Drinnen und Draußen

Geschätzte sechs Wochen sind es nun, seitdem wir mehr oder weniger verbindlich zum Stubenhocken ermutigt, aufgefordert oder gar verdonnert sind (letzteres eher im Ausland).

Fe und ich sind sowieso begnadete Stubenhocker und unsere Ausflüge sind inselbedingt meistens auf die Ausmaße des Felsens beschränkt. Selbst bei allem Ehrgeiz kann man nicht mehr als zwei Kilometer zurücklegen, ohne wieder an irgendeiner Wasserkante zu stehen. Sollte also keinen großen Unterschied ausmachen.

Trotzdem fühlt es sich wie ein Unterschied an. Es ist so, als säße ich unten am Siemensplatz vor einer superduper Pizza Quattro Formaggio und dann sagt der Kellner streng: “Die musst du jetzt aber ganz aufessen!”

Stubenhocker hin, Lockdown her, Lummenfelsen geht natürlich immer.

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Auf der Westseite wird schon eifrig bebrütet.

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Gegenüber auf der Ostseite wird das Grünzeug für den Nestbau geerntet.

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Nachmittags nach dem Einkaufen sitze ich dann an der Landungsbrücke und schaue auf die verlassenen Hotels. Sieht aus wie im Winter, nur ohne Sturm. Ganz normal. Aber es ist Ende April.

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Kein Schiff auf der Binnenreede, nur ab und zu ein einsamer Crew Transport der Windkraft-Techniker.

Selbst der Himmel über Helgoland ist anders. Der Felsen liegt unter den Flugrouten von Amsterdam und London in Richtung Skandinavien.

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Zur Zeit ist ein Kondensstreifen am Himmel jedoch eine kleine Sensation. Damit könnte ich eigentlich leben, wenn ich nicht wüsste, dass viele Menschen, die für Fluglinien oder Flughäfen arbeiten, jetzt kaum noch ein und aus wissen.

Vielen Insulanern geht es ähnlich, weil die Pläne der Gemeindeverwaltung vorsehen, den Inseltourismus nur seeehr vorsichtig und stufenweise wieder zuzulassen. Insel-Ökologien sind fragil.

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Manche nehmen es mit Galgenhumor wie einer unserer Nachbarn.

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Und es gibt ja auch gute Nachrichten. Die Inselbücherei hat wieder geöffnet. Nur… anders.

Ich schicke der Bibliothekarin vorab eine SMS: “Erschrick bitte nicht, wenn ich mit einem Schal im Gesicht vor der Tür stehe.” Sie antwortet: “Erschrick du bitte nicht, wenn ich mit einer Maske im Gesicht am Schreibtisch sitze ;-) .”

Dann stehen wir da und können uns ein albernes Kichern nicht verkneifen. Es ist ein wenig, als würde man sich unvorbereitet auf einer Party mit albernen Hütchen auf dem Kopf begegnen. Lachen mit Vermummung ist übrigens schwierig. Das bringt alles ins Rutschen.

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(Nein, dieses, ähhh, hübsche Foto stammt nicht aus der Bücherei, sondern von einer lustigen Hochzeitsfeier vor etwa eineinhalb Jahren.)

Davon abgesehen gibt es aber einen äußerst unalbernen und sinnvollen Plan. Wer selber in den Bücherregalen stöbern will, bekommt Einmalhandschuhe und zurückgegebene Bücher kommen mindestens 24 Stunden lang in Quarantäne.

Es hat sich nämlich herausgestellt, dass die vermaledeiten Viren – entgegen allem, was man vermuten würde – auf Papier wesentlich kürzer überleben als auf Metall oder Plastik. Noch nie fand ich es so sympathisch, dass jemand Bücher nicht mag.

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Eines der neuen Bücher stammt von unserer Pastorin. Super Lesestoff und für mich voller Aaach-ich-dachte-so-was-passiert-nur-mir-Erlebnisse.

