Nacht

Gestern Abend lief ich los, um mir den aufgehenden Vollmond anzusehen. Es geht wieder dem Sommer entgegen und um 22 Uhr ist im Nordwesten noch blaue Stunde.

Es ist völlig still. Die Zeit der Winterstürme ist vorbei und Gäste kommen natürlich auch keine hierher.

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Dann gehe ich weiter in Richtung Südklippe, denn der Mond wird in Ost-Süd-Ost erscheinen.

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Über dem Horizont liegt eine Wolkenbank, also dauert es eine halbe Stunde, bis er ganz sichtbar ist.

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Ich mache ein paar Aufnahmen, lasse es dann sein und schaue einfach nur. Meine Taschenknipse ist dieser Situation nicht wirklich gewachsen, aber ob eine bessere Kamera das wäre?

Vielleicht lässt sich das, was mich in solchen Momenten bewegt, überhaupt nicht fotografieren.

Was das ist?

Ich lebe meistens in einer Welt, die von meinesgleichen erbaut wurde. In dieser Welt können wir uns für groß und wichtig halten.

Es gibt aber Augenblicke, die mir zeigen: Stimmt nicht. In Wirklichkeit bin ich sehr klein.

Vor einiger Zeit sind Menschen unter riesigen Gefahren und Entbehrungen zu diesem leuchtenden Ball hingeflogen. Da war ich noch ein kleiner Junge und natürlich völlig fasziniert. Die meisten dieser Zwölf leben inzwischen nicht mehr. Und eigentlich waren wir nur wie ein Kind, das mit dem ersten Rad mit Stützrädern im Garten im Kreis fährt.

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Dann gehe ich wieder nach Hause, denn Fe wartet sicher mit dem Essen.

Der Mond steht schon über dem Kirchendach. Und Nacht heißt eigentlich nur, dass die Sonne gerade in Australien scheint.

Fliegen

Gestern waren wir wieder am Lummenfelsen.

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Inzwischen sind alle Sitz- und Stehplätze vergeben. Die Lummen legen auf diesen zentimeterbreiten Felsbändern tatsächlich ihre Eier und brüten sie auch dort aus.

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Die Logenplätze sind schon längst von den Basstölpeln belegt. Da wird gebalzt, was das Zeug hält.

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Aber es gibt auch Junggesellen, die noch auf Partnersuche sind. Guckt mal, ich bin der größte und schönste und tollste. Und ich bin noch Single! Na???

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Anderswo ist schon der Nestbau im Gange.

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Zwei Frauen vom Verein Jordsand bringen büschelweise getrocknetes Gras mit, damit die Tölpel nicht so viel Plastikmüll anschleppen, um ihre Nester zu bauen.

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Ey! Schnabel weg! Das ist meins!

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Ein wirres Neidgefühl: Die haben ganz andere Sorgen. Und sie können fliegen. Warum können wir das nicht?

Ich war nie besonders gut in Biologie, aber natürlich weiß ich so ungefähr, warum Menschen nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft zu fliegen. Stoffwechsel, Knochenbau undsoweiter. Wir sind einfach zu schwer.

Und vielleicht ist es nicht nur die physische Schwere. Wir müssen ja auch unsere Newsticker refreshen, Parteien wählen, Steuererklärungen ausfüllen und uns Sorgen wegen der Miete und der Gehälter machen.

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Auf dem Heimweg stellen wir fest, dass die Inselpastorin nicht nur Internet-Livestreams für ihren Verkündigungsauftrag einsetzt.

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Sie kann auch Straßenkreide.

Später am Abend werkeln Fe und ich an der Pizza, als plötzlich Musik von draußen erklingt. Der Nachbar von schräg gegenüber steht auf dem Balkon und bläst auf der Trompete ein Abendlied.

Irgendwie können wir doch fliegen. Jetzt jedenfalls.

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Warum können wir das sonst nicht?

Hell und Dunkel

Auf dem Weg vom Einkaufen im Unterland machen Fe und ich auf der Oberlandtreppe eine kurze Verschnaufpause und legen die Köpfe in den Nacken.

