Wolken wandern über den Himmel ….

wie Seelen über die Zeit. So ähnlich – ist dies ein Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme.

Definitiv ein Lieblingsfilm, denn ich bin nicht so oft bereit, einen Film drei-, vier-, fünfmal zu sehen.

Er heißt ‘Cloud atlas‘. Seine Themen sind ……Liebe und Tod, Gemeinheit und Gewalt in einer räuberischen Welt, ihre Rettung durch Güte und Überwindung von Unterdrückung.

Was das mit Helgoland zu tun hat? – Nichts – und alles.

Schaut hin,

hört zu…….

und genießt.

…und es lohnt sich auch den Roman zu lesen ;-)

Ausgebremst

Noch am letzten Wochenende sah hier alles nach langsamem Saisonbeginn aus.

Blockierbänder waren abgeräumt.

Man traf sich zum Kaffeeplausch.

Pustekuchen – das neue Infektionsschutzgesetz – auch ‘Notbremse’ genannt – gilt auch für Helgoland.

Zwar haben wir – toitoitoi – eine Nullinzidenz, aber wir unterliegen den Bundesbestimmungen. Zum ersten Mal lernen wir Ausgangssperren kennen.

Geschäfte, die nichts unmittelbar Lebensnotwendiges anbieten, bleiben weiterhin zu. Die gesamte Gastronomie wartet – wie schon die ganze Zeit.

Die Schule ist in den Wechselunterricht für die Gemeinschaftsschule gegangen.

Nein Leute, das bedeutet für meine Zunft nicht weniger, sondern deutlich mehr Arbeit!

Über den Felsen senkt sich ein Lebensgefühl, das sich wie Mehltau anfühlt – als ob die Poren nach und nach verstopft würden.

Ja – ihr Festländer kennt das Gefühl wahrscheinlich schon länger. In der Zeitung las ich diese Woche einen neuen Ausdruck dafür: languishing.

Dabei – die Natur gibt hier gerade alles – wie jedes Jahr, wenn der kalte Wind nachlässt und der Felsen anfängt Wärme zu speichern.

Die Heidschnucken führen ihren Kindergarten aus.

Die Basstölpel feiern ‘Nestparty’. Manche brüten schon und für den Partner heißt es dann: ‘Stand by my side, sweetheart!’

Oder: ‘Ich habe dir etwas mitgebracht, chérie!’ –

Beieinander stehen – ja – das bleibt wichtig.

Die Kinder haben es begriffen:

Voran spaddelt eine Seejungfrau –

vielleicht Fee Galaktika? –

Ach – ich möchte fliegen können .

Ins Blaue hinein

Vorgestern erhielt ich eine Nachricht von Freunden auf dem Festland. Das Foto zeigt sie in ihrem VW-Bus mit einem irgendwie manischen Grinsen auf dem Weg an die Ostsee (und es ist schade, dass ich das Bild hier nicht zeigen kann, aber hey, Privatsphäre ;-). Ich habe ihnen dann erstmal die passende Reisemusik geschickt.

Ich glaube, da ging mir der Ausdruck “ins Blaue” durch den Kopf. So sagt man ja manchmal, wenn man irgendetwas beginnt, ohne genau zu wissen, wohin es führt.

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Manchmal ist es aber ganz wörtlich wahr.

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Seit zwei Wochen haben wir wieder Gäste auf dem Felsen. Gerade rechtzeitig, damit die Besucher erleben können, wie hier die Natur für den kurzen Inselsommer geradezu explodiert.

Bisher ist anscheinend alles gutgegangen.

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Nach wie vor gibt es einige Vorsichtsmaßnahmen. Die Schiffe nehmen nur die Hälfte der möglichen Passagierzahl mit und die Zahl der Tagesgäste, die lediglich zum Duty-Free-Shoppen kommen, ist auf 100 pro Reederei beschränkt.

Und doch wird ein Gang durch das Unterland zwischen 12 und 16 Uhr wieder zu einer Art Slalomlauf. Das ist eigentlich nichts Neues, denn nicht nur in diesem Sommer bringen manche Besucher ihre Manieren vom Festland mit.

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Zum Beispiel den unerschütterlichen Kollisionskurs bei der Einkaufstour (stampf-stampf-ich-seh-dich-nicht-an-weich-du-gefälligst-aus). Das kann man ärgerlich oder lustig finden, aber zur Zeit macht der Insulaner da lieber einen etwas größeren Bogen. (Und das ist natürlich nur ein Symbolfoto, weil – schon wieder – Privatsphäre…)

Ich drehe eine Runde im Oberland und als ich Richtung Westen übers Meer schaue, denke ich: Hm, irgendwie liegen da viel zuviele Frachter auf der Außenreede.

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Ach so, ja, die Frachtschifffahrt ist ja ähnlich lahmgelegt wie die Flotten der Kreuzfahrtschiffe.

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Neulich saßen Fe und ich da und aus dem Radio plätscherten die Nachrichten von der Neuen Lockerheit (sorry) hierzulande und Gegenteiliges aus den Regionen, in denen das Desaster immer noch unvermindert fortschreitet. Und wir haben uns gefragt, ob wir mit unserer zögerlichen Erleichterung jetzt irgendwie traumatisiert sind oder sonstwie eine Dauermeise erlitten haben.

Oder ob wir alle eine Reise ins Blaue machen.

