Sentimental journey – Odenwald

Zwischenstopp in D. –

umständehalber fällt der Besuch nur kurz aus.

Dann geht es weiter in den Odenwald – Übernachtung bei Sohn und Tochter…….

Auf dem Rückweg halten wir in L, einem kleinen verschlafenen Ort im Odenwald, an.

Hier lebte ich einmal in den 60ern für ein paar glückliche Monate.

Wir laufen durch das Städtchen zur Burg.

Auf dem Weg dahin auffällig viele Drachenskulpturen.

Kurz unter der Burg wird das Rätsel gelöst:

Es hat hier ein Drachenmuseum –

mit Garten:

Die Burg an dem Tag in Wolken gehüllt.

Als ich zum Turm der Vorburg hinauflaufe, erinnere ich, wie mein Bruder und ich hier hochstürmten, während meine Mutter den Kinderwagen mit meiner Schwester hinterschob. Jedes Mal ‘eroberten’ wir auf diese Weise die Burg, blickten auf das Tal Richtung F. wie auf ‘unser’ Land. Es war ‘unser’ Land und unsere Zeit in einem anderen Sinne …. eine mystische Zeit…

Aber vielleicht erscheint jedem Menschen die Kindheit mythisch, in Zeitdimensionen entrückt, die wir nicht fassen können…

Oben –

fast als wäre die Zeit stehen geblieben –

und als stehe sie gerade wieder still.

Kalender sind nur ein menschliches Werkzeug, um uns im zeitlichen Raum zu orientieren, damit wir Ereignisse ordnen, Anfänge und Enden bestimmen können. Das entspricht unserem Wesen.

Es gibt Zeitzyklen – nur anders als wir uns das denken.

Ein letzter Blick zurück – ich hätte T. gerne den Ort gezeigt –

bevor wir in die Großstadt zurückkehren.

Es ist der 28.12., der Geburtstag von T.

Sentimental journey – Frankfurt

Ich bleibe ein paar Tage in Frankfurt – mit Zwischenausflug nach D. und in den Odenwald.

Ein Spaziergang durch die Niddaauen, die ich noch nicht kenne.

Damals in den 80ern lebte ich zunächst in einem der angesagten Stadtteile, später am anderen Ende der Stadt – dort, wo man fast nach Offenbach rüberspuckt ;-). Die Niddaauen waren so weit weg wie der Mond und wenn mich damals Sehnsucht nach Grün überkam, fuhren wir hinaus in den südlichen Vogelsberg.

Es ist nass, nicht kalt. Manchmal mischt sich Schnee in einen kaum wahrnehmbaren feinen Regen.

Die Stadt bleibt allgegenwärtig.

Wir wandern an ihrer Grenze entlang.

Manchmal kommen uns Menschen entgegen, manchmal eine ganze Familie von Weihnachtsmännern ….

nun ja, es ist der erste Weihnachtstag.

Am Ende unseres Weges ein Denkmal –

auch andere Menschen trauern.

Ein zweiter Spaziergang ein paar Tage später –

ich erkenne Orte wieder, an denen ich gearbeitet hatte.

Mainhattan – eigenartige Ästhetik – es geht mir wie immer. Ich fühle mich fast erschlagen –

An einer anderen Ecke die Zeichen unserer Zeit –

und wieder – wenige Minuten später ein liebenswert urbanes Eckchen.

Im Romantikmuseum die Himmelsleiter –

ich treffe alte Bekannte wieder – Caroline und ihre Gang, die ersten Hippies in Jena, die andere Karoline, Freund Hoffmann und die Brüder Grimm. (Germanisten behandeln manchmal ihre Lieblinge wie Geschwister im Geiste. Nehmt es nicht übel…. ihr liebenswerten Vorgänger*innen ;-))

Unser Rückweg führt vorbei an einem modernen Tempel –

der angebissene Apfel wie eine Metapher auf den Zustand unserer Welt –

der Blick auf Mainhattan wie eine Erinnerung an Metropolis, Fritz Langs Dystopie aus den 20ern.

Wird das unsere Zukunft sein, der Weg in die Arme eines starken Mannes? ……

Sentimental journey – Auftakt

Eigentlich ist der Winter eine besonders schöne Zeit auf dem Felsen

wenn sich aus Sankt Niklas der Weihnachtsmann löst

wenn die Düne in Winterkaribik erstrahlt.

