Sommerfrische

ein Wochenende im Spätsommer auf einem entlegenen Flecken im Meer –

heute bin ich früher unterwegs, als ich es sonst am Wochenende zu sein pflege….

auf den Straßen ist noch wenig Betrieb. Nur um den Kindergarten herum wird es etwas lauter – heute findet ein Flohmarkt statt.

Die ‘Busse’ sind noch nicht angekommen, der Falm und die Treppe noch ungewohnt leer .

Auch im Unterland geht es gemütlich zu.

Großhändler verteilen Bestellungen ….

Vorgärten dämmern vor sich hin….

Wäre da nicht das Schild …..

nichts erinnerte an die Katastrophen der Welt –

an das Erdbeben in Haiti

an die Fluchtkatastrophe in Afghanistan.

Das las ich diese Woche in den Zeitungen.

Oh doch – es muss sich wiederholen

– die Solidarität mit Geflüchteten, die Aufnahme von Menschen, die vor Krieg und Repressalien fliehen ….

Apropos Solidarität –

die Schüler der James-Krüss-Schule üben heute Solidarität

und trommeln für Menschen, die vor vier Wochen Haus und Angehörige verloren haben –

Das scheint nicht viel zu sein, aber sie geben das Beste, das sie haben –

ein paar Stunden ihrer Lebenszeit, um Geld für andere einzusammeln.

Die Busse sind inzwischen angekommen – und haben ihre tägliche Fracht an Gästen abgesetzt.

Die Ruhe ist vorbei –

bis heute Abend.

Zwischenzeit

War’s das also? –

Ich reibe mir die Augen.

Auf dem Felsen herrscht sommerlicher Alltag.

Gäste kommen und gehen,

hinterlassen am Nordoststrand ihre Botschaften.

Börteboote werden zu Wasser gelassen.

Mein Lieblingsstand hat wieder eröffnet und ich erstehe gleich einen Handschmeichler.

Hole meine Post.

Bewundere das satte Grün.

Aus Parfümerien dringen Düfte.

Angebote drängen sich in den Blick und irritieren.

Ein Nachbar gibt einen guten Rat.

Ich träumte heute Nacht:

Ich hatte meinen Impfpass verloren. Panik schoss in mir auf. Eine Empfindung von verlorener Identität, schlimmer als der Verlust eines Personalausweises.

Was macht die Pandemie mit uns?

– Aber es ist nicht ein winzig kleines Etwas, es sind die Umstände, die wir Menschen uns selbst schaffen. –

Ich reibe mir die Augen.

An meinem Fenster gehen Menschen vorbei, die über ihre letzten Einkäufe vor der Abfahrt nachdenken.

Sommer …….

(Denk-)Pausen

Während einer Pause lausche ich folgendem Gespräch –

A. tänzelt um B. herum: “Stell dir vor, du hast einen beißfesten Anzug. Würdest du eher in einen Tigerkäfig steigen, oder einen Haifischkäfig?”

B. grinst. Ich stelle mir den bissfesten Anzug vor.

A: “Ich würde in einen Haifischkäfig steigen. Die sind irgendwie interessanter. – Und es hat mehr Thrill.”

B. verzieht das Gesicht. Ich stelle mir den Haifischkäfig vor.

A:”Also, ich wüsste ja gerne mal, was so ein Hai denkt.” –

B. denkt. Ich auch –

Ich nehme eine Pause von Arbeit, Haushalt, streife über das lunn….

Was sie wohl denkt? –

Vor der ‘Helgoländer Botschaft’ stehen Touristen an – T.’s frühere Kundschaft. Der Anblick von Menschgruppen irritiert mich noch. Na – das wird sich legen.

Jetzt ist noch keine Maskenpause.

An manchen Stellen sieht dafür alles aus wie auch die Jahre zuvor:

Warten auf die Dünenfähre.

Warten auf Kundschaft.

Man trinkt den ersten Kaffee

und schaut einer Tonne beim Dümpeln zu.

Was er wohl denkt?

Abends auf dem Oberland:

“Und wie?”, beginne ich das Gespräch mit den Heidschnucken, “ganz schön was los hier.” –

Die Schnuckenmama guckt. Was sie wohl denkt? –

Am Horizont ein Schauspiel von Regen

und Feuerball…

Zuhause hat jemand vergessen, das Licht auszumachen.

Tja – was ich wohl denke?

… wie immer?

Krankheits- und arbeitsbedingt war ich 14 Tage nicht hier draußen.

Den Felsen überzieht eine dichtgrüne Matte. Die Pfeilkresse steht kurz vor der Blüte.

Fast alle Tölpel brüten jetzt. Leider finden sie immer noch Plastikreste, mit denen sie ihre Nester polstern.

Das Wetter kann sich nicht entscheiden – die Ostseite hat noch Sonne, während

sich auf der Westseite eine Regenwolke nähert.

Später regnet es dann doch.

Hier draußen ist es noch still. Zwei überaus bemerkenswerte Schwestern tollen mit ihrem Besuch über die Hügel.