An der Aade

Gestern hat die Sommersaison offiziell wieder begonnen und in den vergangenen Tagen galt es noch eine ganze Menge Vorbereitungen in letzter Minute zu treffen. Ich merke, dass ich entweder ganz schön verwöhnt bin von der Helgoländer Gangart – oder einfach zwanzig Jahre älter als damals, als gelegentliche Schübe von Holterdipolter im Berufsleben viel normaler erschienen und manchmal sogar richtig toll.

Irgendwie ist dann doch noch alles rechtzeitig fertig geworden und gut über die Bühne gegangen. Und heute fahre ich mit Fe, die zu Besuch hier ist, zur Düne hinüber. 

Morgens schien noch die Sonne und meine Glatze strahlt in lustigem Rot. Ich muss nämlich allmählich aufhören, die sonst allgegenwärtige Mütze zu tragen. Sonst kann ich die den ganzen Sommer nicht mehr abnehmen wegen des Helgoländer Bikinistreifens. Der verläuft allerdings so eher in Höhe der Augenbrauen und aufwärts ;-) .

Inzwischen hat sich der Himmel wieder zugezogen und alles erstrahlt Grau in Grau. Im Ernst. Wahrscheinlich kann man das garnicht fotografieren. Auf den ersten Blick sieht alles grau aus. Aber anders, von innen heraus leuchtend. Ist wie HDR hier , nur ohne HDR, hat mir mal ein Fotograf gesagt. Was immer das bedeuten mag.

Ansonsten passiert erstmal nicht soviel. 

An der Aade setzen wir uns an den groben Kiesstrand, dort, wo die Stürme der vergangenen zehn, zwanzig Jahre auf der Ostseite den Sandstrand fortgerissen haben. 

Die Wellen klingen hier ganz anders, mehr so Ssss-ploff als Rausch-rausch.

Wir gucken und reden und reden und gucken und eine Weile lang passiert wieder nicht viel. 

Dann kriegen wir Besuch.

Normalerweise kommen die Robben nicht an die Aade. Würde ich auch nicht, wenn ich mit dem Bauch über den Strandkies hoppeln müsste.

Aber das hier ist wohl eine Robben-Teeniebratze und Mama hat das schon tau-send-mal erklärt, dass man nicht an die Aade gehen soll. Pah!

Eigentlich gilt die Regel, dass man weggehen soll, wenn die Robben aus Neugier näher kommen. Aber bevor wir unseren Krempel einsammeln können, ist die Bratze schon wieder abgebogen und in den Dünen verschwunden. 

Dann sind wir wohl kurz eingenickt am Strand. Als wir aufwachen, ist es ganz schön frisch geworden und fröstelnd gehen wir am Südstrand zurück zur Fähre.

Was wir geredet haben? Ach je, das Licht, das Wetter, das Kommen und Gehen des Lebens und der Liebe, ob es grausam ist, einem Atheisten zu sagen, dass man den Tod nicht fürchtet. Strandzeugs halt.

Tagein, tagaus

Mein dritter Sommer auf dem Felsen geht zu Ende, der Planet dreht sich, es wird hell, es wird dunkel. 

Der Sommer ist vorbei, die ersten Wolkenfestungen türmen sich am Himmel auf und selbst der blaue Himmel ist anders als vor ein paar Wochen.

Die ersten Boote werden an Land geholt und die Frachter kommen nur noch einmal im Monat anstatt einmal pro Woche.

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Auch am Lummenfelsen ist es ruhig geworden, aber dafür sind Scharen von Zugvögeln zu Gast. Und die Menschen, die hierher kommen, um sie zu beobachten. 

An der Westklippe stehen zwei Menschen, schauen übers Meer und schmieden Pläne für die Zukunft. 

Und fürs Abendessen ;-) .

Verlustmeldung

Spät abends auf das blinkende Mobiltelefon geschaut. Nachricht gelesen. Nicht verstanden. Nicht verstehen gewollt. Es ist wie der Augenblick, in dem ich mich in den Finger schneide, auf die Verletzung schaue und ungläubig darauf warte, dass der Schmerz kommt.

Ihr Bruder hatte mir vor einigen Wochen erzählt, dass sie schwer erkrankt ist. Trotzdem geht es nicht in meinen Kopf hinein.

Es ist über dreißig Jahre her, dass wir ein Paar waren. Von ihr habe ich gelernt, was ich in diesem Leben wirklich erreichen will.

Ich kann nicht mehr schlafen und gehe in den Südhafen, fotografiere den Sonnenaufgang. Sollte ich nicht warten bis zum Sonnenuntergang?

Nein.

Gernegroß

Als ich noch klein war, kam ich mir groß vor. Ein verständlicher Irrtum, denn mit vierzehn Jahren war ich schon einen Meter achtzig lang, aber mein Leben war noch ziemlich kurz. Und ich las dicke Bücher, von Huxley und Nietzsche, Frisch und Dürrenmatt, weil ich dachte, dann ginge es schneller.

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Inzwischen sind nur noch wenige Zentimeter dazugekommen, aber eine Menge Jahre. Und ich weiß, wie klein ich in Wirklichkeit bin (zwischen den Häusern der Städte war ich nie klein, nur mickrig ;-) .

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Eines Tages werde ich wirklich groß sein, so groß wie die ganze Welt. So groß, daß ihr mich nicht mehr sehen könnt.

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Das sollte euch dann bitte nicht traurig machen.