Aber dieses Jahr zogen mich besondere Umstände aufs Festland.

Es war eine Reise über etliche Orte hinweg, die den Hintergrund meiner Lebensstationen bespielten. Es ergab sich, ohne dass ich es bewusst arrangiert hätte, eine sentimental journey.

Der Tag meiner Abreise – diesig verhangen.

Der Felsen verschwindet schnell. ‘Wie Avalon’, dachte ich bei meiner ersten Reise zum Felsen und zu einem Menschen, der mir Seelengefährte werden sollte.

In Hannover hängt neben dem Bahnhof ein Zeichen eines anachronistischen Symbols am Himmel. Es verweist nach hinten, ins 20. Jahrhundert, in seine Höhe. wie Tiefpunkte. Wie lange wird es noch am Himmel stehen?

Nachts komme ich in Frankfurt an, werde abgeholt. Nach etlichen Stunden hinter Maske im Zug ziehe ich begierig die ‘frische’ Luft ein. Ich rieche Autos, Heizungen, altes Fett und viele Menschen.

Herbst

Hier auf dem Felsen scheint das Jahr weiter fortgeschritten.

Es dunkelt merklich früher.

Die Bäume haben ihre Hüllen fallen lassen – nackter Baumkern garniert mit ein paar letzten Früchten.

Tropfen perlen sich auf den Halmen.

Es ist nicht kalt. Deswegen fallen die Blätter vertrocknet von den Ästen.

Die Vogelfelsen sind leer –

Wie die großen Zweibeiner hinterlassen sie den Müll, den sie zum Nestbau aus dem Wasser gefischt hatten.

Der Felsen gleicht einem Set aus einem Murakami-Roman.

Von Westen treibt der Wind die Wellen gegen den Felsen – und manchmal mischt sich in das gleichmäßige Schlagen ein Twitwitwi.

Auf dem Festland gab es noch freundliche, fast warme Tage.

Ich spazierte – alleine – mit dem einen, mit dem anderen Bruder.

Die Stadt ist in freundlich goldenes Licht getaucht. Die Schatten lang – auch schon am Vormittag.

Die kalten Nächte treiben die Farben ins Blattwerk und

alles flammt ein letztes Mal auf.

Wolken verteilen das Licht

und plötzlich verändert sich ein gleichmäßiges Feld in eine bewegte Landschaft.

Der Parkwald am benachbarten Jagdschloss wirkt noch sommerlich.

Um in den Wald zugelangen, steigen wir über einen Zaun und folgen der alten Jagdschneise.

Mein Bruder erzählt, wie sich der Adel vor 200 bis 300 Jahren das Wild auf eine Lichtung treiben ließ, um dort zu ballern, was das Zeug hielt.

Im inneren Ohr höre ich Hörner, die Geräusche brechendes Holzes und hetzender Hunde, aber die Wiesen liegen still.

Die Sonne allein richtet ihren Spot auf Einzelnes,

das plötzlich aus Grau, Grün hervortretend

auf einer Bühne steht.

Dieses Jahr geht mit ‘schwerer Fracht’ – oh ja……..

Summer in the City

On the road again – diesmal eine nächtliche Autofahrt mit meinem Bruder durch den Odenwald, den wir beide gut kennen – ein Jahr lang war unser Vater nach L. versetzt, um dort ein Schullandheim zu leiten. Es waren mit die schönsten Monate meiner Kindheit.

Später lebte mein Bruder noch einmal ein Jahr im ‘Wald’ – also mehr als genug Gesprächsstoff für eine nächtliche Tour.

Meine vierbeinige Freundin ist gewachsen und darf inzwischen den Garten untersuchen.

Wir sind im zweiten Corona-Sommer. Mich interessiert, wie sich dies in einer Stadt anfühlt.

Fast scheint es, als sei Corona gewesen,

wären da nicht die Testzentren an jeder zweiten Straßenecke.

Man betritt – wie auf dem Felsen – Innenräume mit Maske. Aber Abstandsregeln scheint es nicht mehr zu geben.

