Alltag

Trotz Sonnenschein hängt heute eine Dunstglocke über dem Felsen.

“Waschküchenwetter”, nannte T. dieses Phänomen. Es wirkt, als ob heute noch ein Gewitter niedergehen wird.

Egal ob Wochenende oder nicht, während der Saison ist ein Tag wie der andere.

Auf dem Falm flanieren Gäste an den Schaufenstern entlang oder nehmen einen Kaffee auf der Terrasse des Oberlandspäti.

Woran man Gäste von Insulanern unterscheiden kann? – Sie hinterlassen Botschaften am Nordoststrand.

Sie tragen Rucksäcke, oft beige Funktionskleidung. Sie schauen sich die Auslagen der Geschäfte an, während Insulaner daran vorbeigehen – meist eiligeren Schritts. Sie blicken sich suchend nach Cafés um oder verweilen auf dem mittleren Plateau der Treppe, weil sie sie zu schnell angegangen sind.

Die Kirschen sind gereift. Die Amsel lässt von dem Treiben auf der Treppe nicht beeindrucken und speist weiter.

An der Konzertmuschel erfreut ein Gitarrist mit irischen Melodien – von Insel zu Insel sozusagen. Sie mischen sich unter das allgemeine Summen menschlicher Stimmen, dem Schrei der Möwen und dem leisen Geplätscher der See.

Auch eine junge Liebe gehört zu diesem Treiben.

Hier steht die Luft. Der Horizont Richtung Südosten verschwimmt.

Kaum zufassen, dass es keine 1800 km weiter einen anderen Alltag gibt. Die Kinder in der Schule sagen, sie hörten gar nichts mehr aus der Unkraine. Wir haben die Absurdität dieses Krieges in unseren Alltag übernommen. Es gibt ihn, aber er ist für uns nicht sichtbar. Doch wir sind schon in die Logik des Krieges verstrickt, wenn nur ein Sieg der Ukraine denkbar ist – und nur ein ‘Sieg’ die Basis für Friedensverhandlungen sein kann.

Die chinesischen Zeichen für Krise setzen sich aus Gefahr und Gelegenheit zusammen

Vielleicht hat die junge Liebe eine Chance – und all die Kinder, die in diesen Tagen geboren werden.

……

“… und nächstens wird es Sommer”

So endet das Juni-Gedicht des guten alten Erich Kästner. Ja – der mit dem kleinen Emil, der mit Hilfe einer Gruppe von Kindern einen Dieb stellt. Immer noch ein tolles Beispiel für self empowerment. Ja – auch der, der die Entwicklung der Menschheit 1932 (!) humorvoll pessimistisch kommentiert.

Das Wetter mag sich nicht an Ferienkalender halten.

Wie schon am Himmelfahrtswochenende gibt es auch zu Pfingsten nicht Urlaubsfreudesonnenschein.

Wind und Wetter blasen so heftig, dass MS Nordlicht und der Adler Cat ihre Fahrten absagen.

Sonne und Regen wechseln stündlich….

Ich gehe raus und probiere meine neue Regenjacke aus. Von oben betrachtet sieht die See gar nicht so bedrohlich aus.

Aber der Sound am Fernmeldemast erzählt mir etwas anderes.

Es ist so laut wie ….. neben einer dicht befahrenen Autobahn? Nein – nicht vergleichbar. Dieser Gesang in den Wanten des Sendemastes ist beständig. Er legt sich ins Ohr und orchestriert den Blick aufs Meer.

Er verhält sich wie ein guter Soundtrack – unterschwellig sich einfügend, so dass er mit dem Bild verschmilzt…

Alles blüht ….

Der Wildkohl ……

die Wildrosen …….

der Weißdorn …..

die Palmen…

Die Nächte werden kürzer und manchmal bleibt der Horizont im Norden schon hell… (wenn die Nacht klar bleibt ;-)

Die Vogelwelt brütet – und da ist auch schon ein Junges da,

während andere noch Eier wärmen. Die Länge der Sitzung lässt sich an der Farbe des Gefieders ermessen.

Und da ist der Ernteplatz, an dem sich die Vögel das Polster für die Nester holen….

Im Wind stehen sie,

segeln gegen eine Bö hinaus und lassen sich zurücktragen vom Wind, der aus Westen gegen den Felsen bläst.

Weit draußen regnet es schon wieder …

eine Viertelstunde später vertreibt ein Platzregen eine Klasse, die gerade an der Anna angekommen ist.

Der Horizont verschwimmt….

Meine Regenjacke hat bestanden….

und ein paar Wochenendsegler treibt der Wind nach Norden.

Nichts muss ……

Experimente

C. und J. diskutieren leise, aber angeregt – offensichtlich nicht Probleme der Zeichensetzung.

Ich schaue fragend –

C: Kann man auch verkehrt herum in Schuhen gehen?

