Mieser Scherzbold

E-i-g-e-n-t-l-i-c-h wäre ich jetzt auf dem Schiff Richtung Cuxhaven.

Eigentlich! – Denn gestern schaue ich auf den Wetterdienst. Er kündigt Sturm an. Dann die Seite der Reederei –

Na toll, denke ich, jetzt muss ich meine Leute anrufen, umdisponieren, die Fahrkarte bei der Bahn stornieren. :-//

Draußen brist es schon auf.

Heute Morgen ist mein Dachfenster mit einer Schneedecke belegt.

Na schön, denke ich, drehe mich um, versuche weiterzuschlafen. Träume von Schule – GRRRRR!

Als ich aufstehe, ist der Friedhof überzuckert, aber die Sonne scheint.

Na gut, denke ich, der Sturm ist schon durch.

Ich mache mich auf den Weg, um meine Fahrkarte umzubuchen.

Draußen ist es kalt. Schauer von Eisbröckchen. Dazwischen kurz Sonne.

Im Osten blaut es.

Im Westen graut es.

Der Wind treibt den Hagel vor sich her, jagt durch die Wimpel der Fußgängerzone.

“Jetzt reicht’s langsam mal”, schimpfe ich zu ihm.

Er ist ‘schlimmer’ als die Kinder. Er hört GAR NICHT.

Heute Nachmittag –

HA HA, denke ich, seehhhr komisch. – musike

Ostern

Auferstehungs-, Frühlings-. Hoffnungsfest:

All das will sich bei mir dieses Jahr nicht so recht einstellen.

Ich denke ein Jahr zurück. Von heute aus gesehen wirkt diese Zeit fast idyllisch – obwohl sie das nicht war:

erste Pandemiewelle, Schulen geschlossen, alles gesellschaftliche Leben auf null gebracht.

Debatte über die Wirksamkeit von Masken –

Aber es schien Hoffnung zu geben – die Welt schien noch Glanz zu haben –

es gab Tipps für dye-Hefe,

es gab Galgenhumor,

es gab bemalte Eier und Straßengraffiti –

Jetzt wirkt der Hang an der Treppe wie das Spiegelbild der allgemeinen Befindlichkeit …

und doch:

Auch wenn der Saisonstart wieder verschoben ist – nach den 18. April -, einzelne Geschäfte machen auf,

Hotels bereiten sich auf Gäste vor.

Aus der Kirche weht leise Gesang aus dem ökumenischen Gottesdienst herüber. –

Wie schön, wie tröstlich …

Auf einem Busch auf der Westseite der Nicolaikirche versammeln sich Spatzen und Stare seit Wochen zu Sonnenbad und Palaver.

Die Stare sind noch ein wenig scheu. Aber die Spatzen interessieren sich nicht mehr für die großen Zweibeiner. Sie singen ihr Hochzeitslied – und ….

In den Ferien geht ein Musikprojekt für die Kinder weiter – Danke, Leute.….

An den Postfächern finde ich zwei Aushänge mit Abreißzetteln.

Es klingt so einfach und scheint so schwer –

Na – dann mal an die Arbeit ;-)

Nicht vorüber

Manchmal – wenn nichts mich trösten kann -,

gehe ich auch bei Schietwetter hinaus. Ziehe die alte Regenhose an, die ein wenig zu groß ist, packe mich im Anorak ein.

Nur ein paar Hundebesitzer laufen mir über den Weg.

Am Sendemast ein Rauschen – man hört sich selbst kaum.

Ein scharfer Wind von Nordwest drückt mich mal gegen das Land, dann treibt er mich an den Zaun. Wie gut, dass der Klippenrand gesichert ist. Der Regen klatscht gegen Kamera und Haut – vermischt mit Eiskörnchen.

Im Gehen und Stemmen, im Getriebenwerden und Balance halten werden Kopf und Herz freier.

Bin beschäftigt mit dem, was ich sehe, dem Unmittelbaren.

Menschen haben ihre Liebe zugeschlossen und an den Klippenrand gehängt. Dort rosten die Lieben vor sich hin. Ob sie wohl noch zusammen sind? –

Gespräche mit den Kindern – ähm: Jugendlichen – über Verluste:

Eine sagt: “Meine Oma ist jetzt dort oben und passt als Schutzengel auf mich auf.” Sie fragt: “Ist das mit Ihrem Mann genauso?” –

Ich halte inne, antworte: “Ja…. – so in etwa.” Und denke bei mir, du warst mir in deinem physischen Leben oft einer. –

Vor ein paar Wochen schickte mir eine Freundin ein Gedicht von Rose Ausländer:

Nicht vorüber

Was vorüber ist

ist nicht vorüber

Es wächst weiter

in deinen Zellen

ein Baum aus Tränen

oder

vergangenem Glück.

DANKE!

Aufräumen

Welcher Künstler malt das? – Immerzu – und jeden Tag ein wenig anders?