Doch, doch – es gibt sie, zum Beispiel bei der Anmeldung für einen Besuch im Krankenhaus oder im Café des Hofgutes. Also offensichtlich nur noch dort, wo sie durchgesetzt werden.

In der Stadtmitte darf man ohne Maske laufen. In den Cafés sitzen Menschen bei ihrem Latte oder Bier. Aber es herrscht nicht wirklich gute Stadtlaune.

Kein Wunder – die Ds. verzichten zum zweiten Mal auf das höchste ihrer Feiertage – das Heinerfest. Nur ein kleines Karussell erinnert traurig unter dem Reiterdenkmal daran,

dass sich gewöhnlich Anfang Juli an derselben Stelle unzählige Bier- und Fressbuden den Platz mit ihm teilen. Wo sonst der Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln mit Bratwurst- und Pommesfett eine eigenartige Melange eingehen, ist jetzt reichlich Platz zum Flanieren …

sogar soviel Platz, dass die Fotos einer Darmstädter Fotografin – Hilde Roth – großflächig ausgestellt werden können.

Das lohnt sich allerdings:

Welch ein Blick für die Gelegenheit und die Komposition, denke ich, während ich um die Banner herumgehe.

Ein Wägelchen erinnert an das Heinerfest. Dahinter findet sich ein Autoscooter. Aber es fehlt die Atmosphäre von halbstarker Pose und zuviel Deo – nur die Kurzen holen sich ihren Spaß.

In diesem Kino habe ich meine ersten Film gesehen – Dr. Schiwago. Das war nicht meine Wahl, ich war erst zehn. Meine Mutter brauchte wohl Begleitung, um einer alten Erinnerung nachzuhängen ;-).

Ich weiß nicht, warum es jetzt geschlossen ist. – Schade, aber es ist nicht das Einzige, das in D. schließt….

Nachdenklich blickt der alte erste Großherzog auf seine Stadt …

Im Herrngarten dann eine kurze Entladung von Krawall – ein Radfahrer kommt nicht schnell genug voran. Heftiges Klingeln und Gebrüll. Ein Fußgänger fühlt sich beiseite gedrängt. Man schimpft aufeinander ein. Der Radfahrer bleibt kurz stehen. Der Fußgänger läuft auf ihn zu – jetzt erstaunlich schnell, ohne seine verbale Kanonade zu unterbrechen. Als der Radfahrer wieder losfährt, rennt ihm der Fußgänger sogar noch hinterher, so wichtig ist ihm sein Recht auf ungestörtes Gehen. –

Man ist empfindlich geworden, achtet mehr auf das eigene als das Recht des anderen. Das beobachte ich.

Danach scheint alles wie zuvor –

Auch Goethe und Kant haben wieder Gesellschaft.

Am Abend – ein Spaziergang zum Watzebuckel, wo sich Jugendliche coronagerecht in kleinen Grüppchen versammelt haben. Na also, geht doch.

Der Mond versteckt sich hinter den Wolken, aber der Watzebuckel ist schon hoch genug, um einen Nachtstadtblick zu gewähren. Auch wir sitzen hier und philosophieren – und schweigen und genießen, bis es uns kalt wird.

Am nächsten Tag – die Gärten sind leer, kein Wunder, es tröpfelt ein bisschen. Mich hält das nicht davon ab, rauszugehen, aber in Süddeutschland gilt dies als schlechtes Wetter.

Also hat einer meiner Brüder ein tête-à-tête mit Karl – und wir später einen Kaffee auf dem Hofgut.

… Auf diese beiden Plakate stieß ich als erstes …großartig in dieser Kombi:

‘Schicksal, Verantwortung und der freie Wille’ – warum muss es immer eine Fanfare sein? – Über alle drei Begriffe ließe sich ein eigenes Kompendium schreiben. Welche Mauern sollen da niedertrompetet werden? –

‘Matchen. Chatten. Durchstarten.’ – dies klingt wie ‘Alles easy, Leute. Wir haben ein neues Normal, bald eine schöne neue Welt….’ – Und ja – wem soll die Last genommen werden, dass wir durch unseren Lebensstil zur Pandemie beigetragen haben? –

Nein, ist nicht alles easy, leider…… und nein, ihr Damen und Herren aus der Gralsbewegung, ihr mögt euch erleuchtet fühlen, aber ihr seid nicht raus: Ihr seid Teil dieser Welt, die auch euch Bedingungen setzt – und nur in Anerkennung dieser Tatsache kann der menschliche Wille frei sein – vielleicht ein wenig mehr Bescheidenheit? –

Und dazwischen hängen wir alle – zwischen Krisenbewusstsein und dem Wunsch, dass alles doch ganz leicht sein solle – wie früher….?