Sie winken und ziehen weiter – während ich aufs Meer schaue und Gedanken ziehen lasse.

Morgen wird es schon anders sein.

Ja – der Tag der Öffnung ist gekommen. Touristen dürfen wieder Helgoland betreten und das Schiff jeden Tag fahren. Dafür herrscht zwischen 11 und 17 Uhr Maskenpflicht in den innerstädtischen Kernbereichen.

Wir seien am Ende der Pandemie angekommen, lese ich heute in der Zeitung.

– Wirklich?

– Kann ich es nicht fassen, weil mich die letzten 15 Monate so verändert haben?

– Bin ich zu pessismistisch geworden? –

Mein Leben hat sich in den letzten Monaten drastisch verändert.

– Der Garten sieht aus wie letztes Jahr.

Der letzte Winter hat viele Gebete in den Himmel getragen.

Unsere Fassade hat eine neue Regenrinne, doch noch immer schaut die Welt aus dem Fenster. –

Einer fehlt.

Mieser Scherzbold

E-i-g-e-n-t-l-i-c-h wäre ich jetzt auf dem Schiff Richtung Cuxhaven.

Eigentlich! – Denn gestern schaue ich auf den Wetterdienst. Er kündigt Sturm an. Dann die Seite der Reederei –

Na toll, denke ich, jetzt muss ich meine Leute anrufen, umdisponieren, die Fahrkarte bei der Bahn stornieren. :-//

Draußen brist es schon auf.

Heute Morgen ist mein Dachfenster mit einer Schneedecke belegt.

Na schön, denke ich, drehe mich um, versuche weiterzuschlafen. Träume von Schule – GRRRRR!

Als ich aufstehe, ist der Friedhof überzuckert, aber die Sonne scheint.

Na gut, denke ich, der Sturm ist schon durch.

Ich mache mich auf den Weg, um meine Fahrkarte umzubuchen.

Draußen ist es kalt. Schauer von Eisbröckchen. Dazwischen kurz Sonne.

Im Osten blaut es.

Im Westen graut es.

Der Wind treibt den Hagel vor sich her, jagt durch die Wimpel der Fußgängerzone.

“Jetzt reicht’s langsam mal”, schimpfe ich zu ihm.

Er ist ‘schlimmer’ als die Kinder. Er hört GAR NICHT.

Heute Nachmittag –

HA HA, denke ich, seehhhr komisch. – musike

Aufräumen

Welcher Künstler malt das? – Immerzu – und jeden Tag ein wenig anders?

James Krüss hat dazu eine eindeutige Antwort ;-)).

Die Vögel beginnen mit dem Nestbau.

Die Plastikreste, mit denen die Basstölpel gerne ihre Nester auspolstern, hat jemand an den richtigen Ort geräumt.

Auch die großen Zweibeiner bereiten den Saisonstart vor.

Überall auf dem Felsen wird geputzt, gestrichen, gehämmert ….

die Gärten sind aufgeputzt ….

und wo es keinen Garten gibt, bewacht ein Seemann die Töpfe vor der Haustür.

Es müssen nicht immer Eier sein….

Manche Insulaner sind optimistisch, stellen schon Stühle und Tische bereit

…und suchen neues Personal ….

Der Hund der Friseurin hat wieder seinen alten Platz eingenommen.

Der Einzelhandel bereitet sich schon auf die Luca-App vor. Sie verspricht den Location-Betreibern eine Erleichterung bei den Kontaktnachweisen der Kunden. – Zumindest den Papierkrieg würde sie erleichtern.

Aber noch muss – zumindest bis zum 28.03. – Abstand gehalten werden: also vorläufig kein gemütliches Käffchen mit (Fast-)Kuschelfaktor.

Was dann kommt? –

In dem Informationsrundschreiben des Rathauses findet sich eine Vision:

Helgoland als grünes, innovatives Fleckchen mitten in der Nordsee. ….

Ja dann …. .

dann komme ich im nächsten Leben als Künstlerin zurück und bringe meinen Liebsten mit …

Und sonst so?

Gute Frage. Es ist Winter auf dem Felsen. Da ist traditionell nicht so viel los.

Außerdem ist Pandemie und Shutdown Nummer Zwei. Man rettet sich mit Galgenhumor über die Runden.

An manchen Tagen macht das kluge Telefon “Piep” und man geht aus ganz anderen Gründen gerne in die freiwillige Selbstisolation.

Draußen vor dem Südhafen kocht die Nordsee. Und sie kocht kein gemütliches Süppchen.

Im Hafen selbst ist natürlich nichts los. Wo sonst Urlauber bei einem Kaffee auf ihr Schiff warten, werden Schnelltests “serviert”.

Auch in normalen Zeiten würde heute kein Schiff hierher fahren.

Aber es ist sowieso Donnerstag.

Wegen des #$%?!!!-Virus fährt das Schiff nur Montags, Mittwochs und Freitags für einige wenige Insulaner, Handwerker und Offshore-Arbeiter.