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Da wir nur wenige Meter von der Kirche entfernt wohnen, laufe ich beim Einkaufen immer an ihrem Haus vorbei. Nach Gottesdienst als Livestream und Segen per Straßenkreide gibt es jetzt auch Segen-to-go zum Selberpflücken. Man muss sich halt was einfallen lassen mit dem Verkündigungsauftrag auf Distanz.

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Ich bin zwar ganz schön religiös aufgezogen worden (Geschmacksrichtung Katholik), aber seit gut vierzig Jahren habe ich keinen Segen mehr empfangen. Jetzt hängt er bei uns am Wohnzimmerschrank zwischen allerlei profanen Erinnerungsstücken. Thanks, Reverend ;-) .

flyer silvester 2019

Mein Blick fällt auf die Einladungskarte, die ich vor ein paar Monaten für die Silvesterparty der Hexenhausbande auf dem Festland gezeichnet habe. Kurz überlege ich, ob ich nicht ein neues Bild malen sollte, so à la “Liebes 2019, komm bitte bitte wieder zurück! So sch…. warst du ja gar nicht!”

Aber das ergibt natürlich keinen Sinn. Mein Gefühl sagt mir, dass es so oder so gekündigt hätte. Vielleicht sollte ich mal 2016 anrufen. Oder 1995.

So sieht’s aus

Nachrichten vom Festland, die Guten zuerst:

Die Kiste mit den Büchern aus Österreich ist angekommen und ich bin jetzt stolzer Besitzer der fantastischen, komplett neu übersetzten und bearbeiteten Werkausgabe von James Tiptree, Jr. Sehr sehr gute Arbeit, liebe Leute vom Septime-Verlag!

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Dann ist da aber mein alter Freund aus der Achtziger-WG, wie ich von den Jahrzehnten geschüttelt und gerührt, er jedoch nahezu unzerstörbar. Seit Jahren mache ich mir weniger Gedanken um ihn, denn ich weiß, daß er nun endlich bei der Frau-für-immer angekommen ist.

Telefon: Seit vorgestern ist er Witwer. Und ich Esel renne immer noch hier herum und verschleiße Sauerstoff.

Was soll das?, schreie ich an der Westklippe in den Wind.

Dieses selbstzerstörerische Aufbegehren wie damals, als zum ersten Mal einer zu früh starb. Ich dachte, ich hätte dazugelernt.

Nord-Ost

Meistens kommt der Sturm hier aus Südwesten (der Südwester hat seinen Namen nicht von ungefähr). Auch das Dorf ist so gebaut, daß es dem Wind – so gut es geht – den Rücken zuwendet.

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Dann wird es für kurze Zeit ganz still und das Licht ist seltsam.

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Am nächsten Tag Nord-Ost-Wind, wahlweise aus Norwegen, Grönland oder Island. Brrr. Und der drückt nicht gegen das Küchenfenster, sondern gegen mein Schlafzimmerfenster. Irgendwann ab Windstärke acht geben dann die Dichtungen nach und es wird Zeit, Handtücher auf die Fensterbank zu legen.

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Keine Schiffsverbindung, keine Gäste und ich lese Strindbergs Aus meinem Leben. Ein bißchen skandinavische Schwermut ist ja ganz ok bei diesem Wetter, aber irgendwie hackt er mir zuviel auf seiner Frau herum (die er kurz zuvor etwas holterdipolter hier auf dem Felsen geheiratet hatte). Bastele stattdessen an ein paar Freifunk-Routern herum.

So geht das ein paar Tage, bis dann eines Morgens der Himmel aufreißt und sagt: Was denn? Ich tu doch garnichts.

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Ein Arbeitskollege kommt aus dem Urlaub zurück, erzählt von schwer bewaffneten Polizisten am Bahnhof und daß seine Tasche im Zug zwischen Hamburg und Bremerhaven dreimal durchsucht wurde.

An der Frachthalle gegenüber vom Zollamt die ersten Anzeichen von Weihnachtsbeleuchtung. Ach nee.

Kein Weg zurück

Seit drei Tagen Sturm, keine Schiffe und auch die Inselflieger haben alle Flüge abgesagt.

