Youngster

Der erste Tag in Socken und festen Schuhen –

noch kann man draußen eine Weile sitzen – auch wenn die Erde nicht mehr so viel Wärme spendet.

Am Horizont liegen wie Geisterschiffe die Containerfestungen, die auf den Ruf aus Hamburg warten.

So spart man Geld, denn die Außenreede vor Helgoland kostet nichts.

Ganz zart ein Silberstreif am Horizont – ganz zart auch der Strahlenmantel, den der eigenartige Stern wirft, den wir Sonne nennen.

Die jungen Basstölpel vertreten sich die Füße. Es scheint auch unter Jungvögeln außerhalb des Nestes interessanter zu sein als bei den Alten.

Und die Flügel wollen probiert werden. Auch die geistigen….

In der Schule denken wir gerade über Sprache nach.

J. hat seine Stirn in Falten gelegt und brütet über Nomen.

Ich: “Worüber denkst du gerade nach?”

J.: “Also ‘Kapitän’. – Das sind ja immer Menschen. Aber ‘Kapitän’ ist ja auch was, was sich Menschen ausgedacht haben. In welche Spalte gehört das jetzt?”

Ich: “Welche Spalten kommen denn für dich in Frage?”

J zeigt auf die Spalte ‘Lebewesen’ und die Spalte ‘Gedanken’.

Ich: “Prima. Schreib’s in beide Spalten.”

Der letzte Sommervollmond rundet sich gerade – und ist schon so herbstlich wie …..

I wish ……

Arbeiten auf Disneyland

Septemberalltag auf einer Insel –

ganz leise und allmählich gehen die Gästezahlen zurück.

Unter mir ist es wieder ruhig geworden. Die Handwerker meines Vermieters haben ihren Auftrag zu Ende gebracht.

Tatsächlich hatten wir in der letzten Zeit einige ‘südliche’ Tage.

Dennoch das Licht hat sich deutlich geändert.

Am Himmel ziehen wieder mehr Wolken –

und im Gras des Oberlandes findet sich mehr und mehr Abgeblühtes.

Wenn ich jetzt morgens aufstehe, ist es noch dunkel. Ich schaue dem werdenden Tag mit einer Tasse Kaffee zu, bis es Zeit ist, sich für die Schule fertig zu machen.

Auch auf dem Vogelfelsen schließt sich langsam der Zyklus:

Die Jungen sind fast flugreif.

Der eine oder andere probiert sich schon aus.

Und der Wind, der die Basstölpel bald raus auf’s offene Meer ziehen wird, hat wieder zugenommen.

Jetzt fallen sie nicht mehr einfach -plumps – neben ihre Niststelle (die Basstölpel sind nicht gerade bekannt für elegante Landemanöver ;-)).

Sie stehen wieder vorher einen kurzen Moment im Wind.

Gestern habe ich zwei Päckchen an Freunde und Familie losgeschickt und gemerkt, dass ich lange nicht beim Zoll war.

Jetzt muss man ALLES verzollen – auch selbst gestrickte Socken für eine Freundin. Uiih!

Der junge Mann, der diese Richtlinie umsetzen musste, war geduldig mit meinem offenen Unwillen. Während des ganzen Hin- und Hers – Zettel ausfüllen, Wertangaben machen, Gebühren ausrechnen – schaut er mir irgendwann in die Augen und sagt: “Glauben Sie, dass mir das Spaß macht?” –

Ich blicke in ein zartes Vollmondgesicht und freundliche Augen. “Nein”, ich schüttele den Kopf. “Tut’s auch nicht”, antwortet er – und jetzt habe ich langsam Mitgefühl mit ihm und denke an die Unsinnigkeiten, die ich schon in meinem Job machen musste.

‘Okay’, denke ich, während mein Gegenüber mir erklärt, dass das Ganze auf eine neue Bestimmung vom 1.07. zurückgeht, nach der tatsächlich ALLES verzollt werden muss, ‘ich zahle dann halt zweimal Mehrwertsteuer’. Denn ich gehöre nicht zu denen, die bei jeder Rechnung die Befreiung von derselben geltend machen.

Später hole ich mir eine Frustzigarette bei einem Bekannten, dessen Geschäft auf meinem Heimweg liegt. Ich muss die neue Story doch erstmal loswerden.

