Fliegen

Gestern waren wir wieder am Lummenfelsen.

P1060988

Inzwischen sind alle Sitz- und Stehplätze vergeben. Die Lummen legen auf diesen zentimeterbreiten Felsbändern tatsächlich ihre Eier und brüten sie auch dort aus.

P1070025

Die Logenplätze sind schon längst von den Basstölpeln belegt. Da wird gebalzt, was das Zeug hält.

P1070033

Aber es gibt auch Junggesellen, die noch auf Partnersuche sind. Guckt mal, ich bin der größte und schönste und tollste. Und ich bin noch Single! Na???

P1070036

Anderswo ist schon der Nestbau im Gange.

P1070046

Zwei Frauen vom Verein Jordsand bringen büschelweise getrocknetes Gras mit, damit die Tölpel nicht so viel Plastikmüll anschleppen, um ihre Nester zu bauen.

P1070048

Ey! Schnabel weg! Das ist meins!

P1070045

Ein wirres Neidgefühl: Die haben ganz andere Sorgen. Und sie können fliegen. Warum können wir das nicht?

Ich war nie besonders gut in Biologie, aber natürlich weiß ich so ungefähr, warum Menschen nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft zu fliegen. Stoffwechsel, Knochenbau undsoweiter. Wir sind einfach zu schwer.

Und vielleicht ist es nicht nur die physische Schwere. Wir müssen ja auch unsere Newsticker refreshen, Parteien wählen, Steuererklärungen ausfüllen und uns Sorgen wegen der Miete und der Gehälter machen.

P1070068

Auf dem Heimweg stellen wir fest, dass die Inselpastorin nicht nur Internet-Livestreams für ihren Verkündigungsauftrag einsetzt.

P1070087

Sie kann auch Straßenkreide.

Später am Abend werkeln Fe und ich an der Pizza, als plötzlich Musik von draußen erklingt. Der Nachbar von schräg gegenüber steht auf dem Balkon und bläst auf der Trompete ein Abendlied.

Irgendwie können wir doch fliegen. Jetzt jedenfalls.

P1070059

Warum können wir das sonst nicht?

Hell und Dunkel

Auf dem Weg vom Einkaufen im Unterland machen Fe und ich auf der Oberlandtreppe eine kurze Verschnaufpause und legen die Köpfe in den Nacken.

186 Treppenstufen, puh.

Hell und dunkel, ineinander verschränkt.

P1060950

Okay, fragt ihr euch vielleicht, was soll das bedeuten? Hell und Dunkel? Treppe? Aufzug? Auf einer einsamen Insel?

Ganz einfach:

Helgoland ist keine Sandbank wie die meisten anderen Nordseeinseln. Es ist ein Felsen, der zu zwei Dritteln gut 50 Meter aus dem Meer aufragt. Das andere Drittel der Landfläche liegt aber fast auf Meeresniveau. Also gibt es ein Ober- und ein Unterland und dazwischen eine Steilklippe. Die will man nicht jeden Tag hinauf- und hinabklettern, also gibt es seit dem 18. Jahrhundert (soweit das bekannt ist) eine Treppe.

Später, als der Felsen ein Seebad geworden war, kam dann ein Aufzug hinzu. Der sah erst einmal so aus, wie man das heute noch auf alten Postkarten oder im Helgoland-Museum sehen kann.

Wenn man den Geschichtsbüchern glauben darf, war das eine helle Zeit für die Insulaner.

alter_aufzug_1885

Nachdem die im zweiten Weltkrieg die halbe Welt inklusive Deutschland und auch Helgoland  abgefackelt wurde, sah der alte Aufzug dann eher so aus.

fahrstuhl_1945

Dunkelheit fiel über den Felsen, bis die Insulaner nach sieben Jahren allmählich wieder zurückkehren konnten.

Heute ist der Aufzug eine eher prosaische Einrichtung:

Eine im Jahr 1958 erbaute zweizügige Anlage nach dem Otis-System, die in die Steilklippe hineingebaut ist. Nichtsdestotrotz ist es sozusagen die Helgoländer U-Bahn. Sie mag nur 38 Meter weit fahren, aber dafür in der Vertikalen. Und sie ist sehr hilfreich, wenn sperrige oder schwere Dinge ins Oberland transportiert werden sollen. Oder wenn man nicht mehr so gut Treppen steigen kann.

In den letzten Tagen ist auch hier alles ganz anders.

Normalerweise sind die Kabinen permanent unterwegs, aber wenn man ungeduldig ist, kann man sie auch herbeiklingeln. Dann kauft man eine Fahrkarte oder lässt als Insulaner ein Loch in die 100er-Karte knipsen.

P1070084

Das geht zur Zeit natürlich nicht mehr. Die Kabinen sind viel zu klein, um effektiv Abstand zu halten und die Menschen, die normalerweise den Aufzug bedienen, sind… nun, Menschen.

Also fahren wir bis auf weiteres in Eigenregie im Aufzug. Es gibt sowieso nur zwei Stockwerke. Und die Karten abknipsen ist Ehrensache, das machen wir nachträglich, wenn dieser böse Traum vorbei ist.

Wenn es wieder heller wird.