Sommerreise

Warum reist man? – Die Meisten würden sagen, um etwas anderes zu sehen, um sich zu entspannen. Einige wünschen sich Bildung , andere Unterhaltung – und wieder andere abhängen, Luxus und dolce vita.

Ich reise , seit ich auf dem Felsen wohne, um meine Leute zu sehen. Deshalb sind es immer wieder die gleichen Orte, an denen ich ankomme. Macht nichts, ich komme ja gerade von einem Platz, an dem andere Urlaub machen – und ich arbeite….

Ich möchte wieder das Watt von oben sehen, also entschließe ich mich zu fliegen. Aber es regnet, dann sieht die Welt von oben so aus.

Außerdem hat es den Vorteil, dass ich ausnahmsweise mal nur einen Tag zu meinem ersten Ziel brauche.

Ein Jahr lang bin ich nicht dort gewesen, das letzte Mal mit T. – Ja, es hat sich einiges verändert, aber nur Weniges.

Es ist ein eigensinniger Ort, eine Insel auf dem Festland,

bewohnt von Vier- und Zweibeinern.

Nebenan ein Fluss,

der Ende Juni eine grüne Wildnis ist.

Bevölkert von Urtieren,

geteilt durch einen lost place.

…. Hier träumen Menschen von der weiten, anderen Welt…..

… aber auch damit funktioniert das Träumen …..

Kaum zu glauben, dass keine 5 km entfernt sich eine Großstadt ausbreitet. Aber ich verbringe sieben Tage an diesem Platz, ohne das geringste Bedürfnis, die Stadt aufzusuchen. Ich lasse meine Seele wandern, lese, gehe spazieren, puhle zwischendurch Holunderbeeren, höre zu und habe öfter mal Tränen in den Augen.

Dann fahre ich weiter – Frankfurt.

Da habe ich mal eine Weile gewohnt. Hier rieb ich mich an der rotzigen Großstadt, lernte, wie man unterrichtet – und gründete eine Familie.

Als ich in meinen Twenties hierherkam, war ich abgestoßen und zugleich fasziniert von diesen Türmen, die wie in San Gimigiano den Einfluss der Quartierspatrizier anzeigen. 600 Jahre liegen dazwischen und kein Stück dazugelernt? –

Für mich sind seitdem fast 40 Jahre vergangen – mich gruselt diese Demonstration von Macht immer noch, obwohl ich eine Zeit lang in einem der Türme gearbeitet hatte.

Weiter über den Main nach Süddeutschland hinein …

Ich will in den Odenwald zu meinem Sohn und seiner Frau.

Welch ein Gegensatz: Man wohnt in einem großen Dorf, das durch sein Panorama mehr verspricht, als es bei einem Spaziergang später einlöst.

Der Garten soll noch werden,

ein kleiner Anfang ist gemacht.

Zeitreise

Es braucht keine komplizierten Zeitmaschinen, um in eine Vergangenheit einzutauchen. Manchmal reicht ein Lidschlag – zumindest bei mir – und es entsteht eine ferne Welt….

Hier bin ich aufgewachsen. Wir lebten zum Schluss zu sechst in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, Toilette auf dem Treppenabsatz, Ofenheizung. Das Treppenhaus roch nach Bohnerwachs. Wir wohnten unter dem Dach.

Meine Eltern schämten sich ihrer Armut. Deshalb gibt es kein Bild aus Kindertagen von diesem Haus. Wir waren dort die einzigen Kinder. Es wohnten hier – gefühlt – nur alte Leute, darunter unsere Nennoma.

Ich vermisste als Kind dort nichts – außer einer Lederhose und mehr elterlicher Liebe. Aber meine Eltern gehörten zu einer Generation, der das Lieben ausgetrieben worden war – ‘zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl …’. Sie kannten nur den ‘hohen Ton’ der Liebe, gewaltige Wortgebäude ohne Inhalt, nicht aber die tägliche Zärtlichkeit, die liebevolle Umarmung, den Kuss zum Abschied…. Hach ja!