Dann kommen Kunden. Ich verabschiede mich: “Ich geh’ mal. Du musst jetzt arbeiten.” – Die Kunden lachen sich halb kaputt. “Aaarrrbeiten?” –

“Ja”, sage ich, “arbeiten. Hier leben ganz normale Menschen, die arbeiten, damit Sie hier Urlaub machen können.” –

Liebe Helgoland-Gäste,

Helgoland ist kein Disneyland. Es ist ein kleiner Fleck im Meer – einer der abgefahrendsten Orte der Welt. Ein paar Verrückte leben hier, weil es hier tatsächlich schön ist, auch wenn ihr nicht da seid.

Das Leben hier ist nicht easy-peacy, wie es sich von außen darstellen mag. Hinter jeder Leichtigkeit steckt Übung und viel Erfahrung. So ist es auch hier:

Jedes Bett, das frisch gemacht ist, wurde von jemandem hergerichtet.

Jedes schön angerichtete Menu hat jemand vorher zubereitet.

Jeder locker erzählte Geschichte Helgolands wurde in langen Stunden zusammengelesen, geistig verdaut, um sie später einer Gästegruppe zu präsentieren.

All die dienstbaren Geister, die ihr nicht seht, arbeiten dafür, dass Gäste auf Helgoland urlauben können. – Und nach der Arbeit schlurfen sie nach Hause,

essen etwas, sind noch in Familie oder vor dem Fernseher, fallen ins Bett –

oder zünden noch eine Kerze an.

Rückblick

Gestern noch schien der Sommer unendlich lang, heute treibt Tief ‘Manfred’ Wolken und Nass über den Felsen.

Die große Zeit der Stockrosen geht spürbar ihrem Ende entgegen.

Die ersten Holunderbeeren sind reif

und die Heckenrosen, die die Helgoländer liebevoll ‘Kartoffelrosen’ rufen, tragen Früchte.

Die Ankündigung des Inselschamanen ist über den Sommer verblasst.

Es wirkt, als sei es über Nacht Herbst geworden. Dem Frosch der Nachbarin ist wohl schon zu kalt.

Am Nordoststrand sind gut eingepackte Gäste unterwegs und sammeln im abfließenden Wasser Strandglas oder suchen nach rotem Feuerstein.

Oben auf dem Felsen treibt der Wind ein paar Tropfen und mich vor sich her. Am Horizont eine tiefblaue Trennlinie – heute keine Unschärfe, sondern klar und deutlich Helgolands Zukunft – der Windpark im Norden. Bald wird – etwas weiter nordöstlich – ein Zweiter entstehen.

‘Mit gelben Birnen hänget

und voll mit wilden Rosen

das Land in den See.’

geht’s mir durch den Kopf. Das letzte Gedicht Hölderlins.

Kurz ein Aufleuchten. Es gleißt über die See.

Der Boden ist wieder Erwarten warm an meinem Platz. Meine Kapuze muss ich gar nicht hochziehen. Der Wind hat sie mir schon auf den Kopf gesetzt.

Gib uns noch ein paar ‘südlichere Tage‘, bitte ich. Rilke – es ist als Deutschlehrerin manchmal schwer, zwischen all den bedeutungsschwangeren, schönen Sätzen die eigenen zu finden.

Rückblick auf den Sommer:

Vor fünf Wochen kam ich hier wieder an. Ich hatte einen langen inneren Weg zurückgelegt

und hatte ein Verstehen im Gepäck: Der schwarze Vogel, der vor fünf Jahren vor meiner Haustür gelandet war und so breit gegrinst hatte, wird immer da sein, wo immer ich auch sein werde.

Das Leben lebt sich ganz von allein

– das ist schwer und leicht zugleich.

Die Fahnen, die T. vor einem Jahr aufgehängt hat, schicken unsere Gebete in den Wind.

Einmal….

Sommerfrische

ein Wochenende im Spätsommer auf einem entlegenen Flecken im Meer –

heute bin ich früher unterwegs, als ich es sonst am Wochenende zu sein pflege….

auf den Straßen ist noch wenig Betrieb. Nur um den Kindergarten herum wird es etwas lauter – heute findet ein Flohmarkt statt.

Die ‘Busse’ sind noch nicht angekommen, der Falm und die Treppe noch ungewohnt leer .

Auch im Unterland geht es gemütlich zu.

Großhändler verteilen Bestellungen ….

Vorgärten dämmern vor sich hin….

