt ;-). Die Niddaauen waren so weit weg wie der Mond und wenn mich damals Sehnsucht nach Grün überkam, fuhren wir hinaus in den südlichen Vogelsberg.

Es ist nass, nicht kalt. Manchmal mischt sich Schnee in einen kaum wahrnehmbaren feinen Regen.

Die Stadt bleibt allgegenwärtig.

Wir wandern an ihrer Grenze entlang.

Manchmal kommen uns Menschen entgegen, manchmal eine ganze Familie von Weihnachtsmännern ….

nun ja, es ist der erste Weihnachtstag.

Am Ende unseres Weges ein Denkmal –

auch andere Menschen trauern.

Ein zweiter Spaziergang ein paar Tage später –

ich erkenne Orte wieder, an denen ich gearbeitet hatte.

Mainhattan – eigenartige Ästhetik – es geht mir wie immer. Ich fühle mich fast erschlagen –

An einer anderen Ecke die Zeichen unserer Zeit –

und wieder – wenige Minuten später ein liebenswert urbanes Eckchen.

Im Romantikmuseum die Himmelsleiter –

ich treffe alte Bekannte wieder – Caroline und ihre Gang, die ersten Hippies in Jena, die andere Karoline, Freund Hoffmann und die Brüder Grimm. (Germanisten behandeln manchmal ihre Lieblinge wie Geschwister im Geiste. Nehmt es nicht übel…. ihr liebenswerten Vorgänger*innen ;-))

Unser Rückweg führt vorbei an einem modernen Tempel –

der angebissene Apfel wie eine Metapher auf den Zustand unserer Welt –

der Blick auf Mainhattan wie eine Erinnerung an Metropolis, Fritz Langs Dystopie aus den 20ern.

Wird das unsere Zukunft sein, der Weg in die Arme eines starken Mannes? ……

Sentimental journey – Auftakt

Eigentlich ist der Winter eine besonders schöne Zeit auf dem Felsen

wenn sich aus Sankt Niklas der Weihnachtsmann löst

wenn die Düne in Winterkaribik erstrahlt.

Aber dieses Jahr zogen mich besondere Umstände aufs Festland.

Es war eine Reise über etliche Orte hinweg, die den Hintergrund meiner Lebensstationen bespielten. Es ergab sich, ohne dass ich es bewusst arrangiert hätte, eine sentimental journey.

Der Tag meiner Abreise – diesig verhangen.

Der Felsen verschwindet schnell. ‘Wie Avalon’, dachte ich bei meiner ersten Reise zum Felsen und zu einem Menschen, der mir Seelengefährte werden sollte.

In Hannover hängt neben dem Bahnhof ein Zeichen eines anachronistischen Symbols am Himmel. Es verweist nach hinten, ins 20. Jahrhundert, in seine Höhe. wie Tiefpunkte. Wie lange wird es noch am Himmel stehen?

Nachts komme ich in Frankfurt an, werde abgeholt. Nach etlichen Stunden hinter Maske im Zug ziehe ich begierig die ‘frische’ Luft ein. Ich rieche Autos, Heizungen, altes Fett und viele Menschen.

Herbst

Hier auf dem Felsen scheint das Jahr weiter fortgeschritten.

Es dunkelt merklich früher.

Die Bäume haben ihre Hüllen fallen lassen – nackter Baumkern garniert mit ein paar letzten Früchten.

Tropfen perlen sich auf den Halmen.

Es ist nicht kalt. Deswegen fallen die Blätter vertrocknet von den Ästen.

Die Vogelfelsen sind leer –

Wie die großen Zweibeiner hinterlassen sie den Müll, den sie zum Nestbau aus dem Wasser gefischt hatten.

Der Felsen gleicht einem Set aus einem Murakami-Roman.

Von Westen treibt der Wind die Wellen gegen den Felsen – und manchmal mischt sich in das gleichmäßige Schlagen ein Twitwitwi.

Auf dem Festland gab es noch freundliche, fast warme Tage.

Ich spazierte – alleine – mit dem einen, mit dem anderen Bruder.

Die Stadt ist in freundlich goldenes Licht getaucht. Die Schatten lang – auch schon am Vormittag.

Die kalten Nächte treiben die Farben ins Blattwerk und

alles flammt ein letztes Mal auf.

Wolken verteilen das Licht

und plötzlich verändert sich ein gleichmäßiges Feld in eine bewegte Landschaft.

Der Parkwald am benachbarten Jagdschloss wirkt noch sommerlich.

Um in den Wald zugelangen, steigen wir über einen Zaun und folgen der alten Jagdschneise.

Mein Bruder erzählt, wie sich der Adel vor 200 bis 300 Jahren das Wild auf eine Lichtung treiben ließ, um dort zu ballern, was das Zeug hielt.

Im inneren Ohr höre ich Hörner, die Geräusche brechendes Holzes und hetzender Hunde, aber die Wiesen liegen still.

Die Sonne allein richtet ihren Spot auf Einzelnes,

das plötzlich aus Grau, Grün hervortretend

auf einer Bühne steht.

Dieses Jahr geht mit ‘schwerer Fracht’ – oh ja……..

Summer in the City

On the road again – diesmal eine nächtliche Autofahrt mit meinem Bruder durch den Odenwald, den wir beide gut kennen – ein Jahr lang war unser Vater nach L. versetzt, um dort ein Schullandheim zu leiten. Es waren mit die schönsten Monate meiner Kindheit.

