Wieder zu Hause

Die Reise zur Fusion war voller kurioser Erlebnisse und Kulturschocks, die gewissermaßen bei der Ermittlung des eigenen Lebensmittelpunktes hilfreich sind. In der terrestrischen Navigation muß man sich auch ein wenig auf dem Erdball hin- und herbewegen, dann kann man durch Winkelmessung und Kreuzpeilung herausfinden, wo man sich eigentlich befindet.

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Leider ist Berichterstattung über das Festival durch die Veranstalter und die meisten Teilnehmer generell unerwünscht, ein Standpunkt, den ich zwar in seiner Pauschalität unsinnig finde, aber dennoch respektiere.

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Inzwischen bin ich wieder auf den Felsen zurückgekehrt. Alles ist wieder ganz normal und alltäglich. Nach Feierabend am Strand sitzen, den Robben zukucken und G.’s Gitarrengeklimper lauschen.

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Ob ich wohl glücklicher wäre, wenn ich in Hamburg oder Berlin leben würde?

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Ich habe meine Zweifel.

The Big Sky

Ok, ich gebe es zu, ich höre immer noch Musik von Kate Bush. Manche Überhipster lächeln jetzt mitleidig: Oh, Chartpop. Die dürfen jetzt alle mal ein Eis essen gehen.

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Ich bin solange am Südhafen, mache den Hans-Guck-in-die-Luft und höre “The Big Sky/Meteorological Mix“. Laut. (Mein Telefon warnt mich, daß ich die Lautstärke auf potentiell gesundheitsgefährdende Dröhnung gestellt habe. Danke, liebes Betriebssystem!)

Manchmal denke ich, ich sollte aufhören, diese Wolkenbilder zu posten. Irgendwie sehen die ja immer gleich aus. Das liegt aber nicht an den Wolken. Nix gegen eure superduper 8k-Bildschirme, aber eigentlich bräuchte man eine mittelgroße Kathedrale und einen waffenscheinpflichtigen Beamer, um sich das mal richtig vorstellen zu können. Und Video, weil dieses Bild stetig an einem vorbeizieht wie eine zum Buddhismus konvertierte Laufschrift. Und 3D. (Und, hm, Möwenschiet am Schuh ;-)

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“That cloud looks just like the tree at the bottom of our garden”
“That cloud looks like a little lamb with a tail”
“That cloud looks Commulus Castellus”
“That cloud is nothing but trouble”
“This cloud looks like hmmmm, one of those things hmmm, you know”
“That cloud looks like one of those brown shiney things”
“That cloud looks like snow”
“No it doesn’t”
“This cloud looks like rain”
[general background discussion]
“Order! This cloud should be removed immediately”
“That cloud looks like industrial waste”

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No, it doesn’t.

Ein Jahr

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Tja, es ist soweit. Heute ist es ein Jahr her, daß ich auf den Felsen gezogen bin. Da war auch gerade Nordseewoche, jeden Tag kamen 2.000 schick gemachte Hamburger herüber und ich wußte zwar, daß das im Winter wohl anders sein würde, aber ansonsten wußte ich noch ziemlich wenig.

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Dann kam ein langer warmer Sommer und ein ebenso langer verregneter Winter. Zum Glück lese ich gern und viel, denn sonst hätte ich mir wahrscheinlich eine Katze zulegen müssen.

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Nichts gegen Katzen an sich, aber die Eßgewohnheiten sind mir dann doch etwas zu… fischig.

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Ein paar Freunde habe ich gewonnen. Naja, drei. Das ist schon ein ganz guter Wert. Ich habe gelernt, mit einer Population von ein paar hundert Menschen klarzukommen, aus denen ich mir meine Freunde und Bekannten aussuchen kann. Da darf man nicht so extrem pingelig sein. Auch was die eingebauten Nachteile und Widersprüche des Dorflebens angeht, speziell wenn dieses Dorf im Winter eine ziemlich reduzierte Verkehrsanbindung zum nächsten Dorf hat. Da kommt die Fähre nur noch alle zwei Tage, die Hälfte aller Geschäfte und Kneipen ist für Monate verbarrikadiert und wenn es ein paar Tage stürmt, leeren sich auch sichtbar die Regale für Obst und Gemüse im Supermarkt.

