Zeitreise

Es braucht keine komplizierten Zeitmaschinen, um in eine Vergangenheit einzutauchen. Manchmal reicht ein Lidschlag – zumindest bei mir – und es entsteht eine ferne Welt….

Hier bin ich aufgewachsen. Wir lebten zum Schluss zu sechst in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, Toilette auf dem Treppenabsatz, Ofenheizung. Das Treppenhaus roch nach Bohnerwachs. Wir wohnten unter dem Dach.

Meine Eltern schämten sich ihrer Armut. Deshalb gibt es kein Bild aus Kindertagen von diesem Haus. Wir waren dort die einzigen Kinder. Es wohnten hier – gefühlt – nur alte Leute, darunter unsere Nennoma.

Ich vermisste als Kind dort nichts – außer einer Lederhose und mehr elterlicher Liebe. Aber meine Eltern gehörten zu einer Generation, der das Lieben ausgetrieben worden war – ‘zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl …’. Sie kannten nur den ‘hohen Ton’ der Liebe, gewaltige Wortgebäude ohne Inhalt, nicht aber die tägliche Zärtlichkeit, die liebevolle Umarmung, den Kuss zum Abschied…. Hach ja!

Wir spielten auf der Straße. Der Hof war noch vollgebaut mit alten Verschlägen und oft hing dort die Wäsche zum Trocknen – also lernte ich auf der Straße Rollschuh fahren, Fahrrad fahren, auf dem Mäuerchen balanzieren.

Gummitwist mit Bruder und Mülltonne, das ging im Hof.

Diese Straße markierte zunächst die Grenze unseres Spielplatzes. Sie war damals – in der Zeit der autogerechten Stadt – eine vielbefahrene Durchgangsstraße.

Wir strolchten über Trümmergrundstücke, die für uns verwunschene Gärten waren. Wurden von den Nachbarn gejagt, wenn man uns erwischte. Später – da gingen wir schon in die Schule – büchsten wir aus und eroberten uns nach und nach die Stadt, am liebsten aber den Weg zum Wald. Dort wurden wir Indianer, schlichen durchs Unterholz, bauten Waldhütten aus alten Ästen um einen Stamm herum.

Zwei Kirchtürme überragten meine Kindheit. An dem einen lernte ich die Uhr zu lesen.

In die andere Kirche gingen wir jeden Sonntag.

Mit ca. 9 oder 10 Jahren schickte mich die Mutter zum Einkaufen in die Innenstadt. Ja, heute würde man das nicht mehr tun. Aber damals – mehrmals lief ich am Kantplatz beinahe in ein Auto. Ich erzählte mir immer Geschichten, wenn ich zum Einkaufen in die Stadt musste, hatte deshalb sozusagen zwei Bildschirme an, manchmal auch nur den meiner Geschichte.

Ich hatte Glück. Die Erwachsenen bremsten für mich.

Jetzt trinken dort junge Eltern und Studenten einen Latte, wenn nicht gerade ******* ist.

Der Laden, in dem wir ganz früher – noch bevor wir in die Schule gingen – einkauften, ist heute eine Kneipe.

Dort, wohin ich mit der Mutter zum Mangeln der Bettwäsche ging, findet man eine Hinterhofidylle.

Die Einheimischen nennen das Quartier liebevoll ‘Watzevertel‘. Hier befand sich der Stall des städtischen Ebers – des Watz -, der die Schweine zu bespringen hatte.

Den Faselstall gibt es noch. Einiges ist hier arrangiert – und neben Gabriele Wohmann wohnt Khalil Gibran.

An der Grenze zur Innenstadt steht ein Kongresszentrum. Man hat sich mit dem neuen Stil – ‘Neokonstruktivismus’ – nicht angefreundet – vielleicht doch zu neu konstruiert?

‘Scheppschachtel’ heißt es im Volksmund.

Aber man kann den Himmel über der Stadt fast anfassen.

Und schon Teil der Innenstadt ist die ‘Krone’. Ja, die Krone. Im Frühjahr 78 feierte ich hier meine Abiklausuren.

Ich bin hier nicht mehr zuhause. Ich habe nirgendwo Wurzeln geschlagen.

Und wenn meine Brüder nicht hier lebten, käme ich auch nicht zurück – trotz allen Charmes.