James Krüss hat dazu eine eindeutige Antwort ;-)).

Die Vögel beginnen mit dem Nestbau.

Die Plastikreste, mit denen die Basstölpel gerne ihre Nester auspolstern, hat jemand an den richtigen Ort geräumt.

Auch die großen Zweibeiner bereiten den Saisonstart vor.

Überall auf dem Felsen wird geputzt, gestrichen, gehämmert ….

die Gärten sind aufgeputzt ….

und wo es keinen Garten gibt, bewacht ein Seemann die Töpfe vor der Haustür.

Es müssen nicht immer Eier sein….

Manche Insulaner sind optimistisch, stellen schon Stühle und Tische bereit

…und suchen neues Personal ….

Der Hund der Friseurin hat wieder seinen alten Platz eingenommen.

Der Einzelhandel bereitet sich schon auf die Luca-App vor. Sie verspricht den Location-Betreibern eine Erleichterung bei den Kontaktnachweisen der Kunden. – Zumindest den Papierkrieg würde sie erleichtern.

Aber noch muss – zumindest bis zum 28.03. – Abstand gehalten werden: also vorläufig kein gemütliches Käffchen mit (Fast-)Kuschelfaktor.

Was dann kommt? –

In dem Informationsrundschreiben des Rathauses findet sich eine Vision:

Helgoland als grünes, innovatives Fleckchen mitten in der Nordsee. ….

Ja dann …. .

dann komme ich im nächsten Leben als Künstlerin zurück und bringe meinen Liebsten mit …

Der Weg unter meinen Füßen

Anfang März war ich für eine Woche auf dem Festland.

Es ist keine Spaßreise wie sonst.

Wie sonst, wenn im Frühjahr der Zugvogel in mir erwacht und leise singt: “Lass’ mich ziehen! Lass’ mich fliegen!”

Diesmal habe ich etwas zu erledigen.

Der Felsen versinkt sofort hinter einer Nebelwand. Eine Kultschmonzette aus den 80ern, ‘The Mists of Avalon’, fällt mir wieder ein.

Ich kann gut alleine reisen. Aber es war schöner zu zweit. Ich denke an den Menschen, der mich geliebt hat – und die Dunsttröpfchen vermischen sich mit körpereigenem Salz.

Im Bahnhof von B. zieht die globalisierte Welt an mir vorbei.

Eine kleine blonde Frau fragt, ob der Zug nach D. wirklich fährt. Ich bejahe, suche die Abfahrtszeit noch einmal heraus. Sie erzählt, dass sie ihre Kinder seit Jahren zum ersten Mal sehen wird. Der Ex – und so: “….was Männer alles tun!” – Ich seufze verständnisvoll und denke: Hach, es gibt auch andere…..

Werden und Vergehen liegen nahe beieinander:

Die letzten Reste eines Menschen werden an ihren Platz gebracht und verabschiedet. Unter *******-Bedingungen wird dieser Anlass noch stiller. –

Ein Kindergeburtstag wird gefeiert. NEIIINNN- kein Kinderkontent !!!

Ein Einkauf führt uns zu einer Straße, die ihre letzten Bäume verloren hat. –

OH jaaa – es gibt sehr viel mehr Gründe zu trauern, als über einen persönlichen Verlust ….

z.B. den Zustand der Welt……

Und daneben liegt die pure Lust am Leben:

Auf der Rückfahrt – die letzte Etappe ist immer das Schiff. Zu zweit war es ein Fest: Tirili, tririla, wir fahren nach Hause.

Ich schließe die Tür auf. Die Wohnung ist nicht leer ….. angefüllt mit Atmosphäre.

Ich fühle mich zuhause aufgenommen.

Misty

Ende Februar wird der Felsen in Watte gepackt.

Zwei Tage lang endet der Weg nach spätestens 10 Metern im Nichts.

Manches tritt deutlicher hervor, anderes verschwindet. Die Dinge nehmen neue Formen an….

Reckt sich da ein Vogelsaurier? –

Ich denke an einen Spaziergang vor Jahren in der Bretagne: Ich ging in der Dämmerung über das Watt eines Aber und schaute auf die gegenüberliegende Uferkante. Etwas glänzte und flirrte dort. Waren das die Dolmen, an denen ich schon gewesen war, oder doch tanzende Feen? –

Es ist still.

Die Galloways stehen Schlange vor ihrem Verschlag – wie echte Briten. Einer schaut herüber: ‘No, Lady’, sagt sein Blick, “we are Scotish.”

Etwas schimmert durch den Dunst – ein kurzer Moment von Transparenz…

Jemand hat einen blassen Lampion ins Grau geheftet.

Abends hat sich der Nebel verzogen, legt den letzten Wintervollmond frei.

Nachts ein Silberfluss auf dem Kirchendach.

Zwischendurch….war auch mal Schnee

”S drätschd’, wie man in Hessen sagt. Selbst wir Insulaner springen bei solchem Wetter nur schnell zum Einkaufen und wieder zurück aufs heimische Sofa. Gott sei dank sind hier die Wege kurz.