Wäre da nicht das Schild …..

nichts erinnerte an die Katastrophen der Welt –

an das Erdbeben in Haiti

an die Fluchtkatastrophe in Afghanistan.

Das las ich diese Woche in den Zeitungen.

Oh doch – es muss sich wiederholen

– die Solidarität mit Geflüchteten, die Aufnahme von Menschen, die vor Krieg und Repressalien fliehen ….

Apropos Solidarität –

die Schüler der James-Krüss-Schule üben heute Solidarität

und trommeln für Menschen, die vor vier Wochen Haus und Angehörige verloren haben –

Das scheint nicht viel zu sein, aber sie geben das Beste, das sie haben –

ein paar Stunden ihrer Lebenszeit, um Geld für andere einzusammeln.

Die Busse sind inzwischen angekommen – und haben ihre tägliche Fracht an Gästen abgesetzt.

Die Ruhe ist vorbei –

bis heute Abend.

Summer in the City

On the road again – diesmal eine nächtliche Autofahrt mit meinem Bruder durch den Odenwald, den wir beide gut kennen – ein Jahr lang war unser Vater nach L. versetzt, um dort ein Schullandheim zu leiten. Es waren mit die schönsten Monate meiner Kindheit.

Später lebte mein Bruder noch einmal ein Jahr im ‘Wald’ – also mehr als genug Gesprächsstoff für eine nächtliche Tour.

Meine vierbeinige Freundin ist gewachsen und darf inzwischen den Garten untersuchen.

Wir sind im zweiten Corona-Sommer. Mich interessiert, wie sich dies in einer Stadt anfühlt.

Fast scheint es, als sei Corona gewesen,

wären da nicht die Testzentren an jeder zweiten Straßenecke.

Man betritt – wie auf dem Felsen – Innenräume mit Maske. Aber Abstandsregeln scheint es nicht mehr zu geben.

Doch, doch – es gibt sie, zum Beispiel bei der Anmeldung für einen Besuch im Krankenhaus oder im Café des Hofgutes. Also offensichtlich nur noch dort, wo sie durchgesetzt werden.

In der Stadtmitte darf man ohne Maske laufen. In den Cafés sitzen Menschen bei ihrem Latte oder Bier. Aber es herrscht nicht wirklich gute Stadtlaune.

Kein Wunder – die Ds. verzichten zum zweiten Mal auf das höchste ihrer Feiertage – das Heinerfest. Nur ein kleines Karussell erinnert traurig unter dem Reiterdenkmal daran,

dass sich gewöhnlich Anfang Juli an derselben Stelle unzählige Bier- und Fressbuden den Platz mit ihm teilen. Wo sonst der Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln mit Bratwurst- und Pommesfett eine eigenartige Melange eingehen, ist jetzt reichlich Platz zum Flanieren …

sogar soviel Platz, dass die Fotos einer Darmstädter Fotografin – Hilde Roth – großflächig ausgestellt werden können.

Das lohnt sich allerdings:

Welch ein Blick für die Gelegenheit und die Komposition, denke ich, während ich um die Banner herumgehe.

Ein Wägelchen erinnert an das Heinerfest. Dahinter findet sich ein Autoscooter. Aber es fehlt die Atmosphäre von halbstarker Pose und zuviel Deo – nur die Kurzen holen sich ihren Spaß.

In diesem Kino habe ich meine ersten Film gesehen – Dr. Schiwago. Das war nicht meine Wahl, ich war erst zehn. Meine Mutter brauchte wohl Begleitung, um einer alten Erinnerung nachzuhängen ;-).

Ich weiß nicht, warum es jetzt geschlossen ist. – Schade, aber es ist nicht das Einzige, das in D. schließt….

Nachdenklich blickt der alte erste Großherzog auf seine Stadt …

Im Herrngarten dann eine kurze Entladung von Krawall – ein Radfahrer kommt nicht schnell genug voran. Heftiges Klingeln und Gebrüll. Ein Fußgänger fühlt sich beiseite gedrängt. Man schimpft aufeinander ein. Der Radfahrer bleibt kurz stehen. Der Fußgänger läuft auf ihn zu – jetzt erstaunlich schnell, ohne seine verbale Kanonade zu unterbrechen. Als der Radfahrer wieder losfährt, rennt ihm der Fußgänger sogar noch hinterher, so wichtig ist ihm sein Recht auf ungestörtes Gehen. –

Man ist empfindlich geworden, achtet mehr auf das eigene als das Recht des anderen. Das beobachte ich.

