Orkanwarnung

Draußen sein ist kein Spaß mehr. Wie ein Moshpit, nur ohne Leute. Die Jungs vom Hafentransport bringen noch schnell ein paar Container in den Windschatten des Zollgebäudes.

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Das Haus macht ein Geräusch wie in einem Vampirfilm und durch das Fenster hört man von draußen Geräusche von Dingen, die sich normalerweise nicht im Wind bewegen.

Nord-Ost

Meistens kommt der Sturm hier aus Südwesten (der Südwester hat seinen Namen nicht von ungefähr). Auch das Dorf ist so gebaut, daß es dem Wind – so gut es geht – den Rücken zuwendet.

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Dann wird es für kurze Zeit ganz still und das Licht ist seltsam.

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Am nächsten Tag Nord-Ost-Wind, wahlweise aus Norwegen, Grönland oder Island. Brrr. Und der drückt nicht gegen das Küchenfenster, sondern gegen mein Schlafzimmerfenster. Irgendwann ab Windstärke acht geben dann die Dichtungen nach und es wird Zeit, Handtücher auf die Fensterbank zu legen.

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Keine Schiffsverbindung, keine Gäste und ich lese Strindbergs Aus meinem Leben. Ein bißchen skandinavische Schwermut ist ja ganz ok bei diesem Wetter, aber irgendwie hackt er mir zuviel auf seiner Frau herum (die er kurz zuvor etwas holterdipolter hier auf dem Felsen geheiratet hatte). Bastele stattdessen an ein paar Freifunk-Routern herum.

So geht das ein paar Tage, bis dann eines Morgens der Himmel aufreißt und sagt: Was denn? Ich tu doch garnichts.

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Ein Arbeitskollege kommt aus dem Urlaub zurück, erzählt von schwer bewaffneten Polizisten am Bahnhof und daß seine Tasche im Zug zwischen Hamburg und Bremerhaven dreimal durchsucht wurde.

An der Frachthalle gegenüber vom Zollamt die ersten Anzeichen von Weihnachtsbeleuchtung. Ach nee.

Trugbild

Ist das ein Vogel oder hat mir jemand was in den Tee getan?

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Auch ansonsten ein ruhiger Tag. Schöne Inselführung, Gäste mit diesem fast unmerklichen wir-wissen-schon-warum-Lächeln in den Mundwinkeln. In kreischendem Gegensatz dazu die neuesten Nachrichten vom Festland.

Hier wäre es schwer, überhaupt genügend Menschen zusammen zu kriegen für eine solche Grausamkeit. Nicht mal die Nazis haben das geschafft, siehe Kropatscheck. Man kann sich hier nicht verstecken hinter irgendeiner Bewegung, Religion oder was auch immer da herhalten muß. Was man tut oder läßt, geschieht allerzuerst in der ersten Person.

Spätestens im Dezember werde ich auch wieder aufs Festland reisen. In ein anderes Land.

Komisch, das mit der Insel.

Helmut und Andreas

Helmut. Ich erinnere mich, wie er das Amt übernahm und ich dachte, oh, nach meinem Deutschlehrer wird jetzt mein Mathelehrer Kanzler. Cool fand ich ihn schon, mein Vater fand ihn auch besser als Willy.

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Einen Tag später ist mein Ex-Kollege Andreas gestorben. Der war nie Bundeskanzler (das wäre mal eine echt spannende Ära geworden ;-), aber hat mir mindestens einmal beruflich den hinteren Stoßfänger gerettet.

Mann, Andreas. Du kuckst jetzt von oben auf uns runter und sagst “Regt euch mal wieder ab, mir gehts gut.”

Helmut wahrscheinlich auch.

Beziehungskisten (2)

Normalerweise erwartet sie mich immer an der Oberlandtreppe, seit Neuestem aber schon morgens vor meinem Arbeitsplatz.

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Ich sage ihr, hör mal, ich weiß nicht, ob ich schon wieder bereit für eine Beziehung bin. Sie sagt: Mrrrrr.

Außerirdische

Helgoland, die Insel der der Fußgänger und Elektrogefährte. Selbst für ein Fahrrad braucht man eine Ausnahmegenehmigung. Ja ja, kennen wir, wissen wir schon. Gähn.

Heute morgen surrte aber ein Außerirdischer mit seinem – äh ja, was ist das bloß? – Gefährt an meiner Wohnung vorbei. Huch!

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Heute nachmittag habe ich ihn im Oberland wiedergetroffen: Er ist ein Erdenmensch und das Dingens ist ein Ninebot One. Auch wenn es erst mal nicht so aussieht, kann man damit anscheinend durch die Gegend fahren, ohne andauernd umzufallen.

Cowboys

Die Wintersaison ist im Anmarsch und die ersten Geschäfte motten sich bis zum Frühjahr ein. So auch die “Bunte Kuh“, ein putziges Eß- und Trinklokal am Binnenhafen.

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Vorher ist aber noch die bunte Kuh der “Bunten Kuh” renoviert und frisch lackiert worden. Die Helgoländer Cowboys helfen beim Aufstellen; die Jungs von der Helikopterstation der Marine mit einer Elektrokarre und einer der Schiffsausrüster mit dem Gabelstapler. Etwas improvisiert, klappt aber.

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Vor einem Jahr etwa erzählte mir ein Besucher, daß er es albern finde, wie hier der Name des Hanseschiffes benutzt wird, das die Freibeuter Klaus Störtebeker und Gödeke Michels vor Helgoland stellte und gefangen nahm. Na jaaa. Vielleicht war es ja der Vater einer der vielen Gästekinder, auf die die bunte Kuh an der “Bunten Kuh” eine ähnliche Wirkung hat wie das Zuckerzeugregal an der Supermarkt-Kasse ;-) .