18. April

Heute ist in Berlin ein Gedenktag für die fast 80.000 Menschen, die bisher an oder im Zusammenhang mit Corona gestorben sind. Nicht gezählt sind diejenigen, die unter Coronabedingungen verstorben sind.

Für die Insulaner hat der 18. April noch eine andere Bedeutung.

Am 18. April 1945 wurde die Insel so bombardiert, dass kein Stein auf dem anderen blieb.

Am 19. in der Nacht folgte die Evakuierung der Frauen, Alten und Kinder.

Zwei Jahre später – am 18. April 1947 – sprengen die Briten 6700 Tonnen Sprengstoffe in die Luft. Es sind Granaten, Raketen, Munition – Überreste des Krieges -, die hier zusammengetragen worden sind. Die Festungsanlagen auf Helgoland sollen endgültig vernichtet werden.

Die Südspitze Helgolands versinkt teilweise im Meer. Das Mittelland entsteht mit seinem Riesenkrater. Die Inseloberfläche wird zu einer Narbenlandschaft.

Als ich im Sommer 2016 zum ersten Mal durch das Oberland zur Langen Anna gehe, habe ich ein déjà vu. –

Mehr als 30 Jahre früher trampte ich durch Lothringen. Es waren Apriltage wie dieser heute – sonnig, frisch, noch nicht schwül, kühler Wind. Ein Käfer hält an. Der Fahrer, er mag damals irgendwo in den 40ern sein, winkt uns in seinen Wagen. Wr unterhalten uns in einer Mischung aus Deutsch und Französisch. Er hat schnell heraus, dass wir Deutsche sind.

Ich betrachte die Landschaft. Merkwürdig geformt, hier plötzlich ein Loch, dort ragt eine Art von Wall, ein sehr schmaler Hohlweg führt seitlich von der Straße ab. Alles ist gnädig überdeckt von Wiese, kleinen Hainen. Der Fahrer spürt mein Interesse, fragt: “Sie wissen, was das ist?” – “Ich schüttele den Kopf. – Seine Augen verändern sich, bekommen einen härteren Ausdruck. – “IHR müsstet das doch wissen.” – Seine Stimme ist brüchiger geworden. Ich schaue fragend. “Das seid ihr gewesen – mit EURE Batteries, EURE Tanks.” – Mir wird kalt. Ich rutsche tiefer in meinen Sitz – und ich sehe plötzlich, was ich sehe: Krater, Stellungsgräben, Wälle. – Ich fange an, mich zu schämen – für meinen Großvater, der weiter südlich im Elsass stationiert war als junger Mann, für meine deutsche Herkunft. Ich will das ‘IHR’ nicht, – und doch: Es sitzt mir auf dem Schoß, es sitzt mir am Herzen. Die Geschichtslektion dauert noch an, bis wir in Bar-le-Duc sind. Wir steigen aus, bedanken uns – trotzdem oder vielleicht gerade deswegen?

Zum Schluss: “N’oubliez pas!” Damit werden wir entlassen. –

Mein Großvater ist nicht freiwillig in den Krieg gezogen – und – so sagt die Familienlegende – er wäre gerne im Elsass geblieben. Denn da gab es ein Mädchen…

Er kehrte mit Kriegsende zurück. Er hatte Glück gehabt. Und heiratete eine Frau, die ein Kind mit einem französischen Kriegsgefangenen hatte.

Ich habe die Lektion von damals nicht vergessen. –

Und sah die gleichen Narben wieder.

Und sehe sie jeden Tag.

Im Krieg kann keiner gewinnen –

n’oubliez pas.

Reisen

“April, April”, flüstert mir der gemeine Wettergott zu und ich kann doch fahren.

Der Bahnhof in Cuxhaven ist das Tor in den Süden.

Naja, vielleicht ein wenig zu viel Ehre für einen Provinzbahnhof, der gerade aufgehübscht wird.

Nebenan entdecke ich einen Umschlagplatz aus besseren Tagen….

Bahn fährt zur Zeit nur, wer nicht anders kann – oder aus Überzeugung so reist.

Die Wagen sind halb leer. Man geht rücksichtsvoll und freundlich miteinander um.

Dennoch entwickelt die Bahn englische Angewohnheiten – jede Strecke, die ich nehme, wird diesmal zu einem Abenteuer: Verspätungen, technische Ausfälle – eine Übung in Gleichmut.

Die Bahnhöfe – während ich auf neue Anschlusszüge warte – sind leer wie mitten in der Nacht.

Meine erste Station ist das Hexenhaus.

Am nächsten Tag spazieren wir über den Campus der Ruhr-Uni. Vor 40 Jahren war ich schon einmal hier – wegen einer Tagung über …. ‘ich weiß nicht was’. Erkenne nur noch zwei heruntergerockte Gebäuderiegel wieder. – Der menschenleere Campus verstört und fasziniert mich zugleich.

Der Wald dagegen, den ich zwischendurch besuche, um wieder an die eine Buche zurückzukehren, nimmt uns freundlich auf.

Am Baum – ein Empfang, eine Wärme – wir sitzen und liegen neben ihm, schauen in Baumkronen – …..

dann kommt eine Frau mit E-bike, erschrickt ein wenig, als wir uns aufsetzen. “Ich besuche meinen Mann, um ihm das E-bike zu zeigen” und stellt es am Nachbarbaum ab. Sie packt Teeflasche und etwas Essen aus, setzt sich neben ‘ihren’ Baum, fängt an leise zu erzählen.

Ich freue mich – so hatte ich mir das gedacht. –

Ich hüpfe von Privatinsel zu Privatinsel – dazwischen leeres Land.

Auch D., meine nächste Station, wirkt wie eingefroren.

Dort, wo sonst Menschen im Café sitzen, müssen sich Kant und Goethe nun selbst unterhalten:

“Ei wo sinn se denn, de ganse Leit, Herr Kant?”-

“Herrr Geheimrrat, sie folgen dem kategorrischen Imperrativ.” –

Ansonsten gibt es Kunst am Baum:

So –

oder so –

In der Innenstadt muss Maske getragen werden

und das Impfzentrum ist unübersehbar ausgeschildert.

Bei einem Spaziergang abends entdecke ich dann doch ein wenig Leben – und ganz unkantisch folgt die Sehnsucht nach anderen Zweibeinern sich selbst.

Ich habe eine neue Freundin gewonnen – manchmal etwas kratzbürstig – aber mit Charakter.

Das ‘geile Fressi’ fällt durch – wenn Katzen lesen könnten ;-)

Mein Tor nach Norden – D. liegt günstig an der Nord-Süd-Achse der Bahn.

…. und dann, nach 26 Stunden unterwegs sein – zuhause.