186 Treppenstufen, puh.

Hell und dunkel, ineinander verschränkt.

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Okay, fragt ihr euch vielleicht, was soll das bedeuten? Hell und Dunkel? Treppe? Aufzug? Auf einer einsamen Insel?

Ganz einfach:

Helgoland ist keine Sandbank wie die meisten anderen Nordseeinseln. Es ist ein Felsen, der zu zwei Dritteln gut 50 Meter aus dem Meer aufragt. Das andere Drittel der Landfläche liegt aber fast auf Meeresniveau. Also gibt es ein Ober- und ein Unterland und dazwischen eine Steilklippe. Die will man nicht jeden Tag hinauf- und hinabklettern, also gibt es seit dem 18. Jahrhundert (soweit das bekannt ist) eine Treppe.

Später, als der Felsen ein Seebad geworden war, kam dann ein Aufzug hinzu. Der sah erst einmal so aus, wie man das heute noch auf alten Postkarten oder im Helgoland-Museum sehen kann.

Wenn man den Geschichtsbüchern glauben darf, war das eine helle Zeit für die Insulaner.

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Nachdem die im zweiten Weltkrieg die halbe Welt inklusive Deutschland und auch Helgoland  abgefackelt wurde, sah der alte Aufzug dann eher so aus.

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Dunkelheit fiel über den Felsen, bis die Insulaner nach sieben Jahren allmählich wieder zurückkehren konnten.

Heute ist der Aufzug eine eher prosaische Einrichtung:

Eine im Jahr 1958 erbaute zweizügige Anlage nach dem Otis-System, die in die Steilklippe hineingebaut ist. Nichtsdestotrotz ist es sozusagen die Helgoländer U-Bahn. Sie mag nur 38 Meter weit fahren, aber dafür in der Vertikalen. Und sie ist sehr hilfreich, wenn sperrige oder schwere Dinge ins Oberland transportiert werden sollen. Oder wenn man nicht mehr so gut Treppen steigen kann.

In den letzten Tagen ist auch hier alles ganz anders.

Normalerweise sind die Kabinen permanent unterwegs, aber wenn man ungeduldig ist, kann man sie auch herbeiklingeln. Dann kauft man eine Fahrkarte oder lässt als Insulaner ein Loch in die 100er-Karte knipsen.

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Das geht zur Zeit natürlich nicht mehr. Die Kabinen sind viel zu klein, um effektiv Abstand zu halten und die Menschen, die normalerweise den Aufzug bedienen, sind… nun, Menschen.

Also fahren wir bis auf weiteres in Eigenregie im Aufzug. Es gibt sowieso nur zwei Stockwerke. Und die Karten abknipsen ist Ehrensache, das machen wir nachträglich, wenn dieser böse Traum vorbei ist.

Wenn es wieder heller wird.

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Obwohl wir immer noch einzelne Sturmtage haben, sind die Vorboten des Frühlings unübersehbar.

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Die Anreisen am Lummenfelsen nehmen zu und in der Palme vor dem Fenster sitzt immer wieder neues Federvieh.

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Meistens sind es ja Zugvögel, aber diese beiden Tauben haben sich eher mit dem Frachtschiff vom Festland hierher verirrt.

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Wenn es nicht Alltag wäre, müsste man es für Kitsch halten.

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Das grüne Leuchten gestern Abend an der Steilklippe über dem Unterland. Bildschön.

Aber mit Bildstörung. Denn in den Fenstern der Hotels müssten jetzt schon viel mehr Lichter zu sehen sein.

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Hier müssten eigentlich viele Menschen auf dem Weg vom Hafen ins Dorf unterwegs sein.

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Und hier die ersten Schiffe und Segeljachten.

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Stattdessen sieht man nur die Crewschiffe der Windpark-Leute.

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Es ist nämlich Vorsaison, die Zeit vor Ostern. Die mit den günstigen Übernachtungspreisen. Aber nicht in diesem Jahr.

