Tratsch

Ich liebe die Insel, die Abgeschiedenheit, den freien Blick auf den Rest der Welt und den Alltag, zu dem Seevögel, Robben, Schiffe und Stürme wie selbstverständlich dazu gehören.

Was ich nicht so sehr liebe, ist der Tratsch im Dorf. An manchen Tagen passiert halt nichts Sensationelles auf dem Felsen und manche Insulaner langweilen sich dann so sehr, daß sie sich ihre eigenen Sensationen ausdenken und auch eifrig herumerzählen. Mir persönlich ist das relativ egal, denn ich bin ein alter Mann, über den es nichts Besonderes zu tratschen gibt.

image

Ich habe aber Freunde, die gelegentlich so etwas wie romantische Begegnungen haben, häufig sogar mit Mitgliedern des anderen Geschlechtes. Dann dauert es gefühlte zehn Minuten, bis der Inselfunk meldet: Frau mit Mann an der Landungsbrücke gesehen! Ohne Aufsichtsperson! Oho, aha aha!

Und es macht mich zornig, zu sehen, wie die jungen Leute versuchen, sich unter der Gerüchteschleuder wegzuducken. Ganz besonders die Frauen, denn die sind ja gegebenenfalls die Schlampen, während die Jungs mit einem “na na na, du ollen Schlawiner” davonkommen. Ja, das gibt es immer noch, im Jahr 2015. Örks.

wpid-1020928.jpg

Liebe Mitinsulaner, die Amerikaner sind nicht immer ein Vorbild für die vorbildliche  Lebensgestaltung, aber sie haben eine Redewendung, die hier ganz gut paßt: Get a life.

Besorgt euch mal ein eigenes Leben, anstatt euch des Lebens eurer Mitmenschen zu bemächtigen. Geht raus zur langen Anna, laßt euch den Mief aus der Jacke und dem Hirn pusten und freut euch, wenn andere Menschen hier ihr kleines persönliches Glück finden.

image

Natürlich sind nicht alle Insulaner so, sonst wäre ich wohl kaum mehr hier.

Aber ein paar. Also ein paar zuviel.

Sommersturm

Hier im Hafen sieht Alles ganz friedlich aus.

image

In Wirklichkeit hat der Wind auf Stärke 8 aufgefrischt und die Fährschiffe bleiben in ihren Festlandshäfen.

image

Aber ich Dödel war gestern ohne Jacke unterwegs. Es sah halt so gut aus und jetzt hab ich Halsschmerzen. Örks.

image

Wieder zu Hause

Die Reise zur Fusion war voller kurioser Erlebnisse und Kulturschocks, die gewissermaßen bei der Ermittlung des eigenen Lebensmittelpunktes hilfreich sind. In der terrestrischen Navigation muß man sich auch ein wenig auf dem Erdball hin- und herbewegen, dann kann man durch Winkelmessung und Kreuzpeilung herausfinden, wo man sich eigentlich befindet.

image

Leider ist Berichterstattung über das Festival durch die Veranstalter und die meisten Teilnehmer generell unerwünscht, ein Standpunkt, den ich zwar in seiner Pauschalität unsinnig finde, aber dennoch respektiere.

image

Inzwischen bin ich wieder auf den Felsen zurückgekehrt. Alles ist wieder ganz normal und alltäglich. Nach Feierabend am Strand sitzen, den Robben zukucken und G.’s Gitarrengeklimper lauschen.

image

Ob ich wohl glücklicher wäre, wenn ich in Hamburg oder Berlin leben würde?

image

Ich habe meine Zweifel.

Fusion (Love, Peace und Dixiklo)

Das Fusion Festival hat so ziemlich garnichts mit Helgoland zu tun, abgesehen davon, daß auch dort Alles – angeblich – ein wenig anders ist und daß der Felsen in diesem Jahr eine diplomatische Vertretung auf dem Festival hatte. Gerüchteweise gab es auch eine zweite Helgoländerin auf der Fusion, aber die hat die Flagge wohl nicht gesehen (oder entsetzt $%&*#?!!! gemurmelt und ist weitergegangen).

wpid-1020791.jpg

Einmal im Jahr versammelt sich auf einem verlassenen Militärflugplatz in Mecklenburg-Vorpommern eine temporäre Population von 50.000 bis 70.000 größtenteils spätpubertierenden Hippies mit originellen T-Shirt-Sprüchen und Multicolor-Wursthaaren zu fünf Tagen Love, Peace und Dixiklo. Die meisten kommen aus Berlin, manche aus Hamburg, der Rest von irgendwo anders und alle sind so lieb, daß das Bier immer noch in Glasflaschen verkauft wird, ohne daß jemand deswegen sterben muß.

wpid-1020855.jpg

Das politische Spektrum oszilliert in etwa zwischen Links-Außen und der Mondbasis Alpha.