Kombiniert mit der Wetterlage kann da schnell mal eine Woche ohne Schiffsverbindung zusammenkommen.

Dann muss man sich für dringenden medizinischen Bedarf einen anderen Lieferservice suchen.

À propos Medizin: Für uns alle, die keine Krankenpfleger, Ärzte oder Supergenie-Molekularbiologen sind, bleibt nur die Aufgabe, vorsichtig und rücksichtsvoll zu bleiben, weiter unser Ding zu machen, soweit es geht und die Hoffnung nicht zu verlieren.

Ein Regenbogen lässt sich auch von Orkanböen nicht beeindrucken.

(Und ja, zwischen den beiden vorigen Sätzen gibt es eine Beziehung.)

Rums

Und da wären wir dann wieder. Der 240. Märztober, irgendwie. Ab heute ist die Insel faktisch vom Festland isoliert.

Der Wortlaut der Verfügung aus Pinneberg ist nicht der gleiche wie vor einem halben Jahr, aber alles in allem läuft er auf dasselbe hinaus. Ohne negativen Carola*-Test kommt keine(r) rein und die Krankenkassen werden die Kosten nicht übernehmen, wenn es “nur” um eine Urlaubsreise geht.

Aber ok, die Saison ist sowieso vorbei. Ich habe noch keinen Insulaner meckern gehört.

Die Krankenhäuser auf dem Festland füllen sich, die Insel leert sich.

Mal sehen, wie lange wir das aussitzen können.

* Ja, ich weiss, es ist schon wieder Galgenhumor, aber eine Freundin auf dem Festland weigert sich schon seit Wochen, das Wort “Corona” auszusprechen, “weil sie das an den Rand des Schreikrampfs bringt”. Die Carolas dieser Welt können natürlich nichts dafür.

Neue Heimat

Also gut, Schluss mit Sommer. Die Hauptsaison ist zu Ende (wenn sie in diesem, ähhhm, denkwürdigen Jahr jemals so richtig in Gang gekommen ist).

Die Steinschlange, die als Gemeinschaftsprojekt in der Zeit des Frühjahrs-Lockdown begann, ist eingesammelt und hat eine neue Heimat im Atrium der Inselschule gefunden.

Es macht ein wenig wehmütig, aber die Witterung hatte schon einigen Steinen stark zugesetzt und die Leute vom Gartenbauamt , die die Wege im Oberland in Schuss halten, wussten auch nicht so recht, wie sie mit dem Balkenmäher die Wegkante freikriegen sollten.

Vorher sind wir die Strecke noch einmal entlanggelaufen. Da war die Schlange 160 Meter lang und bestand aus 1.500 bis 2.000 Steinen (nein, wir konnten sie nicht wirklich zählen).

Und nun sind wir schon im Herbst. Traditionell ist das die Zeit der Zugvögel, in der viele Vogelbeobachter, auch “Birdies” genannt, nach Helgoland kommen. Dieses Jahr sind aber offensichtlich auch viele späte Gäste dabei, die doch noch irgendsoetwas wie Urlaub in diesem Jahr machen wollen.

Tatsächlich sind es so viele, dass die Gemeindeverwaltung auf dem “Ameisenpfad” vom Südhafen ins Dorf wieder eine Maskenpflicht anordnen muss. Dieses mal erstreckt sie sich bis zur Steilklippe im Oberland, weil sich dort die Birdies häufig auf der Suche nach ornithologischen Raritäten zusammendrängeln.

Wenn ich mich erinnere, wie drollig ich das in den vergangenen Jahren fand, möchte ich beinahe heulen.

Die Stimmung unter den Insulanern ist bedrückt und das nicht nur wegen der explodierenden Infektionszahlen auf dem Festland. Die Gemeindeverwaltung hatte bis zum Juni des Jahres zeitnah in Rundschreiben über die jeweilige Situation berichtet. Seitdem aber nicht mehr.

Am besten wäre es natürlich, wenn es tatsächlich nichts Neues zu berichten gibt. Und trotzdem: Gefühlte oder tatsächliche Lücken neigen dazu, sich auf ihre eigene Weise zu füllen und so brodelt die Gerüchteküche immer ominöser vor sich hin.

Am Nordoststrand lässt ein Sonnenstrahl aus dem Westen noch einmal den Sand und die Dünen aufleuchten. Darüber dunkle Wolken. Der Winter kommt.

Genau so, nur anders

Klar, es gibt Sehenswürdigkeiten, zu denen man mit Ziel und Planung aufbricht. Andere findet man im Alltag, auf dem Weg zum Supermarkt oder so.

Ich weiß nicht, ob Helgoland der ungewöhnlichste Ort in Deutschland ist. Aber wir gehören sicher in die Top Ten.

Hier, wo auch Stockenten mal ein Ferienhaus bewohnen möchten.

Wo selbst die gefährlichen Hunde nicht so furchterregend sind.

Und auch die Bundeswehr etwas kleinere Dienstfahrzeuge bevorzugt.

Nur “Black Lives Matter” gilt hier genau so wie überall. Nicht anders.