Wir spielten auf der Straße. Der Hof war noch vollgebaut mit alten Verschlägen und oft hing dort die Wäsche zum Trocknen – also lernte ich auf der Straße Rollschuh fahren, Fahrrad fahren, auf dem Mäuerchen balanzieren.

Gummitwist mit Bruder und Mülltonne, das ging im Hof.

Diese Straße markierte zunächst die Grenze unseres Spielplatzes. Sie war damals – in der Zeit der autogerechten Stadt – eine vielbefahrene Durchgangsstraße.

Wir strolchten über Trümmergrundstücke, die für uns verwunschene Gärten waren. Wurden von den Nachbarn gejagt, wenn man uns erwischte. Später – da gingen wir schon in die Schule – büchsten wir aus und eroberten uns nach und nach die Stadt, am liebsten aber den Weg zum Wald. Dort wurden wir Indianer, schlichen durchs Unterholz, bauten Waldhütten aus alten Ästen um einen Stamm herum.

Zwei Kirchtürme überragten meine Kindheit. An dem einen lernte ich die Uhr zu lesen.

In die andere Kirche gingen wir jeden Sonntag.

Mit ca. 9 oder 10 Jahren schickte mich die Mutter zum Einkaufen in die Innenstadt. Ja, heute würde man das nicht mehr tun. Aber damals – mehrmals lief ich am Kantplatz beinahe in ein Auto. Ich erzählte mir immer Geschichten, wenn ich zum Einkaufen in die Stadt musste, hatte deshalb sozusagen zwei Bildschirme an, manchmal auch nur den meiner Geschichte.

Ich hatte Glück. Die Erwachsenen bremsten für mich.

Jetzt trinken dort junge Eltern und Studenten einen Latte, wenn nicht gerade ******* ist.

Der Laden, in dem wir ganz früher – noch bevor wir in die Schule gingen – einkauften, ist heute eine Kneipe.

Dort, wohin ich mit der Mutter zum Mangeln der Bettwäsche ging, findet man eine Hinterhofidylle.

Die Einheimischen nennen das Quartier liebevoll ‘Watzevertel‘. Hier befand sich der Stall des städtischen Ebers – des Watz -, der die Schweine zu bespringen hatte.

Den Faselstall gibt es noch. Einiges ist hier arrangiert – und neben Gabriele Wohmann wohnt Khalil Gibran.

An der Grenze zur Innenstadt steht ein Kongresszentrum. Man hat sich mit dem neuen Stil – ‘Neokonstruktivismus’ – nicht angefreundet – vielleicht doch zu neu konstruiert?

‘Scheppschachtel’ heißt es im Volksmund.

Aber man kann den Himmel über der Stadt fast anfassen.

Und schon Teil der Innenstadt ist die ‘Krone’. Ja, die Krone. Im Frühjahr 78 feierte ich hier meine Abiklausuren.

Ich bin hier nicht mehr zuhause. Ich habe nirgendwo Wurzeln geschlagen.

Und wenn meine Brüder nicht hier lebten, käme ich auch nicht zurück – trotz allen Charmes.

Reisen

“April, April”, flüstert mir der gemeine Wettergott zu und ich kann doch fahren.

Der Bahnhof in Cuxhaven ist das Tor in den Süden.

Naja, vielleicht ein wenig zu viel Ehre für einen Provinzbahnhof, der gerade aufgehübscht wird.

Nebenan entdecke ich einen Umschlagplatz aus besseren Tagen….

Bahn fährt zur Zeit nur, wer nicht anders kann – oder aus Überzeugung so reist.

Die Wagen sind halb leer. Man geht rücksichtsvoll und freundlich miteinander um.

Dennoch entwickelt die Bahn englische Angewohnheiten – jede Strecke, die ich nehme, wird diesmal zu einem Abenteuer: Verspätungen, technische Ausfälle – eine Übung in Gleichmut.

Die Bahnhöfe – während ich auf neue Anschlusszüge warte – sind leer wie mitten in der Nacht.

Meine erste Station ist das Hexenhaus.