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Am Himmel ziehen Wolkenschlösser vorbei, die von Graf Dracula entworfen sein könnten.

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Auf dem Weg zum Südhafen gehe ich in den Sailor’s Shop und kaufe ein Handbier. Im Radio läuft gerade “Kein Weg zurück” von Wolfsheim. Einer der seltenen Augenblicke, in denen der Dudelfunk die passende Musik spielt.

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In der Hafenstraße warten die Baracken gegenüber der Feuerwehr immer noch auf ihre Gentrifizierung.

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Dann gehe ich nach Hause, liege auf dem Bett und lese meinen Kropatscheck weiter.

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Und ich weiß wieder: Wir sind alle Glückskinder, Wolfsheim-Musik hin oder her.

Nordsee is’ Schalke, Ostsee is’ Borussia

An der Nordsee gilt Ostsee-Bashing teilweise als legitimer Zeitvertreib, wenn einem sonst kein Gesprächsthema einfällt. “Mittelgroße Pfütze mit rudimentärem Salzgehalt und Tidenhub”. Haha, witzig.

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Trotzdem bin ich nach Kiel rübergefahren, um mich mit Freunden zu treffen und mir das mal näher anzusehen.

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Tatsächlich sieht es am Ostseestrand etwas anders aus.

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Durch die schwach ausgeprägten Gezeiten ist der Abstand zwischen Wasser- und Baumlinie sehr schmal. Überhaupt macht die Ostsee an vielen Tagen einen wirklich sehr stillen Eindruck.

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In den Ferienorten ist dafür um so mehr los. Ein wildes Gewimmel von Urlaubern, Pommes- und Eisbuden überall und seit ich-weiß-nicht-wie-lange war ich mit meinen Leuten Mini-Golf spielen.

Und überhaupt, Land, Land, Land! Wieviel Land es gibt!

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Und nun bin ich wieder zurück und das Wetter übt schon mal für den Herbst.

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Macht nix, die Bibliothekarin hat Bescheid gesagt, daß der neue Haruki Murakami-Roman angekommen ist, nach dem ich gefragt hatte.

Hamburg

Eine Helgoländer Familie hat mir Einblick in ihr Familienarchiv gewährt.

In einem ganz alltäglichen Büroraum voller ganz alltäglicher Baumarktregale stapeln sich Bücher und Ordner voller Briefe und Zeitungsausschnitte. Die Hälfte davon ist älter als ich. Zwischen den Schriftstücken liegt in einem Regal eine Männerarmbanduhr, deren Glas und Gehäuse in Jahrzehnten zu einem gleichmäßigen Matt abgetragen wurde.

Abends fahre ich zurück ins Hotel. S-Bahn, alle starren auf ihre Smartphones. Irgendwie erinnert mich das an die Szenen in der Monorail in Fahrenheit 451.

Draußen zieht hinter einem HVV-Bus die Große Welle von Kanagawa vorbei.

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Im Labyrinth der träumenden Bücher

Das ist der Titel eines Buches von Walter Moers, daß ich gerade lese. Passenderweise war ich heute in der Inselbücherei, um ein paar Bücher zurückzugeben.

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Die Bibliothekarin hatte mir vor einigen Wochen erzählt, daß es einen Plan gibt, die Regale weiter auseinander zu rücken, weil die Besucher nach ein paar Jahrzehnten McD**f-Eßkultur auf dem Festland nicht mehr so gut durch die Gänge passen.

(Nein, es gibt kein goldenes M auf dem Felsen. Toll, nicht wahr? ;-)

Inzwischen hat sich aber herausgestellt, daß die Regale vor langer Zeit als eine Art Gesamtkunstwerk gebaut wurden. Die “Just do it”-Methode ist dadurch nicht mehr empfehlsam, denn ansonsten könnte es passieren, daß die angrenzenden Regale dabei einstürzen.

Also bitte noch etwas Geduld. Ehrlich gesagt: Wenn man sich mit den anderen Besuchern ein wenig abspricht, ist das nicht wirklich ein Problem.