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Vor zwei Wochen haben wir alle Gäste freundlich, aber bestimmt zur Heimreise aufgefordert und seit dem 24.3. können auch die Insulaner nur noch in begründeten Ausnahmefällen aufs Festland fahren.

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Am Falm-Markt (sozusagen dem Helgoländer Späti) sind die Sitzplätze abgesperrt und Kaffee und Klönschnack sind bis auf weiteres abgesagt.

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Stattdessen gibt es Momente unfreiwilligen Galgenhumors. Da staubt ein Stapel Hamsterware vor sich hin. Entweder haben die Insulaner traditionell größere Vorräte zuhause oder sie haben die Absurdität dieser Sorte von Krisenvorsorge erkannt.

Andere Vorsorge macht natürlich Sinn. Im Supermarkt stehen Spender für Handdesinfektion (und nein, sie werden nicht geklaut) und auf der Straße schauen wir uns beim Klönschnack aus zwei Metern Entfernung etwas verwirrt in die Augen. Wie komisch sich das manchmal anfühlt.

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À propos Vorsorge: Unsere Inselpastorin hat sich relativ mühelos der Situation angepasst. Sie hält das Morgengebet schon länger auch auf InstaSnapFaceChat (oder wie das heißt) ab.

Vor ein paar Monaten hat sie mal eine Reporterin vom NDR etwas verdutzt dazu befragt und sie meinte nur: “Ja nun, ich habe einen Verkündigungsauftrag.”

Aussichten

Die Sturmsaison gab noch einmal alles.

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Dann wurde es endlich etwas stiller und die Zugvögel, die um diese Jahreszeit hier auf dem Felsen zwischentanken, kamen wieder zum Vorschein.

Einer sitzt morgens in der Palme vor dem Wohnzimmerfenster und sieht uns beim Frühstücken zu.

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Normalerweise ist das auch die Jahreszeit, in der der Insulaner allmählich aus dem Winterschlaf erwacht und sich mit ein paar Kniebeugen für die neue Saison fit macht.

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Daraus wird aber fürs Erste nichts werden.

Es ist sowieso still in den Straßen im März, aber heute fühlt sich die Stille anders an. Und bald wird es noch stiller sein. Natürlich ist das für die Insulaner, die größtenteils vom Tourismus leben, ein zusätzliches Desaster.

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Und doch: Die Leute vom Inselmarkt haben sich bereit erklärt, den Inselsenioren ihre Bestellungen nach Hause zu liefern. Und Helgoland ist und bleibt der Ort, an dem man den Kram vor die Tür stellen kann. Da bleibt er dann auch, bis der rechtmäßige Besitzer ihn ‘reinholt.

Ungewiss

Was gewiss ist: Die Möwenfussballmannschaft an der Schule hat Verstärkung bekommen.

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Am Lummenfelsen gibt es neue Anreisen.

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Das Wetter bleibt… erfrischend (auch “brrr” genannt).

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Und die “Lange Anna” ist immer noch nicht umgefallen.

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Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Die Straßen liegen leer und verlassen.

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Aber hier nennt man das nicht Viruspanik. Man nennt es “März”.

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Nichtsdestotrotz: Eigentlich wollten wir in drei Wochen Freunde auf dem Festland besuchen. Der Bundesgesundheits-Jens ermuntert uns aber immer dringender, das nicht zu tun. Mal sehen.

Auch hier reden die Leute über die anstehende Pandemie. Weil früher oder später ein argloser Mensch mit dem Mistvieh an Bord hierher kommen muss.

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Weil keiner weiß, wohin dieser Weg führt. Aber das Reden gibt uns für kurze Zeit das Gefühl, so etwas wie Gewissheit zurückzugewinnen.

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Gewiss ist: Das Gestern ist ein Schatten, die Gegenwart ein Lidschlag und die Zukunft ein Schemen im Nebel.

Reparaturen

Nachdem “Sabine” über die Insel gefegt war, kam “Victoria” (keine Ahnung, was mit den Buchstaben dazwischen passiert ist) und dann kam einfach nur noch Sturm, dessen Namen einem allmählich egal wird.

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Und dann passierte etwas Seltsames.