Danach scheint alles wie zuvor –

Auch Goethe und Kant haben wieder Gesellschaft.

Am Abend – ein Spaziergang zum Watzebuckel, wo sich Jugendliche coronagerecht in kleinen Grüppchen versammelt haben. Na also, geht doch.

Der Mond versteckt sich hinter den Wolken, aber der Watzebuckel ist schon hoch genug, um einen Nachtstadtblick zu gewähren. Auch wir sitzen hier und philosophieren – und schweigen und genießen, bis es uns kalt wird.

Am nächsten Tag – die Gärten sind leer, kein Wunder, es tröpfelt ein bisschen. Mich hält das nicht davon ab, rauszugehen, aber in Süddeutschland gilt dies als schlechtes Wetter.

Also hat einer meiner Brüder ein tête-à-tête mit Karl – und wir später einen Kaffee auf dem Hofgut.

… Auf diese beiden Plakate stieß ich als erstes …großartig in dieser Kombi:

‘Schicksal, Verantwortung und der freie Wille’ – warum muss es immer eine Fanfare sein? – Über alle drei Begriffe ließe sich ein eigenes Kompendium schreiben. Welche Mauern sollen da niedertrompetet werden? –

‘Matchen. Chatten. Durchstarten.’ – dies klingt wie ‘Alles easy, Leute. Wir haben ein neues Normal, bald eine schöne neue Welt….’ – Und ja – wem soll die Last genommen werden, dass wir durch unseren Lebensstil zur Pandemie beigetragen haben? –

Nein, ist nicht alles easy, leider…… und nein, ihr Damen und Herren aus der Gralsbewegung, ihr mögt euch erleuchtet fühlen, aber ihr seid nicht raus: Ihr seid Teil dieser Welt, die auch euch Bedingungen setzt – und nur in Anerkennung dieser Tatsache kann der menschliche Wille frei sein – vielleicht ein wenig mehr Bescheidenheit? –

Und dazwischen hängen wir alle – zwischen Krisenbewusstsein und dem Wunsch, dass alles doch ganz leicht sein solle – wie früher….?

Sommerreise

Warum reist man? – Die Meisten würden sagen, um etwas anderes zu sehen, um sich zu entspannen. Einige wünschen sich Bildung , andere Unterhaltung – und wieder andere abhängen, Luxus und dolce vita.

Ich reise , seit ich auf dem Felsen wohne, um meine Leute zu sehen. Deshalb sind es immer wieder die gleichen Orte, an denen ich ankomme. Macht nichts, ich komme ja gerade von einem Platz, an dem andere Urlaub machen – und ich arbeite….

Ich möchte wieder das Watt von oben sehen, also entschließe ich mich zu fliegen. Aber es regnet, dann sieht die Welt von oben so aus.

Außerdem hat es den Vorteil, dass ich ausnahmsweise mal nur einen Tag zu meinem ersten Ziel brauche.

Ein Jahr lang bin ich nicht dort gewesen, das letzte Mal mit T. – Ja, es hat sich einiges verändert, aber nur Weniges.

Es ist ein eigensinniger Ort, eine Insel auf dem Festland,

bewohnt von Vier- und Zweibeinern.

Nebenan ein Fluss,

der Ende Juni eine grüne Wildnis ist.

Bevölkert von Urtieren,

geteilt durch einen lost place.

…. Hier träumen Menschen von der weiten, anderen Welt…..

… aber auch damit funktioniert das Träumen …..

Kaum zu glauben, dass keine 5 km entfernt sich eine Großstadt ausbreitet. Aber ich verbringe sieben Tage an diesem Platz, ohne das geringste Bedürfnis, die Stadt aufzusuchen. Ich lasse meine Seele wandern, lese, gehe spazieren, puhle zwischendurch Holunderbeeren, höre zu und habe öfter mal Tränen in den Augen.

Dann fahre ich weiter – Frankfurt.

Da habe ich mal eine Weile gewohnt. Hier rieb ich mich an der rotzigen Großstadt, lernte, wie man unterrichtet – und gründete eine Familie.

Als ich in meinen Twenties hierherkam, war ich abgestoßen und zugleich fasziniert von diesen Türmen, die wie in San Gimigiano den Einfluss der Quartierspatrizier anzeigen. 600 Jahre liegen dazwischen und kein Stück dazugelernt? –

Für mich sind seitdem fast 40 Jahre vergangen – mich gruselt diese Demonstration von Macht immer noch, obwohl ich eine Zeit lang in einem der Türme gearbeitet hatte.