Später lebte mein Bruder noch einmal ein Jahr im ‘Wald’ – also mehr als genug Gesprächsstoff für eine nächtliche Tour.

Meine vierbeinige Freundin ist gewachsen und darf inzwischen den Garten untersuchen.

Wir sind im zweiten Corona-Sommer. Mich interessiert, wie sich dies in einer Stadt anfühlt.

Fast scheint es, als sei Corona gewesen,

wären da nicht die Testzentren an jeder zweiten Straßenecke.

Man betritt – wie auf dem Felsen – Innenräume mit Maske. Aber Abstandsregeln scheint es nicht mehr zu geben.

Doch, doch – es gibt sie, zum Beispiel bei der Anmeldung für einen Besuch im Krankenhaus oder im Café des Hofgutes. Also offensichtlich nur noch dort, wo sie durchgesetzt werden.

In der Stadtmitte darf man ohne Maske laufen. In den Cafés sitzen Menschen bei ihrem Latte oder Bier. Aber es herrscht nicht wirklich gute Stadtlaune.

Kein Wunder – die Ds. verzichten zum zweiten Mal auf das höchste ihrer Feiertage – das Heinerfest. Nur ein kleines Karussell erinnert traurig unter dem Reiterdenkmal daran,

dass sich gewöhnlich Anfang Juli an derselben Stelle unzählige Bier- und Fressbuden den Platz mit ihm teilen. Wo sonst der Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln mit Bratwurst- und Pommesfett eine eigenartige Melange eingehen, ist jetzt reichlich Platz zum Flanieren …

sogar soviel Platz, dass die Fotos einer Darmstädter Fotografin – Hilde Roth – großflächig ausgestellt werden können.

Das lohnt sich allerdings:

Welch ein Blick für die Gelegenheit und die Komposition, denke ich, während ich um die Banner herumgehe.

Ein Wägelchen erinnert an das Heinerfest. Dahinter findet sich ein Autoscooter. Aber es fehlt die Atmosphäre von halbstarker Pose und zuviel Deo – nur die Kurzen holen sich ihren Spaß.

In diesem Kino habe ich meine ersten Film gesehen – Dr. Schiwago. Das war nicht meine Wahl, ich war erst zehn. Meine Mutter brauchte wohl Begleitung, um einer alten Erinnerung nachzuhängen ;-).

Ich weiß nicht, warum es jetzt geschlossen ist. – Schade, aber es ist nicht das Einzige, das in D. schließt….

Nachdenklich blickt der alte erste Großherzog auf seine Stadt …

Im Herrngarten dann eine kurze Entladung von Krawall – ein Radfahrer kommt nicht schnell genug voran. Heftiges Klingeln und Gebrüll. Ein Fußgänger fühlt sich beiseite gedrängt. Man schimpft aufeinander ein. Der Radfahrer bleibt kurz stehen. Der Fußgänger läuft auf ihn zu – jetzt erstaunlich schnell, ohne seine verbale Kanonade zu unterbrechen. Als der Radfahrer wieder losfährt, rennt ihm der Fußgänger sogar noch hinterher, so wichtig ist ihm sein Recht auf ungestörtes Gehen. –

Man ist empfindlich geworden, achtet mehr auf das eigene als das Recht des anderen. Das beobachte ich.

Danach scheint alles wie zuvor –

Auch Goethe und Kant haben wieder Gesellschaft.

Am Abend – ein Spaziergang zum Watzebuckel, wo sich Jugendliche coronagerecht in kleinen Grüppchen versammelt haben. Na also, geht doch.

Der Mond versteckt sich hinter den Wolken, aber der Watzebuckel ist schon hoch genug, um einen Nachtstadtblick zu gewähren. Auch wir sitzen hier und philosophieren – und schweigen und genießen, bis es uns kalt wird.

Am nächsten Tag – die Gärten sind leer, kein Wunder, es tröpfelt ein bisschen. Mich hält das nicht davon ab, rauszugehen, aber in Süddeutschland gilt dies als schlechtes Wetter.

Also hat einer meiner Brüder ein tête-à-tête mit Karl – und wir später einen Kaffee auf dem Hofgut.

… Auf diese beiden Plakate stieß ich als erstes …großartig in dieser Kombi:

‘Schicksal, Verantwortung und der freie Wille’ – warum muss es immer eine Fanfare sein? – Über alle drei Begriffe ließe sich ein eigenes Kompendium schreiben. Welche Mauern sollen da niedertrompetet werden? –

‘Matchen. Chatten. Durchstarten.’ – dies klingt wie ‘Alles easy, Leute. Wir haben ein neues Normal, bald eine schöne neue Welt….’ – Und ja – wem soll die Last genommen werden, dass wir durch unseren Lebensstil zur Pandemie beigetragen haben? –

Nein, ist nicht alles easy, leider…… und nein, ihr Damen und Herren aus der Gralsbewegung, ihr mögt euch erleuchtet fühlen, aber ihr seid nicht raus: Ihr seid Teil dieser Welt, die auch euch Bedingungen setzt – und nur in Anerkennung dieser Tatsache kann der menschliche Wille frei sein – vielleicht ein wenig mehr Bescheidenheit? –

Und dazwischen hängen wir alle – zwischen Krisenbewusstsein und dem Wunsch, dass alles doch ganz leicht sein solle – wie früher….?