Der Seegang ließ nach und der Himmel nahm teilweise eine ungewohnte Farbe an. Oder sagen wir mal, er nahm eine Farbe an. Außerdem erschien ein grell leuchtender Punkt, den man nicht mit bloßem Auge ansehen konnte.

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Auf der Straße begegnet man gelegentlich wieder Menschen und am Brutfelsen sind die ersten Frühbucher zu bewundern.

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Dann ruft Mike von der Jugendherberge an: Das Gäste-WLAN läuft irgendwie merkwürdig langsam. Ob ich da mal…

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Ja, kann ich. Aber nichts versprechen.

Die Jugendherberge liegt als einziges Gebäude am äußersten Nord-Ost-Ende der Insel und hat ADSL Baujahr 2005. Daher gibt es eine zusätzliche Richtfunkstrecke zu einem Haus auf der Steilklippe und in der Herberge wird alles über Freifunk-Router verteilt (ja, die Herbergsväter sind trotz ihrer anachronistischen Berufsbezeichnung im 21. Jahrhundert angekommen ;-) . Hmmm…

Da wir im Oberland wohnen, nehme ich den Weg über den Jägersteig, die winzige Nebentreppe, die im Nordosten 60 Meter hinab zum Nord-Ost-Strand führt. Ist kürzer.

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Auf dem Weg sucht an der Inselschule eine fußballbegeisterte Möwe nach dem Ball. Vielleicht sind es aber auch nur die Sonnenstrahlen, die mich gehirnalbern machen.

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Schon von oben sieht man die Spuren, die die Stürme der vergangenen Tage hinterlassen haben.

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An der Wasserlinie sind die Wellen vom zerschlagenen und zermahlenen Inselgestein rot gefärbt. “Rooad Weeter” heißt das auf helgoländisch.

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Die merkwürdigen “Treppenstufen” sind Sandtaschen, die die Dünenkante stützen und schützen sollen. Haben sie auch, aber die anderthalb Meter Sand, die letzte Woche noch darüber lagen, sind fortgerissen worden.

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Dafür hat die Brandung ein paar vom Inselfelsen abgerissene Steine abgeladen. Da möchte man zu diesem Zeitpunkt ungern gestanden haben.

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Andere, obskurere Objekte werden von der See wieder preisgegeben. Ein Teil eines Kanonenofens wahrscheinlich. Aber wen hat der gewärmt und wann? Im zweiten Weltkrieg war hier die Großbaustelle für die sinnlose Seefestung der Nazis.

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Die zerschlagene Nord-Ost-Mole erinnert immer noch daran. Irgendwie ganz schön symbolisch, oder?

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Und die Freifunk-Router? Naja, denen gehts eigentlich gut, abgesehen davon, dass die Antwortzeiten alle dreißig Sekunden von 50 auf 250 Millisekunden spiken. Hä???

Ach so, und die Leute fragen mich, warum sie Teile der ARD-Mediathek nicht ansehen können. Wenig verwunderlich eigentlich, weil sich die Freifunk-Router netzgeografisch in Skandinavien befinden, wo manche gesetzliche Bestimmungen für das Internet weniger dusselig sind als hierzulande. Genauso wie das Geo-Fencing der Mediathek, grummel.

Aber dafür sind die Werbe-Einblendungen bei Jutjuub alle auf dänisch, schwedisch oder norwegisch, was manchmal ganz lustig sein kann.

Sabine

Sabine heißt die freundliche Helgoländerin, die alle paar Tage unsere telefonischen Lebensmittel-Bestellungen entgegennimmt (da man ja kein Auto hat, werden alle schwergewichtigen Dinge mit der Elektrokarre nach Hause geliefert). Sabine ist immer freundlich und klingt gut gelaunt.

Heute ist aber ihre Namensschwester hier und die ist anders drauf. Als erstes hat sie den Inselkindern die Schulfahrt zum Festland vermasselt. Und sobald man ein Fenster öffnet, fängt sie an zu krakeelen: Wat willst du denn? Willste wat? Dann komm doch her!