Weiter über den Main nach Süddeutschland hinein …

Ich will in den Odenwald zu meinem Sohn und seiner Frau.

Welch ein Gegensatz: Man wohnt in einem großen Dorf, das durch sein Panorama mehr verspricht, als es bei einem Spaziergang später einlöst.

Der Garten soll noch werden,

ein kleiner Anfang ist gemacht.

Sooo long Anna …..

Es ist unter der Woche – und für mich ist es absoluter Luxus, an einem Wochentag ein Touri-Event zu unternehmen. Aber meine Schwester hat die Rundfahrt gebucht und ich habe versprochen mitzukommen. Nein – sie musste mich nicht zwingen – im Gegenteil…..

Alles geht schnell. Wir steigen in ein Börteboot und finden uns zwischen mittelalten Menschen wieder: zwei Ehepaaren, neben mir sitzt eine Frau mit fotografischem Profi-Equipement. Die ganze Fahrt über wird ihre Kamera leise von den im Sekundenrhythmus geklickten Bildern surren. Neben ihr komme ich mir mit meiner kleinen zierlichen Kamera wie ein Leichtgleiter neben einem Airbus vor. Aber ich würde mein leichtes Gerät nie gegen das schwere meiner Nachbarin tauschen wollen.

Im Bug des Bootes hockt ein Teenager. Es ist nicht auszumachen, ob die deutlich schlechte Laune aus Unwohlsein oder dem Zwang der Mama, die auch dabei ist, entstanden ist.

Das Wasser ist samtweich…

Wir fahren an der Nordostkante des Felsens entlang Richtung Lange Anna.

Unser Gästeführer arbeitet auch für die Biologische Anstalt des Alfred-Wegener-Institutes. Das ist auf Helgoland nicht ungewöhnlich, das Menschen zwei Jobs haben. Das Leben hier ist für Insulaner teuer.

Wir halten auf Höhe der langen Anna an – und eine Leine mit einer Boje wird herausgezogen. Am Ende erscheint ein Korb, eine Reuse und wir blicken auf einen kleinen Hummer und fünf Taschenkrebse.

“Nein, die werden nicht gegessen”, versichert uns unser Gästeführer, mal abgesehen davon, dass der arme Hummer wirklich noch sehr klein ist.

Sie werden von den Meeresbiologen vermessen und dürfen dann ins Felswatt zurück.

Weiter geht es Richtung Nordspitze – und noch etwas erscheint, das von Land aus nicht zu sehen ist – die Kleine Anna. Sie steht als Felsnadel zwischen der Langen Anna und dem Felsen.

Oder sitzt sie da etwa?

Wir umrunden die Nordmole, Reste des größenwahnsinnigen Projektes Hummerschere der deutschen Faschisten, das Helgoland zur U-Bootfestung in der Nordsee machen wollte.

Dann folgt der Schensky-Blick.

Jaa – Franz Schensky ist DER Helgoländer Fotograf.

Die meisten Fotografien aus dem frühen 20. Jahrhundert von Helgoland stammen von ihm. Bewundernswert, wie scharf und klar diese Aufnahmen sind.

Da oben am Vogelfelsen stehe ich oft.

Ein letzter Blick zurück –

noch sind wir vom Südhafen eine Viertelstunde entfernt, aber mein Akku ist leer.

Ciao Anna –

Mein Stadtpark

Besuch zeigt man gewöhnlich, zumal wenn er -ähm sie – das erste Mal da ist, die Schönheiten des eigenen Wohnortes.

Diesmal geht es in meinen ‘Stadtpark’, die Düne.

An anderen Orten spaziert man einige Straßenzüge, um etliche Ecken, bis man das Grüne erreicht hat. Hier nimmt man eine andere Art von Bus, die Witte Kliff.

Sie bringt uns innerhalb von 10 Minuten in eine andere Welt aus Wasser und Sand.

Klar, auch hier gibt es eine kleine Siedlung von Ferienwohnungen, einen Campingplatz. Man kann Minigolfen und essen gehen.

Und es gibt einen Flughafen – so klein, dass er schon fast anrührt.

Den Rest der Sandinsel teilen wir Zweibeiner uns mit Vögeln und Robben.

Robben können nicht lesen – und manche Touristen wollen es nicht. So entstand ein safer space für Seehunde und Robben an der Nordostecke der Insel.