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Und ich habe gelernt, die Windstärke am Heulen und Pfeifen zu erkennen, mit dem der Wind um den Sendemast weht.

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Dreimal war ich jeweils für ein paar Tage auf dem Festland, um dort alte Freunde wieder zu sehen. Das war schön und teilweise verwirrend, weil ich den subkulturellen Wirrwarr und die hohe Sprechgeschwindigkeit auf Festlandsparties irgendwie nicht mehr gewöhnt bin ;-).

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Irgendwie war das auch faszinierend, aber sonst gab es nicht viel, das mich hätte halten können, am wenigsten in den Städten. Die sind unglaublich bunt, vielfältig, vermüllt und voll. Überall verstellt etwas von Menschen gemachtes den Blick und man vertrödelt viel Lebenszeit und Geld in Staus und U-Bahnen. Hier dagegen eher mit Herumsitzen am Klippenrand und Betrachten des Horizontes.

Nach dem hundertsten Photo von der leeren Nordsee fragen dann die ersten Freunde, ob es nicht noch was Anderes gibt außer Himmel und Meer. Na ja, schon. Aber das ist einfach Teil meines Alltags und ein Photo kann eben nur in seltenen Glücksfällen vermitteln, wie sich dieser Augenblick angefühlt hat.

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Jetzt ist aber Frühling, die Urlaubs- und Feriensaison hat begonnen und nach dem langen stillen Winter kommt mir das Wort “Gedränge” in den Sinn, wenn die Besucher nach der Ankunft unter meinem Fenster entlang vom Hafen in Richtung Dorf pilgern. In der Fußgängerzone von Bottrop ist natürlich an einem beliebigen Dienstagmorgen mehr los ;-).

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Aber das ist halt Alles relativ.

Habe ich den Umzug bereut? Nö.

Bleibe ich hier? Ja.

Gebt mir einen Grund, mich anders zu entscheiden.

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Ich finde keinen.

Klein

Die Überfahrt mit der Fähre war weitgehend unproblematisch, nur auf dem Klo war erhöhte Aufmerksamkeit angesagt. Das befindet sich nämlich im Vorschiff und da rummst es am meisten ;-).

Seit einer Woche bin ich wieder zurück auf dem Felsen und der umgekehrte Kulturschock hat schon wieder nachgelassen. Nur als ich vom Hafen in Richtung Dorf lief, schienen mir plötzlich alle Häuser seltsam groß geworden zu sein. Ich blinzelte ein paar mal und dachte: Ich habe mich in den Städten wohl wieder daran gewöhnt, zwischen Häusern stets ein Zwerg zu sein.

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Ein Sturm ist aufgezogen. Morgen ist der dritte Tag ohne Schiffsverbindung. Ich gehe zur Westmole, sehe den Wellen zu, wie sie gegen die Vier-Meter-Tetrapoden anrollen und bin wieder klein.

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Aber anders.

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OFD 71

Der Flughafen Helgoland ist ein relativ ruhiger Ort, für einen Flughafen um so mehr. Am S-Bahnhof Gelsenkirchen-Nord ist meistens mehr los.

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Normalerweise habe ich da nichts zu suchen, heute aber warte ich auf mein Flugzeug. In den nächsten drei Wochen bin ich auf dem Festland, um ein paar alte Freunde wiederzusehen und Recherchen für meine Arbeit im kommenden Sommer zu betreiben.

Der Anflug auf die Helgoländer Piste ist nichts für Anfänger und setzt eine gesonderte Lizenz voraus, denn die Bahn ist nur 480 Meter lang. Und da kommt schon Flug 71 des Ostfriesischen Flug-Dienst, die ‘Emden’.