Nee, danke, ich hab schon.

Aber dann kommen die ersten Anfragen von Festlandsfreunden, wie es denn so läuft, also gehe ich doch noch mal vor die Tür. Wahrscheinlich ist es hier im Freien ungefährlicher als auf dem Festland, weil hier keine Bäume umstürzen oder Dachziegel auf den Kopf fallen könnten.

Auf der Ostseite kann man sich relativ normal bewegen und sogar Fotos machen, weil die Stürme fast immer aus Nordwest kommen. Sieht eigentlich normal aus, außer dass hinter der Jugendherberge überm Sellebrunn ein wenig zu viel Brecher zu erahnen sind.

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Auf der Südseite wird es schon etwas schwieriger. Man kann die Düne zwar noch sehen, aber nicht mehr erreichen. Es mögen nur 800 Meter sein, aber die Dünenfähre fährt heute lieber nicht.

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An der Westseite könnte man sehen, wie die Nordseite gegen das Bollwerk des Südhafens anrennt. Wenn man etwas sehen könnte.

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Kann man aber nicht, weil da nicht einfach Regen angefegt kommt, sondern Salzgischt und die ist selbst für Brillenträger ziemlich unangenehm. Abgesehen davon, dass der Wind dir sofort die Kamera wegnehmen möchte.

Einen Moment lang überlege ich, ob ich da jetzt hinunterklettere, um etwas näher an das Spektakel heranzukommen. Dann fällt mir ein, dass ich das vor drei Jahren mal getan habe. Und wie das war.

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Stattdessen gehe ich doch lieber nachhause, wo die Liebste wartet, die Palme wedelt und der Kühlschrank schnurrt.

Verweht

Seit Wochen waren wir nicht mehr auf der Düne zu Besuch. Das liegt zum Teil an den Gründen. An den Wochentagen beginnt der Schulunterricht um 7:30 Uhr und dementsprechend früh muss der Wecker klingeln. Uähhh.

An den Wochenenden lümmeln wir dann oft bis in den frühen Nachmittag im Bett herum, nur unterbrochen von kurzen Ausflügen zur Kaffeemaschine. Ahhh.

Um 16:00 Uhr fährt aber schon die letzte Dünenfähre. Ist ja Winter. Hmmm.

Neulich haben wir es aber doch geschafft, auch wenn Helgoland angeblich der Ort ist, an dem die Zeit stehengeblieben ist. Manchmal ganz wörtlich.

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Am schwarzen Brett herrscht auch eher Winterruhe.

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Und das ist auch ganz gut so. Die HerrscherInnen der Düne reagieren entsprechend indigniert.

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Das Dünenrestaurant hat natürlich geschlossen. Und was meinen sie bloß mit diesem Schild?

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Ach so.

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Das.

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Diese Holzleiste, die man da sieht, ist der obere Rand des Terrassengeländers.

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Oje, da kommt man mit einem Bagger nicht hin. Schipp-schipp, hurra.

Kommt und geht

Es ist mal wieder so weit: Die Zeit der Jahrestage.

Zuerst hat meine Schwester Geburtstag. Dann Jesus. Dann ich. Und am Schluss das ganze Kalenderjahr.

Ansonsten ist saisonbedingt nicht so viel los auf der Insel. Na gut, heute kamen über neunhundert Gäste an. Das sind die Silvester-auf-Helgoland-Menschen.

Am dritten Januar sind die alle wieder auf und davon und die Passagierzahlen sinken wieder in den gepflegt zweistelligen Bereich.

So geht das, Jahr um Jahr. Neunundfünfzig sind es nun für mich und sechs davon auf Helgoland.

Irgendwie bringt mich das nach wie vor zum Staunen, auch wenn ich nicht recht erklären kann, wieso. Eigentlich ist doch nur dieser Planet wieder einmal um die Sonne gekreist.

Und ja, dieses Jahr bekam ich von Fe einen Planeten geschenkt (der Vorgänger war leider beim vor-vor-vorigen Umzug entzwei gegangen). Den ganzen Morgen sind wir mit den Fingern herumgereist.