J. zieht seine Schuhe aus und stellt sich verkehrt herum hinein.

So –

und schlurft den langen Weg vom Klassenzimmer zum Schulhof.

Draußen –

ich: Und? –

J.: Funktioniert! Ist aber dumm!

Nächste Pause – nächstes Experiment: Wie lange halten Socken dem Abtrieb durch Asphalt stand?

Mal so – mal so

Februar – mal fährt das Schiff,

mal nicht.

So viele Stürme haben sich in den letzten Wochen die Hand über dem Felsen gereicht, dass kaum auszumachen ist, welcher Sturm gerade über uns hinwegfegt und menschliche Hinterlassenschaften in die Sträucher wirbelt.

Unsere Gebetsfahnen tanzen im Wind

Am Südhafen küssen die Wellen die Mole.

An der Nordspitze spielen sie Bockspringen.

Am Himmel weidet ein überdimensionierter Schafsgott.

Am Horizont ein Spiel von Licht und See und Wolken –

Dann – in die Sonne hinein ein Guss aus Hagelkörnern – und – tratra – ein Regenbogen auf der anderen Seite der kleinen Welt.

Die ersten Lummen sind da –

die Nistplätze der Basstölpel noch unbewohnt, aber

schscht – ich sah einen Vorboten.

Die Anna hat über den Winter eine Nase bekommen –

ein letzer Blick zurück für heute.

.

Alltag

Es ist kalt.

Mal regnet es, mal scheint die Sonne.

Der letzte Weihnachtsbaum hat einen neuen Platz gefunden.

Die Haifischzähne am Südstrand entpuppen sich als Lichtspalier.

Es ist wieder Schule.

An einem dämmrigen Morgen begleite ich meine Klasse bei ihrem Dünentag.

Wir fahren in unseren ‘Stadtpark’ und wollen die Düne als Lebensraum erkunden.

Vier Stationen laufen wir ab und erfahren etwas über Robben und Vögel, den Lebensraum Wasserspülkante und die Geologie der Insel.

Mich faszinieren immer die unterschiedlichen Strukturen, die sich Lebewesen schaffen, hier die Tunnelanlage von Dreikantwürmern –

da ein Habitat von so winzigen Tieren, dass wir sie mit bloßem Auge nicht erkennen können.

Noch sind die Basstölpel nicht eingetroffen.

Mein Platz liegt am Sonntag in der Sonne.

Hier lagen wir oft im Gras.

Sommerfrische

ein Wochenende im Spätsommer auf einem entlegenen Flecken im Meer –

heute bin ich früher unterwegs, als ich es sonst am Wochenende zu sein pflege….

auf den Straßen ist noch wenig Betrieb. Nur um den Kindergarten herum wird es etwas lauter – heute findet ein Flohmarkt statt.

Die ‘Busse’ sind noch nicht angekommen, der Falm und die Treppe noch ungewohnt leer .

Auch im Unterland geht es gemütlich zu.

Großhändler verteilen Bestellungen ….

Vorgärten dämmern vor sich hin….

Wäre da nicht das Schild …..

nichts erinnerte an die Katastrophen der Welt –

an das Erdbeben in Haiti

an die Fluchtkatastrophe in Afghanistan.

Das las ich diese Woche in den Zeitungen.

Oh doch – es muss sich wiederholen

– die Solidarität mit Geflüchteten, die Aufnahme von Menschen, die vor Krieg und Repressalien fliehen ….

Apropos Solidarität –

die Schüler der James-Krüss-Schule üben heute Solidarität

und trommeln für Menschen, die vor vier Wochen Haus und Angehörige verloren haben –

Das scheint nicht viel zu sein, aber sie geben das Beste, das sie haben –

ein paar Stunden ihrer Lebenszeit, um Geld für andere einzusammeln.

Die Busse sind inzwischen angekommen – und haben ihre tägliche Fracht an Gästen abgesetzt.

Die Ruhe ist vorbei –

bis heute Abend.

Zwischenzeit

War’s das also? –

Ich reibe mir die Augen.

Auf dem Felsen herrscht sommerlicher Alltag.

Gäste kommen und gehen,

hinterlassen am Nordoststrand ihre Botschaften.

Börteboote werden zu Wasser gelassen.

Mein Lieblingsstand hat wieder eröffnet und ich erstehe gleich einen Handschmeichler.

Hole meine Post.

Bewundere das satte Grün.

Aus Parfümerien dringen Düfte.

Angebote drängen sich in den Blick und irritieren.

Ein Nachbar gibt einen guten Rat.

Ich träumte heute Nacht:

Ich hatte meinen Impfpass verloren. Panik schoss in mir auf. Eine Empfindung von verlorener Identität, schlimmer als der Verlust eines Personalausweises.

Was macht die Pandemie mit uns?

– Aber es ist nicht ein winzig kleines Etwas, es sind die Umstände, die wir Menschen uns selbst schaffen. –

Ich reibe mir die Augen.