Am nächsten Tag spazieren wir über den Campus der Ruhr-Uni. Vor 40 Jahren war ich schon einmal hier – wegen einer Tagung über …. ‘ich weiß nicht was’. Erkenne nur noch zwei heruntergerockte Gebäuderiegel wieder. – Der menschenleere Campus verstört und fasziniert mich zugleich.

Der Wald dagegen, den ich zwischendurch besuche, um wieder an die eine Buche zurückzukehren, nimmt uns freundlich auf.

Am Baum – ein Empfang, eine Wärme – wir sitzen und liegen neben ihm, schauen in Baumkronen – …..

dann kommt eine Frau mit E-bike, erschrickt ein wenig, als wir uns aufsetzen. “Ich besuche meinen Mann, um ihm das E-bike zu zeigen” und stellt es am Nachbarbaum ab. Sie packt Teeflasche und etwas Essen aus, setzt sich neben ‘ihren’ Baum, fängt an leise zu erzählen.

Ich freue mich – so hatte ich mir das gedacht. –

Ich hüpfe von Privatinsel zu Privatinsel – dazwischen leeres Land.

Auch D., meine nächste Station, wirkt wie eingefroren.

Dort, wo sonst Menschen im Café sitzen, müssen sich Kant und Goethe nun selbst unterhalten:

“Ei wo sinn se denn, de ganse Leit, Herr Kant?”-

“Herrr Geheimrrat, sie folgen dem kategorrischen Imperrativ.” –

Ansonsten gibt es Kunst am Baum:

So –

oder so –

In der Innenstadt muss Maske getragen werden

und das Impfzentrum ist unübersehbar ausgeschildert.

Bei einem Spaziergang abends entdecke ich dann doch ein wenig Leben – und ganz unkantisch folgt die Sehnsucht nach anderen Zweibeinern sich selbst.

Ich habe eine neue Freundin gewonnen – manchmal etwas kratzbürstig – aber mit Charakter.

Das ‘geile Fressi’ fällt durch – wenn Katzen lesen könnten ;-)

Mein Tor nach Norden – D. liegt günstig an der Nord-Süd-Achse der Bahn.

…. und dann, nach 26 Stunden unterwegs sein – zuhause.

Der Weg unter meinen Füßen

Anfang März war ich für eine Woche auf dem Festland.

Es ist keine Spaßreise wie sonst.

Wie sonst, wenn im Frühjahr der Zugvogel in mir erwacht und leise singt: “Lass’ mich ziehen! Lass’ mich fliegen!”

Diesmal habe ich etwas zu erledigen.

Der Felsen versinkt sofort hinter einer Nebelwand. Eine Kultschmonzette aus den 80ern, ‘The Mists of Avalon’, fällt mir wieder ein.

Ich kann gut alleine reisen. Aber es war schöner zu zweit. Ich denke an den Menschen, der mich geliebt hat – und die Dunsttröpfchen vermischen sich mit körpereigenem Salz.

Im Bahnhof von B. zieht die globalisierte Welt an mir vorbei.

Eine kleine blonde Frau fragt, ob der Zug nach D. wirklich fährt. Ich bejahe, suche die Abfahrtszeit noch einmal heraus. Sie erzählt, dass sie ihre Kinder seit Jahren zum ersten Mal sehen wird. Der Ex – und so: “….was Männer alles tun!” – Ich seufze verständnisvoll und denke: Hach, es gibt auch andere…..

Werden und Vergehen liegen nahe beieinander:

Die letzten Reste eines Menschen werden an ihren Platz gebracht und verabschiedet. Unter *******-Bedingungen wird dieser Anlass noch stiller. –

Ein Kindergeburtstag wird gefeiert. NEIIINNN- kein Kinderkontent !!!

Ein Einkauf führt uns zu einer Straße, die ihre letzten Bäume verloren hat. –

OH jaaa – es gibt sehr viel mehr Gründe zu trauern, als über einen persönlichen Verlust ….

z.B. den Zustand der Welt……

Und daneben liegt die pure Lust am Leben:

Auf der Rückfahrt – die letzte Etappe ist immer das Schiff. Zu zweit war es ein Fest: Tirili, tririla, wir fahren nach Hause.

Ich schließe die Tür auf. Die Wohnung ist nicht leer ….. angefüllt mit Atmosphäre.