wpid-1020844.jpg

Neben Flaschbier werden vermutlich auch allerlei generationsspezifische Partydrogen konsumiert, aber das erscheint mir persönlich ziemlich überflüssig. Wer will, kann sein Auto natürlich auch den Berg runter schieben.

wpid-1020839.jpg

Ich bin schon hinreichend fasziniert und verwirrt von der unendlichen Vielfalt an Musik, Lichtinstallationen und temporären Konstruktionen, die größtenteils aus alten Diaprojektoren, Autowracks und Baustellen-Abfällen zusammengenagelt sind. Genug, um selbst den abgebrühtesten digitalen Bildsensor auszuknocken.

wpid-1020851.jpg

wpid-1020677.jpg

wpid-1020748.jpg

wpid-1020875.jpg

Gefühlte zehntausend mal stehe ich da mit hängender Kinnlade und denke: Was??? Ist??? Das??? Architektur? Erlebnis-Gastronomie im Hobbitland? Oder einfach nur das, was draufsteht?

wpid-1020781.jpg

wpid-1020651.jpg

wpid-1020608.jpg

Wo sonst kann man eine Hollywoodschaukel finden, die aus den Überresten eines alten Mercedes-Benz gebaut wurde? Einen direkt erkennbaren kommerziellen Wert hat das alles nicht und das ist das Tolle an der ganzen Geschichte.

wpid-1020607.jpg

Natürlich braucht man trotzdem eine Eintrittskarte. Ich kann mich zwar erinnern, daß es bis vor sechs Jahren nicht einmal einen lückenlosen Außenzaun um das Festgelände gab, aber das hat sich inzwischen notgedrungen geändert. Eventuell ist die Fusion auch das einzige Sommer-Open-Air, das sich verzweifelt bemüht, nicht mehr größer zu werden, weil sonst Alles kaputtginge, das so besonders daran ist. Der Erwerb eines Fusion-Tickets ist inzwischen nur noch per Lotteriegewinn möglich und ähnelt operativ eher dem Abschluß eines Bausparvertrages. Ja genau, man nimmt an einer Verlosung teil und wer nach zwei Losrunden immer noch kein Ticket hat… tja, der hat Pech gehabt.

Deswegen gibt es jetzt einen ziemlich gräßlichen Zaun, der von zahllosen Freiwilligen und Supportern gnadenlos bewacht wird.

wpid-1020612.jpg

Übrigens weiß man bis zur Ankunft nie, welche Künstler eigentlich auftreten werden. Und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen . Die Monster-Headliner, deren Namen zehnmal größer auf dem Plakat stehen als alle Anderen, gibt es eh nicht. Mal spielt Jello Biafra oder New Model Army, dieses Jahr war Anne Clark da, von der manche behaupten, sie hätte mit “Sleeper In Metropolis” den Elektropop erfunden.

wpid-1020730.jpg

Klar muß man da hin, natürlich auch zu Ton Steine Scherben, aber ansonsten bevorzuge ich einen ziemlich planlosen Zickzackkurs zwischen den zahllosen Mini-, Mikro-, und Nanobühnen (zwei davon in Baumhäusern), wo dann um vier Uhr morgens ein standhafter Saxofonist und sein Kumpel mit Hi-Hat und Bum-Bum ein Publikum von fünfzig Menschen genau so effektiv wegrocken wie Feine Sahne Fischfilet ein paar Tausend.

A propos Fischfilet: Die Fusion ist ein vegetarisch/veganes Festival. Keine Bratwurst. Erwähnte ich schon, daß das Bier in Glasflaschen verkauft wird ?

Erschreckt stelle ich gerade fest, daß sich dieser Text liest wie ein Reklametext, uff. Sollte nicht so sein, ergab sich aber aus der Natur der Dinge. Also der Vollständigkeit halber: Es gibt auch Deppen auf der Fusion, die Dixiklos sind, nun ja, Dixiklos, aber ich habe schon viel viel Schlimmeres gesehen. Die Müllabfuhr sieht zwar aus wie aus einem Mad-Max-Film entliehen, ist aber unerschrocken und unermüdlich.

wpid-1020780.jpg

Falls man sich verlaufen hat, gibt es auch Wegweiser. Die sind wirklich vorbildlich – ich weiß nur noch nicht, für was .

wpid-1020803.jpg

So eine Art Sammeltaxi gibt es auch – wenn man sich traut. Der TÜV Mecklenburg-Vorpommern hätte da vielleicht einige Kritikpunkte anzumerken.

wpid-1020788.jpg

wpid-1020786.jpg

Wer es nicht glauben will: Einfach mal im Oktober für die nächste Ticketverlosung eintragen und selber kucken! Vorsicht, der Rest der Welt kann danach für einige Zeit blaß und langweilig erscheinen ;-> .

wpid-1020837.jpg

Fusion, hach. Bis nächstes Jahr dann.