Aber auch Seehunde gehen gerne aus und so ist diesmal keiner zuhause.

An der Aade machen wir Rast – an meinem alten Platz, an dem ich monatelang nicht war.

Tja – war ein besonderer Platz für besondere Gespräche, gemeinsames Schweigen, Wegsein aus dem Alltag.

Auch mit D., meiner Schwester, kann man einvernehmlich schweigen.

Wir finden einen angeschwemmten Seestern. Leider ist er schon ausgetrocknet. Sonst hätten wir ihn ins Meer zurückgetragen.

Dann, auf unserem Rückweg, entdecken wir doch noch die Robbenkolonie – und mit uns etliche andere Zweibeiner. Wir lassen uns an der Absperrung nieder, die einen gebührenden Abstand zu der anderen Spezies herstellt.

Von hier aus wirkt der Felsen wie das Festland. Meine Schwester sagt, die Düne sei das potenzierte Helgoland.

Recht hat sie ,-)

Mar y Sol

Klippenrandweg – ein absolutes Muss für jeden Besuch auf Helgoland …..

Wir gehen abends los – und meine Schwester findet eine weitere Liebe, den Abend an der Langen Anna.

Das Schauspiel beginnt …. tata …..

immer gleich – und immer anders.

Während meine Schwester auf Fotosafari geht

schaue ich auf meinem Platz dem Leben zu.

Viel Verkehr auf der See – auch andere schauen in die Sonne, nur 40 m weiter unten.

Ich bekomme Schnuckenbesuch.

Derweil macht die Sonne, was sie immer macht …..

Ich zitiere meiner Schwester Heinrich Heine:

Das Fräulein stand am Meere

und seufzte lang und bang.

Es rührte sie so sehre

der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! Sein Sie munter

es ist ein altes Stück;

Hier vorne geht sie unter

und kehrt von hinten zurück.”

Und wir grinsen uns an – und geben uns der Schönheit des Anblicks hin –

und ja – mich rührt es jedes Mal an.

Mar y Sol – es ist zum Niederknien.

Besuch – Orte, an die wir gehen

Jaaaa – ich hatte Besuch – von meiner Schwester.

Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand den weiten Weg zum Felsen auf sich nimmt, das Risiko eines flauen Magens bei der Überfahrt eingeht und dann noch eine ganze Woche bleibt. Whow.

Manchmal haben Festländer das Gefühl, nach zwei Tagen schon alles gesehen zu haben. Dann taucht die Frage auf: “Und was jetzt?” – Hinsetzen, schlendern, schauen – und anfangen, die Helgoländer Zeit zu genießen, ist für Menschen, die aus den Metropolen kommen, nicht einfach.

Meine Schwester hat es geschafft – und mir so einen neualten Blick auf diesen Flecken Erde geschenkt.

Wir laufen über den Klippenrandweg zum Nordoststrand. Es darf wieder Fußball gespielt werden.

Fast ein Jahr lang fielen alle Angebote des Vfl Fosite aus.

Am Nordoststrand beginnt eine neue Liebe.

Nein – nicht so …… Meine Schwester beginnt einen Strand zu lieben. Wir sammeln Meerglas, das ich zum Basteln brauche.

Ich entdecke ein paar Gemeinsamkeiten.

Ein anderer Strand – zu einer Zeit, als ich noch regelmäßig an den Atlantik fuhr, um Meer und Fels zu finden.

Am Ende hat sie das Meiste gefunden –

was das wohl ist? – Wir fabulieren – vielleicht die neue Scheibe von Helgoland?

Ich fotografiere und hänge Erinnerungen nach.

Als ich das letzte Mal hier war, war es Ende September. Auch zum Meerglassammeln und Sandholen, aber mein Begleiter war ein langer schwarz gekleideter Mensch und wir suchten eine schöne Stelle, um die Sandsammlung meines Bruders zu erweitern.

Zwischendurch – Fütterung der Jungmöwen…..

… Alleinerziehende haben es auch unter anderen Zweibeinern nicht einfach.

Dann fängt es an zu tröpfeln.

Ein Komoran sitzt an der Außenspitze der Promenade.

Wir werden beobachtet …

und gehen über die Promenade am Wasser entlang zurück.

Einige Angler lassen sich durch das Nasse von oben nicht stören.

Orte, an die wir gehen ….. Merci, ma soeur.