An meinem Fenster gehen Menschen vorbei, die über ihre letzten Einkäufe vor der Abfahrt nachdenken.

Sommer …….

(Denk-)Pausen

Während einer Pause lausche ich folgendem Gespräch –

A. tänzelt um B. herum: “Stell dir vor, du hast einen beißfesten Anzug. Würdest du eher in einen Tigerkäfig steigen, oder einen Haifischkäfig?”

B. grinst. Ich stelle mir den bissfesten Anzug vor.

A: “Ich würde in einen Haifischkäfig steigen. Die sind irgendwie interessanter. – Und es hat mehr Thrill.”

B. verzieht das Gesicht. Ich stelle mir den Haifischkäfig vor.

A:”Also, ich wüsste ja gerne mal, was so ein Hai denkt.” –

B. denkt. Ich auch –

Ich nehme eine Pause von Arbeit, Haushalt, streife über das lunn….

Was sie wohl denkt? –

Vor der ‘Helgoländer Botschaft’ stehen Touristen an – T.’s frühere Kundschaft. Der Anblick von Menschgruppen irritiert mich noch. Na – das wird sich legen.

Jetzt ist noch keine Maskenpause.

An manchen Stellen sieht dafür alles aus wie auch die Jahre zuvor:

Warten auf die Dünenfähre.

Warten auf Kundschaft.

Man trinkt den ersten Kaffee

und schaut einer Tonne beim Dümpeln zu.

Was er wohl denkt?

Abends auf dem Oberland:

“Und wie?”, beginne ich das Gespräch mit den Heidschnucken, “ganz schön was los hier.” –

Die Schnuckenmama guckt. Was sie wohl denkt? –

Am Horizont ein Schauspiel von Regen

und Feuerball…

Zuhause hat jemand vergessen, das Licht auszumachen.

Tja – was ich wohl denke?

… wie immer?

Krankheits- und arbeitsbedingt war ich 14 Tage nicht hier draußen.

Den Felsen überzieht eine dichtgrüne Matte. Die Pfeilkresse steht kurz vor der Blüte.

Fast alle Tölpel brüten jetzt. Leider finden sie immer noch Plastikreste, mit denen sie ihre Nester polstern.

Das Wetter kann sich nicht entscheiden – die Ostseite hat noch Sonne, während

sich auf der Westseite eine Regenwolke nähert.

Später regnet es dann doch.

Hier draußen ist es noch still. Zwei überaus bemerkenswerte Schwestern tollen mit ihrem Besuch über die Hügel.

Sie winken und ziehen weiter – während ich aufs Meer schaue und Gedanken ziehen lasse.

Morgen wird es schon anders sein.

Ja – der Tag der Öffnung ist gekommen. Touristen dürfen wieder Helgoland betreten und das Schiff jeden Tag fahren. Dafür herrscht zwischen 11 und 17 Uhr Maskenpflicht in den innerstädtischen Kernbereichen.

Wir seien am Ende der Pandemie angekommen, lese ich heute in der Zeitung.

– Wirklich?

– Kann ich es nicht fassen, weil mich die letzten 15 Monate so verändert haben?

– Bin ich zu pessismistisch geworden? –

Mein Leben hat sich in den letzten Monaten drastisch verändert.

– Der Garten sieht aus wie letztes Jahr.

Der letzte Winter hat viele Gebete in den Himmel getragen.

Unsere Fassade hat eine neue Regenrinne, doch noch immer schaut die Welt aus dem Fenster. –

Einer fehlt.

Mieser Scherzbold

E-i-g-e-n-t-l-i-c-h wäre ich jetzt auf dem Schiff Richtung Cuxhaven.

Eigentlich! – Denn gestern schaue ich auf den Wetterdienst. Er kündigt Sturm an. Dann die Seite der Reederei –

Na toll, denke ich, jetzt muss ich meine Leute anrufen, umdisponieren, die Fahrkarte bei der Bahn stornieren. :-//

Draußen brist es schon auf.

Heute Morgen ist mein Dachfenster mit einer Schneedecke belegt.

Na schön, denke ich, drehe mich um, versuche weiterzuschlafen. Träume von Schule – GRRRRR!

Als ich aufstehe, ist der Friedhof überzuckert, aber die Sonne scheint.

Na gut, denke ich, der Sturm ist schon durch.

Ich mache mich auf den Weg, um meine Fahrkarte umzubuchen.

Draußen ist es kalt. Schauer von Eisbröckchen. Dazwischen kurz Sonne.

Im Osten blaut es.

Im Westen graut es.

Der Wind treibt den Hagel vor sich her, jagt durch die Wimpel der Fußgängerzone.

“Jetzt reicht’s langsam mal”, schimpfe ich zu ihm.

Er ist ‘schlimmer’ als die Kinder. Er hört GAR NICHT.

Heute Nachmittag –

HA HA, denke ich, seehhhr komisch. – musike