Stadtmobil(-iar)

Ich gehe gerne spazieren.

Als Mensch, der in einer reizarmen Umgebung lebt, habe ich sogar zuweilen Stadthunger – auch wenn er doch eher begrenzt bleibt. Also nutze ich die Tage in D., um diesen zu stillen und Neues im Vertrauten zu entdecken.

Allenthalben stehen Roller herum, abgestellt, fallen gelassen, wie verlorene Ferienkinder.

Sie seien eine Seuche, sagen meine Brüder. Der eine, weil sie herumflögen wie Müll, der andere, weil er als Fußgänger schon öfter beinahe überfahren worden sei.

Auch die Testzentren sind mobil geworden.

Mir fällt auf, dass viele Menschen in den Geschäften keine Masken tragen, brauchen sie auch nicht mehr, die Pflicht ist aufgehoben.

Der Krieg, der 1800 km entfernt tobt, scheint unwirklich angesichts des städtischen Alltags.

Es sind Ferien

Es ist Frühjahr,

die Welt wie ein Bild von Renoir…

Die Einwohner dieser Stadt sind in Solidaritätsbekundungen zurückhaltender als die Insulaner. Aber dann finde ich doch ein großes Banner mitten in der Stadt.

Man zeige Solidarität durch kleine Stecker am Revers, meint mein Bruder, oder besuche Kundgebungen, die gebe es schon –

und ich finde auch einen Beweis:

  • mit Einordnung ;-.)

und öffentlicher Diskussion

und Manifestationen des Wunsches nach einer anderen Welt.

Die Sonne treibt das Leben auf die Straße –

Ich begegne einem alten Bekannten

Eines seiner Gedichte schickte ich meinem Seelengefährten, als unsere Liebe gerade begonnen hatte –

und er nahm es als Zeichen für etwas neues Großes in seinem Leben.

Rückblick

Gestern noch schien der Sommer unendlich lang, heute treibt Tief ‘Manfred’ Wolken und Nass über den Felsen.

Die große Zeit der Stockrosen geht spürbar ihrem Ende entgegen.

Die ersten Holunderbeeren sind reif

und die Heckenrosen, die die Helgoländer liebevoll ‘Kartoffelrosen’ rufen, tragen Früchte.

Die Ankündigung des Inselschamanen ist über den Sommer verblasst.

Es wirkt, als sei es über Nacht Herbst geworden. Dem Frosch der Nachbarin ist wohl schon zu kalt.

Am Nordoststrand sind gut eingepackte Gäste unterwegs und sammeln im abfließenden Wasser Strandglas oder suchen nach rotem Feuerstein.

Oben auf dem Felsen treibt der Wind ein paar Tropfen und mich vor sich her. Am Horizont eine tiefblaue Trennlinie – heute keine Unschärfe, sondern klar und deutlich Helgolands Zukunft – der Windpark im Norden. Bald wird – etwas weiter nordöstlich – ein Zweiter entstehen.

‘Mit gelben Birnen hänget

und voll mit wilden Rosen

das Land in den See.’

geht’s mir durch den Kopf. Das letzte Gedicht Hölderlins.

Kurz ein Aufleuchten. Es gleißt über die See.

Der Boden ist wieder Erwarten warm an meinem Platz. Meine Kapuze muss ich gar nicht hochziehen. Der Wind hat sie mir schon auf den Kopf gesetzt.

Gib uns noch ein paar ‘südlichere Tage‘, bitte ich. Rilke – es ist als Deutschlehrerin manchmal schwer, zwischen all den bedeutungsschwangeren, schönen Sätzen die eigenen zu finden.

Rückblick auf den Sommer:

Vor fünf Wochen kam ich hier wieder an. Ich hatte einen langen inneren Weg zurückgelegt

und hatte ein Verstehen im Gepäck: Der schwarze Vogel, der vor fünf Jahren vor meiner Haustür gelandet war und so breit gegrinst hatte, wird immer da sein, wo immer ich auch sein werde.

Das Leben lebt sich ganz von allein

– das ist schwer und leicht zugleich.

Die Fahnen, die T. vor einem Jahr aufgehängt hat, schicken unsere Gebete in den Wind.

Einmal….

September. Noch.

Was inzwischen geschah: Es war August. Es wurde September.

Der Herbst feuerte dem Sommer ein, zwei Warnschüsse vor den Bug.

Dann kam die Sonne wieder zurück, der Himmel ist wieder postkartenblau, die weissen Schiffe liegen auf der Reede und der Felsen blüht und grünt aus allen Knopflöchern.

Gut gelaunte Gäste, dem Treiben auf dem Festland entronnen. Manche sagen, dass sie mich ein wenig beneiden (aber doch den Sprung an so einen seltsamen Wohnort scheuen).

Aber da ist auch eine leise Stimme, die immer wieder flüstert: Noch.

Noch scheint die Sonne, noch kämpft sich die tapfere Dünenfähre alle 30 Minuten durch die Passage zur Landungsbrücke.

Aber die ersten KollegInnen in den Hotels und Restaurants zählen mir schon die Tage ab, bis sie für die Wintersaison in die Urlaubsorte in den Skigebieten umziehen.

Ich bleibe hier und zähle auch die Tage, sage ebenfalls: Noch.

Noch vier Wochen, bis Fe wieder hierher kommt. Eigentlich hatte ich ja den Plan, allein zu bleiben, auf diesem Felsen, wo das Risiko ungeplanter emotionaler Verwicklungen so gering ist wie nur möglich.

Ich glaube, ich brauche einen neuen Plan.