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Das Boarding ist schnell erledigt: Man stapelt sein Gerümpel auf eine Gepäckkarre und stopft es durch die Ladeklappe in den Stauraum hinter den Sitzen. Dann fädelt man sich nach und nach in die sechs Sitzplätze für die Fluggäste ein. Die Kabine einer Britten-Norman Islander kann man sich ungefähr so vorstellen wie die Stretch-Limo-Version eines klassischen VW-Käfers.

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Es gibt zwar kein Bordkino, aber auch so gibt es genug zu sehen.

Der Käpten schwingt sich in den Pilotensitz und beginnt die Pre-Flight-Prozedur: “Moin moin, herzlich willkommen an Bord. Schwimmwesten sind unter den Sitzen und in 20 Minuten sind wir in Bremerhaven. Oder 25 und dann paßt das.”

(Irgendwie finde ich das beruhigender als das Bordbegleiter-Gehampel in den diversen Airbussen.)

Dann startet er die Motoren, und dreht die Nase der ‘Emden’ Richtung Nordwest.

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Es wird ein wenig laut und das Ende der Startbahn ist prima zu erkennen. Der Strandhafer in den Dünen wiegt sich pittoresk im Wind und kommt immer näher, dann gibt es einen kleinen Ruck und wir sind in der Luft. Eine Großfamilie von Kegelrobben schaut zu uns rauf und formuliert schon mal einen Beschwerdebrief an die Gemeindeverwaltung.

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Dann: Wasser. Nordsee. Meer. Mehr Meer.

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Eine Viertelstunde später kommt schon das Festland in Sicht. Ich habe seit sieben Monaten nicht mehr soviel trockenes Land gesehen.

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Der Containerhafen in Bremerhaven sieht aus wie Goliaths Legokiste.

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Es wackelt ein bißchen, dann setzt die ‘Emden’ mit einem sanften Plumps auf.

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Das Entladen verläuft ähnlich zwanglos wie das Boarding. Heute will auch niemand wissen, wieviel zollfreie Schprittuosen wir dabei haben.

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Vor dem Flughafengebäude gehe ich am Taxistand vorbei und sehe mich um. Komisch siehts hier aus. Landstraße. Begrenzungspfosten. Autos. Überall Festland.

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Ich laufe die fünf Kilometer zum Bahnhof zu Fuß.

Diese andere Insel

Vielen Dank, ihr Lieben! Natürlich kommt an Helgoland nix heran in Sachen Inseligkeit, aber trotzdem ging hier im Postschließfach kurz mal die Sonne auf…

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Verglichen mit Helgoland ist La Gomera allerdings schon ein kleiner Kontinent, fast 190 (huch!) mal so groß. Das Wetter ist etwas entspannter, man übernachtet günstig am Strand oder unter Bananenstauden und die Autobusse heißen Guagua’s und halten auch auf freier Strecke, wenn man den Daumen raushält… Ach je…

Ein elektrisches Müllabfuhr-Auto haben Sie da aber nicht. Ha!

Endlos

Es gibt hier nicht so viel Terminstreß. Besonders im Winter ticken die Uhren eher im Stunden- als Minutentakt.

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Warum auch anders? In der vergangenen Woche kam kein Fährschiff und der Inselfrachter lag fünf Tage hier fest, weil die Rückfahrt zu riskant war. Bei 1.000 verbliebenen Einwohnern sehe ich auf dem Weg zum Supermarkt mit Sicherheit keine anderen Menschen als gestern. Oder vorgestern oder letzte Woche.

Abgeschiedenheit? Klaustrophobie? Inselkoller? Geh zum Westufer und denke: Endlos.

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Natürlich ist das eine Illusion, erzeugt durch die Tatsache, daß die Erde eine Kugel ist. Es sind nur 70 Kilometer bis zur nächsten Pommesbude.

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