Ich fühle mich zuhause aufgenommen.

Woanders

Wir waren mal woanders. Auf dem Festland, genauer gesagt.

Da waren wir seit fast einem Jahr nicht mehr. Ein wenig gezögert und überlegt haben wir schon, denn unter anderem haben wir den ganzen Pandemie-Alptraum bisher hier ausgesessen und das – spätestens seit der Öffnung für den Tourismus trügerische – Gefühl, hier sicherer zu sein, hat auch uns erfasst.

Deshalb fahren wir auch nicht wie sonst üblich mit dem Zug, sondern mieten einen Kleinwagen, der sich dann aus irgendwelchen logistischen Gründen in einen merkwürdig angeschwollenen und ausgebeulten Möchtegern-Geländewagen verwandelt hat.

Viele lange Straßen hat es, dieses Festland und viele LKWs, die man auf manchen Strecken eigentlich auf der rechten Spur aneinanderkoppeln könnte.

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Die Sommer-Open-Airs, die wir in den vergangenen Jahren besucht haben sind natürlich alle abgesagt (heul!). Aber irgendwann kommen wir dann doch an bei unseren Freunden und Familien.

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Die haben Häuser und Gärten, wie es sie auf der Insel nicht geben kann.

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Wahre Krempoli-Refugien voller alter Bauwagen, abgemeldeter Autos und allerhand anderem Zeugs.

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Während des Lockdowns ist noch so einiges hinzugekommen. Baumhäuser aus Garagen-Sperrmüll zum Beispiel.

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Es gibt Kinderwagen, die sehr praktisch beim Bierholen sind und, ähhh…

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…Gothic-Tomaten…

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…oder submissiv-willenlose Katzen (ja, endlich mal wieder Katzencontent!).

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Andere Menschen haben kleine Kinder, die sich schneller bewegen, als eine Kamera knipsen kann und mit denen wir in den wieder geöffneten Tiergarten gehen. Das Aquarienhaus finden sie am besten.

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Lustig aussehende Unterwasserwesen gibt es da.

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Bei anderen müssen wir gleich weitergehen. Brrr.

Und dann gibt es natürlich auch Städte.

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Manches ist absurd und manches rätselhaft.

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Bin nur ich das oder müsst ihr euch auch gleich eine Geschichte dazu ausdenken?

Städte sind traditionell Orte, an denen man gerne seine Mitmenschen behandelt wie Verkehrshindernisse oder sich sonstwie danebenbenimmt, weil man ja gleich wieder in der Menge verschwinden kann. Das kann den Gang durch die Fußgängerzone für einen Insulaner zu einer Art Slalomlauf machen. Oft scheint es mir, dass die Leute die Achtsamkeit einfach leid haben und nun versuchen, die Pandemie zu Tode zu ignorieren. Ich habe Zweifel, dass das funtkionieren wird.

Drei Wochen reisen wir so von einem Gästebett zum anderen. Und dann heißt es wieder zurückfahren. Der Mietwagen hat diesmal eine noch lächerlichere SUV-Schwellung erlitten. “Ist ein kostenfreies Upgrade”, meint der Mensch von der Autovermietung ganz stolz und um ihn nicht zu beleidigen, sagen wir brav “danke”.

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Als wir in Cuxhaven ankommen, ist die Temperatur gleich mal um zwölf Grad gefallen. Willkommen im Norden.

Die Rückfahrt ist längst nicht so abenteuerlich wie die Hinfahrt vor drei Wochen, aber manche Passagiere sind trotzdem anderer Meinung.

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Und da sind wir dann wieder. Ohh, ahhh, das wunderbare eigene Bett!

Für ein paar Tage lang werden wir die bunte Vielfalt auf dem Festland vermissen.

Anderes ist aber tröstlich, zum Beispiel die bei uns vergleichsweise hohe Hygiene-Disziplin und Rücksichtnahme. Die Inselgemeinschaft mag manchmal spießig und beengend erscheinen, aber auf der anderen Seite ist hier niemand “Niemand”. Jede(r) hat einen Namen und eine Geschichte.

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Und bei der Nachbarin gibt es wieder “Segen to go”. In pessimistischen Augenblicken denke ich, dass wir den bald noch dringend brauchen werden.