Aber vor 7 Wochen … Schnee! Auf Helgoland!

Nach einem Tag Sturm liegt so viel, dass auch hier der Schneeräumer ausrückt.

Die Festländer unter euch mögen jetzt die Achseln zucken. Im europäischen Mittelgebirge fällt (fast) jedes Jahr Schnee – auf Helgoland das letzte Mal im Januar 2016.

Der Schnee reicht sogar für zwei zeitweilige Nachbarn. Die Kinder von gegenüber haben sie standesgemäß ausgestattet. Schade, dass sie schon nach zwei Tagen wieder den “Kopf verloren” haben.

Die Insulaner sind mit Kind und Kegel unterwegs. Das ist man hier nur an hohen Feiertagen, wenn noch keine Touristen da sind. Und auch uns treiben Sonne und Schnee nach draußen.

Nein – der Schatten neben mir ist nicht T., sondern mein Sohn, der für drei Wochen nach Helgoland gekommen ist, um nach seiner maman zu schauen.

Wir gehen zur Langen Anna, sitzen dort, reden manchmal, schweigen.

Über was (erwachsene) Söhne und Mütter sprechen? Nun ja, Familiengeschichten, Verluste, den Fortgang der Welt, persönliche Wege….

Abends in der Küche beim Kochen ist die Atmosphäre plötzlich so dicht, als ob drei Menschen werkeln.

Schade, wir hätten auch zu dritt die Zeit sehr genossen….

Ein paar Stunden und Zeilen später ….. der Regenvorhang geht auf und – tata…

das täglich ewige Schauspiel beginnt aufs Neue.

In eigener Sache

Wie in einem Bühnenhaus irgendwann die Intendanz und die Regie übergeben werden muss, so ist es auch beim halunder blog.

Ein früherer Autor ist gegangen. Eine Autorin – Frida – tritt die Nachfolge an. Wer Frida ist, kann im Impressum nachgelesen werden.

Der Rahmen, den der frühere Autor John Raoul Dombart angelegt hat, ist ein sehr schöner und soll erhalten bleiben.

Aber Frida, als die ich den blog weiterführe, wird vielleicht hier oder da andere Akzente setzen und einen eigenen Stil entwickeln. An die alten Geschichten, die der geliebte Autor toll erzählt hat, werden sich neue anschließen.

Wem dies nicht gefällt, sollte seine feeds zu diesem blog löschen. Den ‘alten ‘blog’ ohne meine Fortsetzung kann man auch unter

https://conifer.rhizome.org/despens/dombart/https://halunder.blog/

genießen.

Es war einmal

Es war einmal ein Dezember. Der hatte kaum angefangen, da war er auch schon wieder vorbei.

Da geht dann die Sonne spät auf und früh unter. Wer Licht will, muss es selbst anknipsen.

In diesem Jahr gilt das im doppelten Sinn, denn auf dem Festland wütet immer noch das $%&?!!!-Virus. Selbst die treusten Winterurlauber dürfen uns nicht besuchen. Nicht viel bewegt sich auf der Insel, außer zum Beispiel die Baustellenprahme im Binnenhafen, der gerade saniert wird.

Selten begegne ich unbekannten Gesichtern und das sind dann meistens Eltern oder Großeltern verschiedener Insulaner. Die dürfen nämlich mit einem entsprechenden Test vom Festland auf die Insel “evakuiert” werden.

Oft ist alles grau in grau und nur selten geht mal ein Licht an. Wie symbolisch.

Immerhin gibt es ja auch noch einen Adventskranz zur Gemütsaufhellung. Wie üblich auf der Insel ein wenig kleiner…

Am ersten Weihnachtstag machte das Schietwetter dann eine kurze Pause.

Weihnachten auf Hawaii ;-) .

Und dann kam zur Abwechslung mal ein Orkan und fledderte die Palme vorm Fenster.

Sie ist das aber schon gewohnt. Auch die tibetanischen Gebetsfähnchen blieben dran. Ein Hoch auf die Powerstrips-Klebehaken. Prädikat orkansicher!

Die Nordsee war entsprechend auch wieder etwas grantig.

Du willst mich fotografieren?

Dann mach’ ich dich ein bisschen nass, ätsch!

Und so gehen die Tage dahin. Seit die Schulferien begonnen haben, weiß ich manchmal nicht auf Anhieb, welcher Wochentag eigentlich ist. Aber das gab es in früheren Jahren auch schon mal.

Vielleicht bin ich inzwischen abgestumpft. Ich achte nicht mehr auf irgendwelche Infektionszahlen. Die sind fünfstellig, weiß ich schon. Ich achte darauf, dass ich Abstand halte (hier nicht so schwer) und immer einen Schnutenpulli einstecken habe.

Und damit halten wir durch, bis andere Zeiten kommen.